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Altorientalische Literatur

Am Anfang schrieb die Frau

München, 22.10.2020

Altorientalisten der LMU entdeckten, dass einer der wichtigsten literarischen Texte aus dem alten Mesopotamien sehr wahrscheinlich nicht von einem Mann, sondern von einer Frau stammt – für Fachleute ist das eine kleine Sensation.

Enrique Jiménez vor einem Fragment einer Keilschrifttafel. Foto: Olesinski/LMU

Sie haben kürzlich entdeckt, dass einer der ältesten Texte der Weltliteratur von einer Frau geschrieben wurde. Bullussa-rabi heißt sie, bislang dachten alle Forscher, das sei ein Mann. Wie sind Sie darauf gestoßen?
Enrique Jiménez: Wir bearbeiten, übersetzen und kommentieren im Rahmen unseres Projekts „electronic Babylonian Literature“ (eBL) alle wichtigen Texte literarischen Inhalts aus dem alten Mesopotamien im ersten Jahrtausend v. Chr. Es gibt in vielen Texten Lücken, wir entwickeln Algorithmen und bauen Datenbanken auf, um die Lücken mit den passenden Bruchstücken füllen zu können. Es gibt in den Museen sehr viele Fragmente, die wir zuordnen wollen. Einer dieser Texte ist die berühmte Gula-Hymne, eine Hymne an die Heilgöttin Gula.

Was macht diese Quelle so berühmt?
Enrique Jiménez: Es ist einer der wichtigsten literarischen Texte aus dem alten Mesopotamien, er stammt aus der Zeit um 1300 v. Chr. Die Hymne ist zwar nur aus 700 Jahre jüngeren Manuskripten bekannt, aber wir wissen, dass sie tatsächlich älter ist. Aus der Zeit um 1400-1300 v. Chr. stammen sehr viele wichtige Kompositionen, es war eine goldene Epoche der Literatur, sozusagen eine Renaissance. Leider haben wir aus dieser Zeit nur sehr wenige originale Quellen. Wir haben mehr Texte aus den späteren Jahrhunderten, vor allem aus der berühmten Bibliothek von Assurbanipal (668–631 v. Chr.), darunter auch die Gula-Hymne von Bullussa-rabi. Die Heilgöttin spricht dabei über sich in der 1. Person. Sie sagt: Ich bin die beste Göttin, ich bin so wunderschön. Die Hymne war zwar ein Klassiker, aber die Mesopotamier fanden sie damals lustig und haben Parodien darauf geschrieben, weil sie es so verrückt fanden, dass eine Göttin über sich in der „Ich-Form“ spricht.

Das war damals also ein sehr populärer Text.
Enrique Jiménez: Ja, die Hymne war wahrscheinlich jedem bekannt. Sie wurde sogar in der Schule verwendet, um mit Keilschrift schreiben zu lernen.

Alle Wissenschaftler dachten bislang, dass der Verfasser dieser Hymne ein Mann sei.
Enrique Jiménez: Ja, in diesen Fall steht am Ende des Textes, wer die Hymne komponiert hat. In der Keilschrift gibt es zwei Zeichen, um das Geschlecht einer Person zu kennzeichnen, ein männliches und ein weibliches. Das steht in der Regel vor dem Namen, wie „Herr“ und „Frau“. Bei Bullussa-rabi waren in den späteren Manuskripten die Zeichen immer maskulin. Offenbar gingen die späteren Mesopotamier davon aus, dass alle Autoren Männer waren.

Was hat Sie daran zweifeln lassen?
Enrique Jiménez: Wir hatten schon einen ähnlichen Fall, es geht um den ältesten Text in der Literatur überhaupt. Auch er wurde von einer Frau geschrieben, wie wir inzwischen wissen. Sie heißt Enheduanna und lebte um 2200 v. Chr. Sie war die Tochter von Sargon, einem großen König in der mesopotamischen Geschichte. Wir kennen sehr viele Hymnen mit dem Hinweis am Ende, dass sie von dieser Frau stammen. Allerdings steht bei all diesen Texten kein Zeichen für männlich oder weiblich. Lange war unklar, wer der Autor war, bis wir in anderen Texten auf den Hinweis gestoßen sind, dass sie die Tochter des Königs war. Sie ist die älteste Autorin der Literaturgeschichte. Sie hat interessanterweise sehr viele Hymnen an die Liebesgöttin Inanna/Ischtar geschrieben, die wichtigste Göttin Babyloniens.

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Zeichnung neu zusammengefügter Keilschriftfragmente des „Katalogs von Texten und Autoren“. / Tonio Mitto/LMU

Wann war Ihnen klar, dass Sie bei Bullussa-rabi einer spannenden Sache auf der Spur sind?
Enrique Jiménez: Mein Mitarbeiter Zsombor Földi hat die Gula-Hymne in unserem „electronic Babylonian Literature“- Projekt bearbeitet, unter Einbeziehung von mehreren, bisher unpublizierten Keilschriftfragmenten der Hymne. Er hat parallel versucht, den Namen Bullussa-rabi in historischen Dokumenten zu finden. Dabei entdeckte er, dass es lediglich neun Verwaltungsurkunden gibt, in denen der Name auftaucht. Alle sind auf ca. 1300 v. Chr. datiert, d. h. auf die Regierungszeit des Königs Nazi-Maruttasch, der die Literatur anscheinend sehr schätzte. Es ist wahrscheinlich auch die Zeit, in der die Gula-Hymne komponiert wurde. In allen Dokumenten ist Bullussa-rabi ein Frauenname. Es ist möglich, dass alle Dokumente sich auf die gleiche Person beziehen, da sie mehr oder weniger zeitgleich sind.

