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Interview

„Die Studienwahl ist ein Mosaik an Entscheidungen“

München, 10.03.2020

Wie findet man das richtige Studium? Ist ein Studienabbruch das Ende? Und wie ist das mit dem Studium und dem späteren Beruf? Im Interview berichtet die Absolventin Katie von ihren Erlebnissen und Studienberaterin Christiane Mateus von ihren Erfahrungen.

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Katie kennt die Angst und Zweifel vor Studienentscheidungen. Sie hat ihren Bachelor in Kommunikationswissenschaften Ende 2019 abgeschlossen: „Vor meinem Studium habe ich bereits Vollzeit gearbeitet und habe lange hin- und herüberlegt, ob ich wirklich nochmal ein Studium wagen soll. Es hat mir sehr geholfen, mich mit Menschen aus dem Institut und aus meinem Umfeld auszutauschen." Sie schmunzelt: „Zweifel gab es natürlich zwischendrin auch ab und an, schon allein der Gedanke an Statistik ist heute noch schlimm. Aber jetzt im Nachhinhein bin ich wahnsinnig glücklich mit der Entscheidung und auch sehr sehr stolz auf mich. Denn ich habe nicht nur Theoretisches dazu gelernt, sondern bin auch bei meiner persönlichen Entwicklung wirklich weitergekommen." Foto via Instaga: @servus.katie.

Frau Mateus, was ist die größte Sorge von Schülerinnen und Schülern, die in Ihrer Beratung sitzen?
Die große Herausforderung für sie ist, eine Entscheidung zu treffen, die größte Sorge ist es, eine „falsche“ Entscheidung zu treffen. Das ist oft mit der Vorstellung verbunden, dass es keinen Rückweg mehr gibt und die Studienwahl in eine Einbahnstraße führt. Sprich: Ich treffe eine Entscheidung und muss mit den Konsequenzen dann mein ganzes Leben verbringen.

Ist diese Angst berechtigt?
Viele konzentrieren sich darauf, was sie einmal arbeiten möchten und versuchen, daraus eine Entscheidung abzuleiten. Gleichzeitig können sie sich aber auch noch nicht wirklich vorstellen, wie denn der Arbeitsmarkt funktioniert. Für manche Fächer ist es wichtig – zum Beispiel, wenn jemand Lehrer oder Arzt werden will. Er ist in den meisten Fällen aber sehr weit gedacht. Ich finde gut, wenn sich Schülerinnen und Schüler dazu Gedanken machen und ein Ziel haben – es ist aber aus meiner Sicht nicht das ausschlaggebende Kriterium. In den meisten Fächern ist das Studium im Hinblick auf spätere Arbeitsmöglichkeiten keine Einbahnstraße. In Zeiten der Digitalisierung ändert sich die Arbeitswelt zudem schnell. Es ist meines Erachtens entscheidender zu fragen, welches Studium mir Spaß machen könnte, als zu sehr in die Zukunft zu blicken. Denn das ist genauso wichtig.

Die Frage nach dem passenden Studium. Wie findet das ein Studieninteressierter am besten?
Den perfekten Weg gibt es nicht, da die Wahl sehr individuell ist. Für mich als Beraterin ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler sich zuerst einmal selbst fragen, was ihnen wichtig ist und welche Faktoren sie bei ihrer Wahl miteinbeziehen möchten. Wenn mir dann ein Ratsuchender gegenübersitzt und sagt: Ich möchte gerne viel Geld verdienen und deswegen möchte ich BWL studieren, dann ist das für ihn stimmig. Viele möchten sich aber eher besonders gut auf den Arbeitsmarkt vorbereiten und entscheiden sich deshalb z.B. für BWL oder Jura. Da ist es dann meine Aufgabe nachzufragen: Was interessiert dich an Jura oder BWL? Warum glaubst du, dass du damit gute Chancen im Arbeitsleben hast?

