Ludwig-Maximilians-Universität München
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Gemeinsam durch die Krise

Studentisches Engagement in Zeiten der Pandemie (Teil 2)

München, 04.08.2020

Zeiten der Krise sind meist Zeiten, in denen Menschen zusammenrücken. Seit Beginn der Covid-19-Pandemie bekommen nicht nur Krankenhäuser, Tafeln und Schulen ehrenamtliche Unterstützung. In dieser Reihe stellen wir LMU-Studierende vor, die Anderen im Alltag unter die Arme greifen. Wie Annika und Ashkhen: Sie haben in ihren jeweiligen Nachbarschaften eine Nachbarschaftshilfe gegründet.

Annika hat für Germering eine Nachbarschaftshilfe auf die Beine gestellt. Seit das Sommersemester wieder angefangen hat, erledigt sie dort ein paar Stunden die Woche die "Schreibtischarbeit". Foto: Annika Geigl

„Irgendwie müssen wir denen helfen!“ Das dachte sich Politikwissenschaftsstudentin Annika, als die Corona-Krise ihren Anfang nahm. Denn alten Leuten oder Menschen mit Vorerkrankung wurde geraten, möglichst zu Hause zu bleiben, um so die Möglichkeit einer Ansteckung zu minimieren - schon der Gang in den Supermarkt bedeutete für sie ein Risiko.

Um diesen Menschen zu helfen, gründete Annika kurzerhand gemeinsam mit ihrem Freund eine Nachbarschaftshilfe für Germering, wo die 22-Jährige auch aufgewachsen ist. Sie griff dabei auf das Netzwerk des Leo-Clubs Germering zurück, eine Jugendorganisation des gemeinnützigen Vereins Lions Club, in dem sie sich schon länger engagiert.

„Wir hatten noch das Hotline-Handy unserer jährlichen Nikolaus-Aktion vom Leo Club und haben darüber eine Notfall-Hotline eingerichtet. Am Anfang waren wir gerade mal zu viert, nach ein bisschen Werbung aber schließlich über 20 Helfer*innen.“

„Ihr könnt euch einfach bei mir melden“

ashkhen_nachbarschaftshilfe_260_webAuch Ashkhen (25), die im zweiten Semester Kommunikationswissenschaft und Medienforschung studiert, wollte sich in ihrer Nachbarschaft in Maisach engagieren. „Auf einen Zettel habe ich meine Nummer und meinen Namen geschrieben, den Nachbarn gegeben und ihnen gesagt: ‚Ihr könnt euch einfach bei mir melden. Ich kann für euch einkaufen gehen oder euch daheim unterstützen.“ Doch niemand meldete sich.

„Ich dachte, vielleicht vertrauen sie mir nicht, weil sie mich nicht persönlich kennen,“ erzählt Ashkhen. „Also habe ich mich langsam herangetastet. Ich wohne bei einer 95-jähringen Seniorin. Wenn ich für sie einkaufen gegangen bin, habe ich einfach bei den Nachbarn geklingelt und gefragt, ob sie etwas brauchen.“

Langsam begannen die Nachbarn aufzutauen und Ashkhens Hilfe anzunehmen. „Ich habe ihre Einkäufe erledigt und auch ein paar Mal veganen Kuchen gebacken und mit ihnen geteilt, sodass sie wissen, dass sie nicht allein sind."

Jemand, mit dem man reden kann

Auch bei Annika nahmen gerade ältere Leute gerne die Hilfe in Anspruch. Der örtliche Sozialdienst und die Stadt Germering leiteten HIfesuchende an die Studentin und ihr Team weiter. Anfangs meldeten sich sehr viele, mittlerweile erledigt Annikas Nachbarschaftshilfe für einen festen Kern von etwa zwanzig Leuten ein bis zweimal pro Woche die Einkäufe. Als Annika jedoch selbst in Quarantäne musste, übernahm sie die „Schreibtischarbeit“: Werbung, Kontakt mit dem Sozialdienst sowie Helfer:innen und Hilfesuchenden.

Dabei stellte Annika fest: Viele der Hilfesuchenden fühlten sich einsam und hatten großen Redebedarf. Eine Beobachtung, die auch Ashkhen machte. Als das Eis einmal gebrochen war, fingen einige Nachbarn an, sie auf einen Plausch einzuladen. „Manchmal besuche ich sie einfach, um einen Kaffee zu trinken und mich mit ihnen zu unterhalten.“

Für einen Nachbarn etwa geht Ashkhen jede Woche einkaufen. „Er hat sich jedes Mal so gefreut und mich mehrmals für einen anderen Tag zum Kaffee trinken eingeladen. Ich spüre, dass er einfach nur jemanden braucht, mit dem er reden kann. Und da er so gern über die DDR redet, habe ich jetzt mein Interesse für ostdeutsche Geschichte entdeckt“, lacht sie.

Ein bißchen wie Tinder

Auch Annika genoss die Gespräche mit den Anrufern bei ihrer Nachbarschaftshotline. „Der Kontakt mit den Leuten war sehr schön, aber die ganze Koordination auch sehr zeitintensiv. Irgendwann war klar, dass wir das neben der Uni nicht mehr weiterführen können.“ So kam die Idee auf, das Münchner Helferportal „Dein Nachbar e.V.“ nach Germering zu bringen. „In viel Abstimmungsarbeit mit der Stadt und dem Sozialdienst ist mir das schließlich gelungen.“

Auf dem Helferportal kann sich jeder als Helfer*in kostenlos registrieren und erhält über die zugehörige App Anfragen von Hilfesuchenden. „Mit einem Klick, ein bisschen tindermäßig, können Anfragen angenommen, aber auch ohne Begründung abgelehnt werden. Man kann zu festen Zeiten helfen oder ganz spontan: Also wenn ich zwischen zwei Vorlesungen Zeit habe, kann ich in der App nachschauen, ob es offene Anfragen gibt und kurz einkaufen gehen“, erklärt Annika.

Seit das Studium wieder angefangen hat, arbeitet Annika noch ein paar Stunden in der Woche mit dem Verein zusammen und macht Werbung für die Initiative. „Es läuft zwar eher langsam an, aber ich freue mich, dass soziales Engagement in Germering jetzt ein Stück einfacher geworden ist.“