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Archäologie

Wie sich die letzte Religion der Steinzeit verbreitete

München, 21.02.2018

Schon vor 5000 Jahren setzten sich neue Glaubensvorstellungen überregional durch. Das sogenannte Glockenbecherphänomen breitete sich in Europa auch unabhängig von menschlicher Mobilität aus, zeigt eine internationale Studie.

Glockenbecher aus der Jungsteinzeit (um 2000 – 1800 v. Chr.) mit Stempelverzierung. Fundort: Laa an der Thaya in Niederösterreich.(Inv. 36642. Wien, Naturhistorisches Museum.) Glockenbecher aus der Jungsteinzeit (um 2000 – 1800 v. Chr.) mit Stempelverzierung. Fundort: Laa an der Thaya in Niederösterreich.(Inv. 36642. Wien, Naturhistorisches Museum.) Foto: akg-images / Erich Lessing

Am Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit, ab etwa 2600 vor Christus, verbreitete sich in Europa eine neue Glaubensvorstellung, deren Anhänger neben neuen Bestattungsritualen auch eine bestimmte Keramikform im Grab brauchten: den Glockenbecher. Diese Glockenbecher hatten die bauchige Form einer Glocke und waren aufwändig verziert. Wie sich diese neue Glaubensvorstellung – von Archäologen vorsichtig als „Glockenbecherphänomen“ bezeichnet – am Ende der Steinzeit über Europa ausbreitete, zeichnet nun ein Team von Genetikern und Archäologen in einer aktuellen Veröffentlichung im Fachmagazin Nature nach. Die Forscher verbinden in ihrer Studie erstmals das Wissen über das regionale Vorkommen des Glockenbecherphänomens mit der Analyse von menschlicher DNA aus der damaligen Zeit, um die Ausbreitung der neuen Religion und damit verbundene Wanderungsbewegungen nachvollziehen zu können. Es zeigte sich ganz überraschend: Die neue Glaubensvorstellung breitete sich auch ohne umfassende Migration quer über Europa von Spanien bis nach Ungarn aus.

„Die Studie belegt, dass die Ausbreitung von Kulturelementen nicht nur mit der Migration von Menschen einhergeht. Es sind auch die Ideen selbst, die sich verbreitet haben“, sagt Professor Philipp Stockhammer vom Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der LMU und einer der führenden Archäologen im Team. Die Studie widerlegt die bislang vorherrschende Theorie, dass sich die neue Glaubensvorstellung durch umfassende menschliche Migration über Mittel- und Westeuropa ausbreitete. Eine Ausnahme war jedoch England: Hier brachten Einwanderer in großer Zahl das Glockenbecherphänomen mit.

Die Studie ist die bislang größte Untersuchung alter DNA. In der Analyse wurden Daten von 400 menschlichen Skeletten insbesondere aus Großbritannien, Spanien und Deutschland berücksichtigt. Die neuen DNA-Proben aus Deutschland stammen von Ausgrabungen im Lechtal, für die Philipp Stockhammer kürzlich bereits die umfangreiche Mobilität von Frauen in der Bronzezeit nachweisen konnte. „Man muss diese drei Regionen vergleichen, um die räumliche Variabilität am Übergang von der Steinzeit zur Bronzezeit aufzeigen zu können“, sagt Stockhammer. Der Archäologe sieht mit der Studie, die erstmals in der Archäogenetik in derart großem Umfang modernste DNA-Analyseverfahren einsetzt, mit denen es möglich ist, hunderte von Proben sequenziell auszuwerten, ein „neues Zeitalter der Paläogenetik“ anbrechen.

Tatsächlich veröffentlicht Nature in derselben Ausgabe eine weitere Studie, an der Stockhammer ebenfalls beteiligt ist, über die Einwanderung von Ackerbauern und Viehzüchtern am Beginn der Jungsteinzeit aus Anatolien nach Südosteuropa vor 8500 Jahren. Die Studie zeigt nun erstmals, wie die vor Ort lebenden Jäger und Sammler und die einwandernden Bauern zusammenlebten, wo sie sich aus dem Weg gingen und wo sie sich als Partner fanden. An einigen Orten lebten sie über Jahrhunderte voneinander getrennt. Entlang der Donau schlossen sich aber sogar ehemalige Ackerbauern den dort weiterlebenden Jägern und Sammlern an und gaben den Ackerbau anscheinend wieder auf. (Nature 2018)

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