Ist diese Bullussa-rabi auch die Autorin der Hymne?
Enrique Jiménez: Wahrscheinlich nicht, aber wir sehen, dass in dieser goldenen Epoche nur Frauen diesen Namen trugen. Wir haben daraufhin überprüft, welche Texte die alten literarischen Kataloge aus der Bibliothek des Assurbanipal der Bullussa-rabi zugeordnet haben. Von ihr stammen, wie von Enheduanna, nur Hymnen an Göttinnen.

Waren Sie überrascht, dass Sie so ganz nebenbei eine der ältesten bekannten Autorinnen der Weltliteratur entdeckt haben?
Enrique Jiménez: Ja, das war sehr überraschend und aufregend. Niemand hatte das bislang bemerkt.

Gab es unter Forschern keinen Anhaltspunkt, dass der Autor vielleicht auch weiblich hätte sein können?
Enrique Jiménez: Der Text ist aus der Sicht einer Göttin geschrieben, da ist es nicht verwunderlich, dass er weiblich klingt. Ob ein Mann auch so einen gefühlvollen Text hätte schreiben können, weiß ich nicht (lacht). Interessant ist, dass der Text in seiner Art auch den Hymnen von Enheduanna ähnelt. Auch sie war auf Texte an Göttinnen spezialisiert. Diese Spezialisierung kennen wir bei männlichen Autoren nicht.

Was wissen wir über die Autorin?
Enrique Jiménez: Bisher kennen wir nur die Bullussa-rabi aus den Wirtschaftstexten. Aber wir suchen weiter. Fast alle unsere Texte aus dieser Zeit stammen aus einer Stadt namens Nippur, einer der ältesten Städte Mesopotamiens und vermutlich überhaupt. Wahrscheinlich wurde die Hymne auch dort komponiert. Spätere Texte sprechen davon, dass Bullussa-rabi aus Babylon stammt, aber das ist vermutlich falsch. Nippur war sozusagen das Jerusalem des alten Mesopotamiens, das absolut wichtigste religiöse Zentrum. In der goldenen Zeit war Nippur eine sehr bedeutende Stadt für Literatur und Religion.

Bekannt wurde die Gula-Hymne erst in Abschriften aus mehreren Jahrhunderten später, allein in der berühmten Bibliothek von Assurbanipal aus Ninive sind mindestens vier Abschriften zu finden. Bullussa-rabi erscheint in diesen Quellen aus dem ersten Jahrtausend v. Chr. Mesopotamiens immer als Mann. War das einfach Zeitgeist oder steckte da Methode dahinter?
Enrique Jiménez: Das absichtlich zu machen, dafür sehe ich keinen Grund. Aber möglich ist es natürlich. Ich denke aber, dass eher etwas dahintersteckt, was man heute „unconscious bias“ nennt: Wenn alle anderen Autoren um 700 v. Chr. Männer waren, ging man davon aus, dass Bullussa-rabi auch ein Mann war. In späteren Verzeichnissen von Hymnen waren alle Autoren Männer. In der goldenen Zeit, als die Gula-Hymne entstand, waren die Personennamen noch nicht systematisch mit männlichen oder weiblichen Symbolen gekennzeichnet.

Vermuten Sie noch mehrere solche Fälle von Autorinnen, die bislang noch als Männer gelten?
Enrique Jiménez: Ja, das würde ich erwarten. Unsere Hauptquelle für Autoren ist eine Liste aus der Bibliothek von Assurbanipal, der sogenannte „Katalog von Texten und Autoren“. Dort sind rund zwanzig Männer und ein paar Götter gelistet, die Literatur geschrieben haben, übrigens auch ein Pferd und eine Krähe, die laut dieser Liste je einen Text verfasst haben. Wenn Bullussa-rabi dort fälschlicherweise als Mann aufgeführt wurde, warum sollte sie der einzige Fall sein? In der Fachwelt war unsere Entdeckung schon eine kleine Sensation. Viele Kollegen wollen nun schauen, welche weiteren Hymnen Bullussa-rabi geschrieben hat und ob es noch weitere ähnliche Fälle gibt.

Wie sucht man nach solchen Hymen?
Enrique Jiménez: Im alten Mesopotamien diente die erste Zeile eines Textes als Titel. Wenn eine Keilschrifttafel zerbrochen ist und der Anfang fehlt, ist es schwer. Wir haben viele Hymnen an Göttinnen, in denen die erste Zeile fehlt. Darunter sind vermutlich auch die fehlenden Bullussa-rabi-Hymnen. Aber hier soll uns das eBL-Projekt helfen. Wir finden fast täglich Fragmente, die wir zuordnen können. Manchmal sind es – wie bei einem Mitarbeiter heute Nacht – nur einzelne fehlende Worte. Aber für uns ist das toll.

Das eBL-Projekt spielt also eine zentrale Rolle bei solchen Entdeckungen?
Enrique Jiménez: Das ist für uns enorm wichtig. In unserer Datenbank sind allein 200.000 Zeilen von nicht identifizierten Texten. Wir können ständig Fragmente zuordnen, auch von diesem Katalog haben wir in den letzten Wochen vier neue Stücke gefunden. Ich bin mir sicher, dass wir auch die restlichen Hymnen von Bullussa-rabi finden werden.

Interview: Hubert Filser

Enrique Jiménez ist Professor für altorientalische Literaturen am Institut für Assyriologie und Hethitologie der LMU München. An der Entdeckung beteiligt waren neben Prof. Jiménez auch Dr. Zsombor Földi, der Doktorand Tonio Mitto und der wissenschaftliche Mitarbeiter Adrian Heinrich.