Ludwig-Maximilians-Universität München
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Fremdsprachen

Das Akzentparadox

München, 07.02.2020

Menschen, die eine Fremdsprache lernen, sind sich zwar typischer Aussprachefehler bewusst, machen diese Fehler trotz jahrelangen Übens oft weiterhin selbst. Eine LMU-Studie zeigt nun, dass jeder dabei die eigene Aussprache am besten findet.

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Menschen, die eine Fremdsprache lernen, kämpfen oft mit der richtigen Aussprache. Der „th“-Fehler der Deutschen beim Englischlernen ist hier typisch. „Senk ju vor träwelling“ ist zum Klassiker geworden, viele Menschen lachen darüber, auch wenn sie den Fehler selbst machen. Das Paradoxe: Obwohl sie den deutschen Akzent generell einfach bei anderen Menschen hören, können Sprachschüler oft bei sich selbst entsprechende Fehler trotz jahrelangen Übens nicht abstellen. Die LMU-Sprachwissenschaftlerinnen Eva Reinisch und Nikola Eger haben zusammen mit Holger Mitterer von der Universität Malta nun einen Grund für dieses Akzentparadox gefunden: „Viele Menschen überschätzen das eigene Niveau ihrer Aussprache“, sagt Reinisch. „Sie finden ihr Englisch in der Regel besser als das anderer Sprachschüler, obwohl sie die gleichen Fehler machen.“ Diese Selbstüberschätzung ist ein wichtiger Grund, der es so schwer macht, eine Fremdsprache akzentfrei zu lernen.

Im Rahmen der Studie lasen insgesamt 24 Probandinnen zunächst 60 einfache Sätze vor wie „The family bought a house”, „The jug is on the shelf” oder „They heard a funny noise”. Einige Wochen später hörten die Teilnehmerinnen einzelne aufgenommene Sätze von insgesamt vier Sprechern wieder, von sich selbst und drei anderen. Nach jedem Satz sollten sie die Aussprache in Form einer Schulnote bewerten. Um zu verhindern, dass die eigenen Sätze erkannt werden, wurden alle Aufnahmen verfremdet, im konkreten Fall in typisch männliche Stimmen umgewandelt. „Das ist entscheidend, die Probandinnen sollten sich nicht bewusst sein, dass sie auch ihre eigenen Stimmen hören, sonst könnten wir ihre Bewertungen auch nicht ernst nehmen“, sagt Holger Mitterer. Das Ergebnis war klar: In allen Fällen haben die Probandinnen sich selbst mit der besten Aussprachenote bewertet, obwohl sie ihre „eigene“ Stimme nicht mehr erkannt haben. „Wir waren schon überrascht, dass wir diese Selbstüberschätzung so deutlich zeigen konnten“, sagt Reinisch.

Für den Effekt gibt es mehrere Erklärungen. Zum einen wissen die Forscher aus früheren Studien, dass Akzente, die man gut kennt, einfacher zu verstehen sind. „Unsere eigene Stimme kennen wir gut und finden sie daher gut verständlich“, sagt Reinisch, die am vom Institut für Phonetik und Sprachverarbeitung forscht. „Deswegen finden wir eventuell unseren eigenen Akzent gut verständlich und daher besser, als er ist.“ Eine andere mögliche Erklärung ist der sogenannte „mere-exposure“-Effekt. Dieser Effekt beschreibt, dass wir Dinge, die wir kennen, als angenehmer einschätzen. Die eigene Aussprache ist natürlich etwas, das wir gut kennen.

Die Erkenntnisse zeigen, wie wichtig externes Feedback beim Fremdsprachenlernen ist, da es gezielt Fehler bewusst macht. „Wir können uns nicht verbessern, solange wir denken, dass wir eigentlich schon ganz gut sind“, betont Reinisch. Ansonsten droht ein Effekt, den die Forscher „Fossilisierung“ nennen. Man glaubt, man habe das Ziel in der Aussprache schon erreicht, obwohl das objektiv nicht der Fall ist, und sieht daher keinen Grund mehr, weiter zu üben. Die LMU-Sprachwissenschaftler denken darüber nach, wie man künftig die Aussprache mit Hilfe von Apps verbessern könnte, die ein externes Feedback generieren.
PLOS ONE 2020