Ludwig-Maximilians-Universität München
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„Zwischen Himmel und Hölle“

Forschung zu Arbeitsbedingungen und Überlebens-strategien im Kommando ‚Plantage’ des KZ Dachau

München, 29.04.2008

Am 29. April 1945 wurde das Konzentrationslager in Dachau von der US-Armee befreit. Es gehörte zu den ersten Konzentrationslagen – in den Jahren 1933 bis 1945 wurden dort mehr als 43.000 Menschen ermordet. Ein Teil von ihnen starb bei der Kultivierung des Moorlands östlich des Konzentrationslagers: Hier sollte eines der Vorzeigeobjekte des Reichsführers SS Heinrich Himmler entstehen: Ein Kräutergarten nebst Labor für eine ganzheitliche Naturheilkunde im Dienste einer „Volkmedizin“.

Mit den Arbeitsbedingungen und Überlebensstrategien der Häftlinge auf dieser so genannten „Plantage“ befasst sich die Forschungsarbeit Daniella Seidls, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Unter dem Titel „Zwischen Himmel und Hölle. Das Kommando ‚Plantage’ des Konzentrationslagers Dachau“ sind Ergebnisse ihrer Arbeit jetzt als erster Band der neuen Reihe „Dachauer Diskurse“ veröffentlicht worden.

Der sogenannte ‚Kräutergarten’ war, neben anderen Zweigstellen in Deutschland, Kernstück und Vorzeigebetrieb der „Deutschen Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung“ (DVA), einem der fünf großen SS-Wirtschaftsunternehmen. Er sollte sich mit dem Anbau, Vertrieb und der Erforschung von Heil- und Gewürzkräutern befassen. Unter dem Stichwort einer „Volksmedizin“ sollte eine ganzheitliche Naturheilkunde der Ernährungspolitik, Gesundheitsförderung und Prophylaxe dienen – gleichsam als Gegenbewegung zur traditionellen naturwissenschaftlichen Forschung – eine „Neue deutsche Heilkunde“ etablieren. Im Jahr 1938 begann die Kultivierung des bis dahin ungenutzten Moorlandes östlich des KZs. Vor allem in den ersten Jahren starben viele, vor allem jüdische Häftlinge, durch die unmenschlichen Arbeitsbedingungen. „Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Häftlinge wurden in der bisherigen Forschungsliteratur zum Kräutergarten nur als argumentatives Beiwerk behandelt, da dieser Aspekt die Fragestellung nicht wirklich berührte“, sagt Seidl. Deswegen stelle ihre Untersuchung ganz bewusst das Erleben der Betroffenen in den Mittelpunkt. Neben Interviews mit Zeitzeugen und der Auswertung von Selbstzeugnissen der Betroffenen hat Seidl bei ihrer Forschung auch auf Akten aus dem Spruchkammerprozess gegen den ehemaligen Betriebsleiter der ‚Plantage’, Emil Albert Vogt, zurückgegriffen. „Vor allem in den ersten Jahren war die Arbeit auf der Plantage ein ‚Todeskommando’“, resümiert Daniella Seidl. Die Tätigkeiten auf dem Freiland seien durch schwere körperliche  Belastungen geprägt gewesen, so etwa die Arbeit bei Regen, vollkommen unzureichende Kleidung und schlechte Verpflegung, dazu willkürliche Schikanen und mörderische Brutalität seitens der Bewacher. Diese Bedingungen bedeuteten für die Gefangenen häufig das Todesurteil.

Dabei hingen die Überlebenschancen des Einzelnen auch von der Möglichkeit ab, sich in bestehende Strukturen einzufinden. Gute Kontakte etwa zu „erfahrenen“ Häftlingen erhöhten die Überlebenschance. Ein bedeutendes Machtpotenzial fiel den so genannten Kapos zu – privilegierte Häftlinge, die im Auftrag der Lagerleitung Leitungsaufgaben unter den Häftlingen übernahmen. Sie hatten bei der Anleitung der Häftlinge einen gewissen Spielraum. So hing es oft von ihnen ab, ob beispielsweise der Diebstahl von Erntegut geahndet wurde oder unbestraft blieb. Für die Häftlinge war es unabdingbar, sich diesen Verhältnissen getreu dem Motto „Bloß nicht auffallen“ anzupassen, um ihr Überleben zu sichern. Mentale Fluchten, wie Gespräche neben der Arbeit oder Gebete im Schutz der Pflanzungen, hatten eine große Bedeutung für das Überleben der Häftlinge.