Diese Selbstreflexion ist für junge Menschen sicher nicht leicht?
Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Die Vorstellung davon, bei der Studienberatung die perfekte Antwort zu bekommen, ist falsch. Klar, in dem Moment, in dem wir Fragen zu den individuellen Wünschen stellen, muss sich der- oder diejenige mit sich selbst auseinandersetzen, reflektieren. Das kann schwierig sein, denn das heißt auch, sich mit den Vorstellungen von Freunden, der Familie und Bekannten auseinanderzusetzen.

Stichwort „Helikoptereltern“: Sind Eltern gute oder schlechte Ratgeber?
Eltern kennen ihre Kinder oft am besten. Die Schüler können ihre Eltern also fragen: Was siehst du an mir für Eigenschaften? Worin bin ich gut? Was kann ich? Es ist sinnvoll, diese Fragen auch Freunden zu stellen und generell Feedback einzuholen, wo die jeweiligen Stärken und Interessen liegen. Schwierig finde ich, die Eltern unreflektiert bei der konkreten Studienentscheidung mit einzubeziehen. Zuerst müssen wir als Berater herausfinden, wie wichtig die Meinung der Eltern für den Studieninteressierten ist. Im schlimmsten Fall hat die Studienwahl Streitigkeiten mit den Eltern zur Folge.

Kommt das denn oft vor?
Ja, die Vorstellungen der Eltern sind natürlich enorm prägend, gerade zu Beginn. Im Gespräch selbst wird dann aber schnell deutlich, dass die Schülerinnen und Schüler selbst die Entscheidung treffen wollen oder möchten. Ab und an passiert es natürlich trotzdem, dass Eltern ihre Kinder derart beeinflussen und es schwer wird, adäquat zu beraten. Wenn Eltern die Ratsuchenden begleiten, versuchen wir, sie ins Gespräch mit einzubeziehen. Auch am Campustag gab es einen Vortrag zu der Frage, wie man sein Kind bestmöglich bei der Entscheidung unterstützen kann

Neben Eltern und Freunden – was halten Sie von medialen Hilfestellungen wie Bloggern oder Studienwahltests?
Alles, was einen bei der Entscheidung unterstützt, ist wunderbar. Man darf nur nicht vergessen: das alles sind Mosaiksteinchen. Man kann sich nicht ausschließlich auf eine Quelle verlassen, auf einen Test, oder ein Video, sondern sollte sich immer so breit wie möglich informieren. Dabei ist auch die Rückkoppelung mit sich selbst wichtig: auch wenn der YouTuber oder die Podcasterin sehr begeistert von ihrem Bereich sind, bin ich das dann auch?

Das Studienangebot erscheint unendlich, so viele verschiedene Universitäten, Fachhochschulen, Studiengänge, Fächer und Fachkombinationen. Kann man sich da denn überhaupt richtig entscheiden?
Ich glaube schon, dass man sich richtig und gut entscheiden kann. Viele beginnen mit einer Marktuntersuchung, wollen alles vergleichen. Wir haben aber zurzeit über 20.000 Studiengänge, da wird man niemals fertig. Deshalb rate ich immer dazu, sich selbst zu fragen, was man gerne möchte, was das Studium bringen soll und auch, ob es überhaupt ein Studium sein muss. Danach kann man sich dann mit den Inhalten beschäftigen: Was ist mir thematisch wichtig, welche Fragen möchte ich in dem Studium beantwortet haben, welche Fragen bringe ich an das Fach mit. Und im nächsten Schritt kann man sich gezielt über das Angebot informieren. Mit dieser Herangehensweise tun sich viele leichter.

Schlussendlich ist der Entscheidungsprozess nicht beendet, sobald das Studium beginnt. Denn die meisten Studierende haben während des Studiums mit Zweifeln zu kämpfen. Wenn die- oder derjenige dann aber rekapituliert, wie und warum er oder sie sich für das Fach entschieden hat, fällt der Umgang mit diesen Sorgen leichter. Dann kann man besser beurteilen, ob das jetzt nur eine Durststrecke ist oder ob es doch sinnvoll ist, das Studium abzubrechen und neu zu überlegen.

