Ludwig-Maximilians-Universität München
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Zwischen Anpassung und transnationalen Lebensentwürfen:

Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte

München, 22.06.2009

Spätestens seit den „Integrationsgipfeln“ im Bundeskanzleramt in den Jahren 2006 und 2007 ist das Thema Migration eng mit der Forderung nach Integration verknüpft. Nach dem hierzulande vorherrschenden sogenannten Containermodell, dem die Vorstellung einer homogenen Gesellschaft im Einwanderungsland zugrunde liegt, haben sich Migranten, die in ein solches „Container“-Land einwandern, an die dortigen kulturellen Paradigmen anzupassen. Die aktuell erschienene Edition „No Integration?! Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa“ nimmt dieses Modell kritisch unter die Lupe und zeigt, dass die Annahme eines homogenen Gesellschaftscontainers realitätsfremd ist. Gesellschaften wie die Bundesrepublik zeichnen sich vielmehr durch eine große Bandbreite kultureller Heterogenität aus. Die eine hegemoniale „Leitkultur“, der sich Einwanderer integrativ anzupassen haben, lässt sich lebenspraktisch nicht ausmachen, so der Grundtenor der Beiträge. Die Edition geht zurück auf die Gesprächsreihe „No Integration?!“, die in der Spielzeit 2007/08 von den Münchner Kammerspielen, dem Lehrstuhl für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und dem Goethe-Institut veranstaltet wurde.

Die Herausgeber zeigen sich in ihrem Vorwort befremdet über die Wiederkehr eines „essentialistischen Kulturbegriffs“, der das Denken in kollektiven Kategorien wie Wir-und-die-Anderen oder die „Aufnahmegesellschaft“ und die Einwandernden fördere. Der in den letzten Jahren neu aufgekommene Begriff „Migrationshintergrund“ diene ebenfalls nicht dazu, die Einwanderungsgesellschaft zu beschreiben, so die Herausgeber, die LMU-Ethnologen Dr. Sabine Hess und Professor Johannes Moser. Vielmehr schreibe er „die nicht-deutsche kulturelle und nationale Herkunft bis zum Nimmerleinstag kulturalistisch“ fort. Zugespitzt formuliert: Einmal Fremder, immer Fremder.

Von den ursprünglich zwei Ebenen des Integrations-Konzepts sei aktuell lediglich eines hegemonial in Umlauf: das des „Forderns und Förderns“. Es verstehe Integration als „kulturelle Integration“, vor allem bezogen auf Sprache, Kultur und Geschichte, und fordere dies als „Sonderleistung“ der Migranten ein. Dagegen sei die andere Ebene, die Integration als Chancengleichheit im Sinne sozialer, ökonomischer, politischer und kultureller Rechte auf Teilhabe verstehe, nur marginal wahrzunehmen.

Dem Containermodell setzen die Autoren der Edition das Konzept des „Migration-Mainstreaming“ entgegen. Darunter verstehen sie eine Umkehrung des bislang die Migrationswissenschaft und -politik bestimmenden Integrationsparadigmas: Das Containermodell fordere Migrantinnen und Migranten auf, ohne Wenn und Aber von dem einen in den anderen, den deutschen „Container“ zu springen und verbinde dies mit der Loyalitäts- und Identitätsfrage. Demgegenüber will die Mainstreaming-Perspektive der Normalität von transnationalen Lebensvollzügen – eines Lebens quer zur nationalstaatlichen Grenzziehung – Rechnung tragen. „Dabei implizieren die Lebensentwürfe über mehrere Länder hinweg einen anderen Modus der ‚Selbst-Eingliederung’ in Gesellschaften als es selbst liberale Vorstellungen eines Containermodells zulassen würden“, erläutern die Herausgeber. „Nicht ethnische Gemeinschaftsbildungen und Integrationsgrade wären das Problem, sondern Fragen danach, wie diese neuen transnational beziehungsweise global praktizierten sozialen Bürgerschaften post-national konzeptualisiert und verrechtlicht werden könnten.“

Als Antwort auf zunehmende Globalisierung und Mobilität fordern sie, die Bürgerrechte von der Staatsangehörigkeit abzukoppeln und dafür soziale Infrastrukturen und Sicherheitssysteme zu entwickeln, die den Lebensprojekten in mehreren Ländern gerecht werden. „Viele der Herkunftsländer sind dabei führend, neue innovative Modelle und Wege zu beschreiten, ‚ihre’ Migranten auch in der Ferne als Bürger zu betrachten und Pendelexistenzen zu unterstützen, indem sie beispielsweise das Erbschaftsrecht, Versicherungen oder Medien-, Kommunikations- und Bildungsangebote auf Lebensprojekte in mehreren Ländern und fern des Herkunftslands ausrichten.“

Publikation:
„No Integration?! Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa“
Hrsg.: Sabine Hess, Jana Binder, Johannes Moser, transcript Verlag, Bielefeld 2009.

Ansprechpartner:
Dr. Sabine Hess
Volkskunde/Europäische Ethnologie
Tel: 089 / 2180-2131
E-Mail: s.hess@vkde.fak12.uni-muenchen.de

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