Mit der Aufwertung des Arbeitseinsatzes der KZ-Häftlinge 1942 ging eine Reorganisation der Strukturen einher. Emil Vogt, der Leiter des Kräutergartens, war, ebenso wie die KZ-Leitung, Heinrich Himmler unterstellt und forderte nun eine weitgehende Autonomie des Kräutergartens gegenüber der KZ-Leitung. Unter diesen neuen Bedingungen verbesserte sich die Situation der Häftlinge etwas. So durften, nach Berichten der Zeit- und Augenzeugin Anna Majorowa, die SS-Wachmannschaften weder Strafmeldungen erstatten noch sich in den Arbeitsprozess einmischen. Damit unterstand die Arbeit in der Plantage faktisch den zivilen Angestellten und den Kapos. Nach Aussagen im Rahmen eines Spruchkammerverfahrens gegen Vogt nach dem Krieg ließ dieser Misshandlungen von Häftlingen verbieten – auch die Arbeit bei Regen wurde auf sein Betreiben abgeschafft, allerdings aus einem ökonomischen Pragmatismus heraus: Durch die Arbeit auf dem feuchten Boden konnte den Kulturen Schaden zugefügt werden. Entscheidend für Vogt waren reibungslose Arbeitsabläufe mit einem bestmöglichen Ergebnis: eine Misshandlung von Häftlingen stand diesen Zielen entgegen.

Eine geradezu herausgehobene Stellung unter den Häftlingen hatten die wenigen Facharbeiter im Forschungsinstitut. Sie genossen zum Teil umfangreiche Privilegien, etwa eigene Räume, besseres Essen, Zivilkleidung und in vereinzelten Fällen schließlich sogar die Möglichkeit, das Lager zeitweilig zu verlassen. Ihre Arbeit ermöglichte nicht nur die ‚pseudo-wissenschaftliche’ Forschung des ‚Kräutergartens’ sondern ihr erzwungener Arbeitseinsatz gab ihnen auch ein Stück Selbstachtung zurück und bildete damit eine mentale Überlebensstrategie. Dies zeigt sich in dem Zitat eines der vielen geistlichen Häftlinge der Plantage, des Paters Sales Hess, der eine Position als Pflanzenfotograf bekleidete: „So wurde ich Photograph als KZler. Nie hätte ich mir das träumen lassen. Nun war mir die Arbeitszeit direkt ein Vergnügen.“

Arbeit, so resümiert Seidl, konnte im KZ den Tod bedeuten oder aber die Überlebenschancen verbessern. Im Kommando ‚Plantage’ waren in einem quantitativ ungleichen Verhältnis beide Möglichkeiten gegeben.

Daniella Seidl möchte die Forschungen zum Kräutergarten weiterführen und vor allem die Nachkriegsjahre in den Blick nehmen. „Die Verflechtungen und Besitzverhältnisse des Kräutergartens Dachau und der Umgang mit dieser Thematik nach 1945 sind ein nahezu unerforschtes Gebiet, das noch sehr viel Potenzial enthält“.

Kontakt:
Daniella Seidl
Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie
Tel.: 089/2180-2348
E-Mail: d.seidl@vkde.fak12.uni-muenchen.de

Bibliographischer Hinweis:
Daniella Seidl: „Zwischen Himmel und Hölle. Das Kommando ‚Plantage’ des Konzentrationslagers Dachau“
Hg. von Bernhard Schoßig und Robert Sigel
Dachauer Diskurse Beiträge zur Zeitgeschichte und zur historisch-politischen Bildung
Band 1
Herbert Utz Verlag München 2008

Verantwortlich für den Inhalt: Kommunikation und Presse