Studienabbruch klingt schon hart und wird sicher von vielen als schlimm empfunden.
Nein, es ist überhaupt nicht schlimm abzubrechen. Es gibt keine Notwendigkeit, etwas durchzuziehen, was einem nicht guttut. Das ist auch mein Credo als Beraterin: Die Studienzeit soll auch eine Zeit sein, auf die man positiv zurückblicken kann. Weil man viel gelernt, sich weiterentwickelt hat, an seine Grenzen gestoßen ist, diese Grenzen aber auch verschieben konnte. Diese Freiheiten hat man dann im Berufsleben meist nicht mehr. Manches muss man auch erst austesten und lernen, die eigenen Prioritäten zum Beispiel. Dafür eignet sich das Studium sehr gut. Manche brauchen für so eine Entscheidung länger, ein, zwei Semester oder vielleicht sogar noch länger. Ich kenne aber auch Fälle, in denen sich die Erstsemester innerhalb von zwei Wochen darüber bewusst geworden sind, dass das nicht das richtige Fach für sie ist.

Eine kritische Zeit bei der Überprüfung dieser Entscheidung ist oft Weihnachten und Silvester. Da kommen die Familienfragen, an Silvester stehen dann Neujahrsvorsätze an. Tatsächlich haben wir Anfang Januar sehr viele Anfragen. Genau aus diesem Grund haben wir auch unseren Workshop zum Thema „Studienabbruch“ auf Januar und Februar gelegt. Die Erstsemester sind da noch ganz am Anfang, die späteren Semester stehen dann schon vor wichtigen Prüfungen und geraten ins Zweifeln. Unser Workshop wird da gut angenommen.

Nochmal zurück zum Thema Studienwahl und Beruf. Wie sehen Sie das Zusammenspiel von Studium und Beruf?
Die Verknüpfung von einem Studienfach mit einem bestimmten Beruf ist gar nicht so leicht, wie ich eingangs erwähnte. Dafür gibt es inzwischen aber auch sehr gute Beratungs- und Mentoring-Programme, die genau darauf ausgerichtet sind. So wie auch die Studienwahl ein Prozess ist, ist auch die Berufswahl ein Prozess und sollte mit der gleichen Sorgfalt bedacht werden. Was kann und will ich leisten, welcher Typ bin ich und wie arbeite ich mit Menschen zusammen? Dafür gibt es ja zum Beispiel das Programm von Student und Arbeitsmarkt oder Praxisangebote in den Fächern, z.B. durch Lehre@LMU, die genau aus dieser Intention heraus entstanden sind. Auch die Arbeitswelt möchte erkundet werden und ich finde es wichtig, das bereits während des Studiums zu tun.

Gibt es den Taxifahrer-Mythos überhaupt noch?
Professor Armin Nassehi sagte dazu: Ja, man wird Taxifahrer! Es ist immer nur die Frage, ob man links vorne, oder rechts hinten sitzt.

Studienwahl, Studienabbruch, Beruf… Was Wichtiges vergessen?
Mir ist das hier noch wichtig: Ich wünsche jedem, dass er oder sie ein Fach findet, das motiviert und die Kraft zurückgibt, die hineingesteckt wird. Und egal, wie schwer die Findungsphase manchmal sein kann: Es hilft immer, einen Schritt zurückzutreten und sich vor Augen zu halten, welche großartigen Möglichkeiten einem zur Verfügung stehen. Die Universität bietet so viel, denn man hat ja sonst nie die Möglichkeit, so viele Einblicke in Bereiche zu erlangen, in denen so viele hochkarätige Wissenschaftler unterwegs sind. Man bewegt sich wirklich in einer exzellenten Forschungs-Community und die LMU hat den Anspruch, die auch für jeden zu öffnen.

 

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Christine Mateus ist die Stellvertretende Leitung des Referats III.1 - Zentrale Studienberatung.

 

 

 

 

 

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