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Logbuch Digitale Lehre

Teil 2: Der neue Online-Alltag

München, 15.05.2020

„Es braucht ein bisschen Zeit, bis sich alle dran gewöhnen. Aber die Chance, dass es gut wird, gibt es!” Victoria ist 23 Jahre alt und studiert an der LMU Germanistische Linguistik im Master. Das aktuelle digitale Semester war auch für sie eine Umstellung. Wie sie die ersten Vorlesungen und Seminare erlebt hat, berichtet sie in ihrem Tagebuch.

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Der Laptop hängt am Netzteil, Block und Kugelschreiber liegen bereit, die WLAN-Verbindung ist (hoffentlich) stabil. Der erste Vorlesungstag in diesem Sommersemester startete ein wenig anders als meine vorherigen Semester. Zur Uni aufmachen? Dieses Semester mache ich nur meinen Laptop auf. Denn dieses Semester findet online statt.

Anstelle des Seminarraums an der LMU mit Adresse Schellingstraße betrete ich seit zwei Wochen vom Schreibtisch aus Chaträume mit Adresse zoom.de. Ich kopiere das vom Dozenten per E-Mail verschickte Passwort und füge es ein. Zugegeben: Die Copy-und-Paste-Aktion verläuft einfacher als so manche Raumsuche zu Semesterbeginn an unserer Hogwarts-ähnlichen Universität.

So weit, so gut. Als allerdings vor ein paar Wochen meine Fakultät erstmals per E-Mail verkündete, dass es dieses Semester keine Präsenzlehre geben würde, kamen bei mir als allererstes zwei grundlegende Fragen auf: Wie wird mein studentischer Alltag aussehen? Und natürlich: Wie wird es technisch funktionieren?

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Im Homeoffice lernt Victoria mit Katze statt mit Kommilitonen

Woche eins: Das Erstsemester-Gefühl schleicht sich ein

Mein studentischer Alltag ist normalerweise geprägt vom Austausch und Kontakt mit anderen Studierenden. In meinen geisteswissenschaftlichen Seminaren stehen Diskussionen auf der Tagesordnung. Die Pausen verbringe ich mit den Kommilitonen. Es ist schön, gerade wenn man eh viel im Selbststudium lesen und schreiben muss, Zeit auch vor Ort in der Uni mit anderen zu verbringen.

In meinem ersten Online-Seminar erkenne ich in der Galerie am rechten Bildschirmrand ein paar bekannte Gesichter. Kontaktaufnahme über „Ist hier noch frei?“ nicht möglich. Die erste Woche ist sehr anonym. Die Dozenten reden, Fragen kommen über den Chat. Nur ein paar Kommilitonen haben ihre Mikrofone nicht stummgeschaltet. Zwischendurch niest jemand mehrmals heftig hintereinander — und ergattert damit den ungewollten Auftritt, im Vollbild 25 Seminarteilnehmern über den Bildschirm zu flimmern.

Wie auch beim Studienbeginn, als man das erste Seminar oder die erste Vorlesung besucht hat, braucht es Zeit, den üblichen Umgang und die Gepflogenheiten im universitären Umfeld zu lernen. Jetzt sind es jene im Online-Umgang. Genauso wie beim Studienbeginn kostet es jetzt auch wieder Überwindung, sich im Seminar zum ersten Mal zu Wort zu melden, andere Leute anzuquatschen und locker damit umzugehen, wenn etwas nicht Vorhergesehenes passiert. Nun ist es einfach ein weiteres erstes Mal im studentischen Alltag — dem Online-Alltag.

Mein nächstes Seminar findet asynchron statt. Anstelle zu fester Zeit im Seminarraum zu sitzen, genügen hier ein einführendes Video auf Moodle und ein Arbeitsauftrag. Für meinen Alltag bedeutet das: eine feste zeitliche Verpflichtung weniger. Ich kann mir selber einteilen, wann ich zum Seminar „gehe.“ Auf den ersten Blick ist das für mich gewonnene Freiheit. Im nächsten Moment wird mir jedoch auch bewusst, dass ich mich ohne die zeitliche Verpflichtung noch mehr motivieren muss, meine Aufgaben zu erledigen und nicht zu prokrastinieren. An dieser Stelle glaube ich keinem Studierenden, der behauptet, noch nie ein Problem mit der Selbstmotivation und dem Aufschieben gehabt zu haben.

Gegen Ende der ersten Vorlesungswoche treten nun allerdings meine Befürchtungen ein. Das Seminar soll am folgenden Tag stattfinden — doch bis jetzt habe ich keinerlei Infos erhalten. Weder in der Kommentarspalte im LSF noch per E-Mail. Ich werde nervös. Ich weiß, dass der Dozent nicht sehr technik- und internetaffin ist, die meisten E-Mails bleiben unbeantwortet. Am späten Abend erreicht mich dann doch noch eine Mail mit einer Einladung zur Zoom-Konferenz. Erleichterung. Ich finde gut, dass jetzt eine gewisse unausweichliche Herausforderung auf alle zukommt, sich mit den digitalen Möglichkeiten auseinanderzusetzen.

Woche zwei: Fortschritt!

Einen Montag darauf sitze ich wieder mit Block und Stift gewappnet am Laptop, das Zoom-Passwort in der Kopiervorlage. Ich stelle fest: Es stellt sich eine neue Routine ein – eben mit neuen Eigenheiten. Auf Zoom wird nun schon genauso diskutiert wie offline in Seminaren. Mittlerweile haben alle 25 Seminarteilnehmer ihre Mikros auf stumm geschaltet, während der Dozent redet. Mehr Kommilitonen flimmern abwechselnd über den Bildschirm, langsam entsteht ein Gespräch. So, wie ich es auch offline kenne.

Auch meine weniger digitalaffinen Dozenten haben mittlerweile Kurse auf Moodle erstellt. Normalerweise finde ich dort nur ein bis zwei meiner Kurse im Semester. Dieses Semester sind alle dort gebündelt. Statt Stapeln an einführenden Blättern und Referat-Handouts, die meinen Schreibtisch einnehmen, ist alles an einem Platz geordnet. Das Moodle-Revival sorgt für Übersicht.

Das Beste aus beiden Welten

Dieses Semester lernen wir eben nicht nur den üblichen Stoff, sondern auch die digitale Lehre. Und eventuell entsteht nach diesem komplett digitalen Alltag noch mal ein neuer: Präsenzlehre an der Uni, aber mit denjenigen neuen digitalen Elementen, die wir in unserem Online-Alltag für gut befunden haben.

Und wie fühle ich mich als Studentin der Germanistik und der digitalen Lehre? Ehrlich gesagt: Überrascht, dass es mir relativ gut gelingt, mich dem digitalen Schicksal zu fügen. Aber auch: ein bisschen wehmütig. Erst mal eingelebt im neuen Alltag wird mir klar, woher meine Wehmut kommt. Denn diese hat eigentlich nur indirekt mit digitaler Lehre zu tun. Mir fehlen die Mensa-Dates mit Gesprächen über fragwürdige Nudelsoßen, die Pausen am Kaffeeautomaten, der überfüllte U-Bahn-Aufgang zu Stoßzeiten, die verzweifelte Schließfachsuche in der Schelling 3. Hätte mir einer mal gesagt, dass ich genau das vermissen werde. Aber wahrscheinlich werde ich es nur vermissen, bis ich nicht mehr nur meinen Laptop, sondern mich auch wieder zur Uni aufmache.

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