Ludwig-Maximilians-Universität München
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Worunter Scheidungskinder leiden

Familienentwicklung nach der Trennung

München, 03.05.2004

„Bis dass der Tod uns scheidet...“ gilt schon lange nicht mehr als allein denkbares Ende einer Beziehung. In Deutschland geht etwa jede dritte Ehe in die Brüche, was besonders für die Kinder aus diesen Beziehungen weit reichende Folgen hat. Sie müssen nicht nur die Trennung der Eltern verkraften, sondern in der Folgezeit oft auch mit neuen Partnern ihrer Eltern zurechtkommen. Seit 1994 läuft das Forschungsprojekt „Familien in Entwicklung: Kinder und Jugendliche in Deutschland“ zur Entwicklung von Familien in unterschiedlichen Lebenslagen. „Trotz der vielfältigen Anforderungen an Eineltern- und Stieffamilien: Wir konnten bei Kindern und Jugendlichen aus Scheidungsfamilien kaum Nachteile in der Persönlichkeits-, Sozial- und Kompetenzentwicklung im Vergleich zu ihren Altersgenossen in traditionellen Kernfamilien mit beiden leiblichen Eltern nachweisen“, so Professor Sabine Walper vom Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung, die federführend an dem Projekt beteiligt ist. „Neu ist allerdings, dass sich in manchen Fällen Belastungen erst im Lauf der Zeit abzeichnen, bedingt durch die größere Instabilität der Lebensverhältnisse in Trennungsfamilien.“

Welche Risiken und Chancen birgt das Aufwachsen in unterschiedlichen Familienformen? Das Forschungsprojekt „Familien in Entwicklung“ untersucht als Längsschnittstudie Kernfamilien, Familien mit allein erziehenden Müttern sowie Stiefvater-Familien in verschiedenen Regionen Deutschlands. Das Projekt wird in Ost- und Westdeutschland durchgeführt, um vergleichen zu können, welche Bedeutung der Familienstruktur und -dynamik dort jeweils langfristig zukommt. Zu den untersuchten Einflussfaktoren gehören die finanzielle Lebenssituation, die Gestaltung der Beziehung zwischen den leiblichen Eltern und gegebenenfalls den Eltern und ihren neuen Partnern sowie vor allem auch die Beziehung der Kinder zu den leiblichen Eltern.

„Das Hauptaugenmerk der Studie gilt familiären Stressfaktoren, die aus einer elterlichen Trennung und neuen Partnerschaft resultieren und Besonderheiten der kindlichen Entwicklung erklären können“, so Walper. „Dazu gehören Probleme der leiblichen Eltern vor und nach der Trennung, deren Einfluss auf den Kontakt des Kindes zum getrennt lebenden Elternteil und ökonomische Belastungen, die sich aus der Trennung ergeben können. Versuchen die Eltern etwa, die Kinder in eine Allianz gegen den anderen Elternteil zu ziehen, leiden die Kinder häufig unter den Kontakten zum getrennt lebenden Elternteil.“

Finanzielle Engpässe betreffen vor allem allein erziehende Mütter und beeinträchtigen die Kinder insbesondere dann, wenn sie sich gegenüber Gleichaltrigen als benachteiligt erleben. „Besonders dieses Gefühl war ausschlaggebend für eine Beeinträchtigung der Befindlichkeit von Kindern und Jugendlichen aus finanziell schlecht gestellten Familien“, berichtet Walper. Häufig ist dann auch das Erziehungsverhalten der Eltern belastet und trägt dazu bei, dass das Selbstwertgefühl der Jugendlichen unterminiert wird.

Eine herausragende Rolle spielen aber auch die Altersgenossen. So führt bei Kindern aus finanziell schlecht gestellten Familien eine Ablehnung durch Gleichaltrige zu ansteigender Depressivität und Belastungen des Selbstwertgefühls der Kinder und Jugendlichen. Der Kontakt zu anderen von der Norm abweichenden Altersgenossen aber ist der wichtigste Faktor für ein Abgleiten in die Kriminalität. Am Anfang davon stehen oft erhebliche häusliche Probleme und Konflikte. Sie führen nicht selten zu einer Abwendung von den Eltern und einer Intensivierung der Beziehung zu diesen Jugendlichen – der viel zitierte „schlechte Einfluss“.

Insgesamt konnte gezeigt werden, dass weniger die Familienstruktur als vielmehr die Qualität der Beziehungen ausschlaggebend dafür ist, ob die Jugendlichen Belastungen ihrer Persönlichkeitsentwicklung erfahren. Allerdings zeigen sich auch späte Nachteile der Scheidungskinder bis ins Erwachsenenalter hinein. „Dies betrifft weit weniger Jugendliche aus stabilen Trennungsfamilien, also mit dauerhaft allein erziehender Mutter oder mit einer stabilen neuen Partnerschaft der Mutter“, so Walper. „Diese Kinder unterscheiden sich statistisch nicht von Gleichaltrigen aus Kernfamilien. Schlechter geht es vor allem denjenigen, die im Untersuchungszeitraum eine Trennung der Eltern, der Stiefeltern oder eine neue Partnerschaft erlebt haben – die also akut von familiären Umbrüchen oder Übergängen betroffen sind.“

Kontakt:

Prof. Dr. Sabine Walper
Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung
Institut für Pädagogik
Tel.: 089/2180-5141
E-Mail: walper@psy.uni-muenchen.de