Ludwig-Maximilians-Universität München
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Klimawandel

Drastischer Schwund von Wasserinsekten

München, 07.05.2020

Klimawandel-bedingte Veränderungen verursachten innerhalb von 40 Jahren einen Rückgang der Wasserinsekten um 80 Prozent, wie eine Langzeit-Untersuchung in einem hessischen Naturschutzgebiet zeigt.

Köcherfliegenlarve unter Wasser in ihrem Köcher. Foto: Rostislav / adobestock

Der Breitenbach im Osthessischen Bergland gehört zu den bestuntersuchten Gewässern der Welt: Über einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren analysierten Forscher die Insektenwelt des Bachs, der in einem Naturschutzgebiet und somit fernab direkter menschlicher Einflüsse liegt. Trotzdem fanden der LMU-Zoologe Dr. Viktor Baranov, Rüdiger Wagner (Universität Kassel) und Professor Peter Haase vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt gemeinsam mit weiteren Kollegen alarmierende Veränderungen: Mehr als 80 Prozent aller Individuen verschwanden im Lauf der Zeit. Wie sie im Fachmagazin Conservation Biology berichten, führen die Forscher diesen Rückgang auf den globalen Klimawandel zurück.

Von Januar 1969 bis Dezember 2010 wurden im Breitenbach jede Woche Insektenproben entnommen sowie täglich der Wasserabfluss und die Temperatur gemessen. Diese einzigartige Datengrundlage nutzten die Wissenschaftler, um den Einfluss des Klimawandels auf das Ökosystem des typischen Mittelgebirgsbachs zu untersuchen.

Die Ergebnisse sind alarmierend: Die durchschnittliche Wassertemperatur des Breitenbachs stieg im Untersuchungszeitraum um 1,8 Grad an, gleichzeitig verringerte sich die Anzahl der Insektenindividuen um 81,6 Prozent. „Im Gegensatz zu diesem ‚Abundanzverlust’ verzeichnen wir insgesamt eine Steigerung der Biodiversität im Breitenbach – wir haben also weniger Individuen, dafür aber mehr Arten“, sagt Haase. Diese Entwicklung erklären sich die Forschenden mit einer Verschiebung der Fließgewässereigenschaften: „Der beprobte Abschnitt war vor 42 Jahren ein klassischer Bachoberlauf. Durch den Temperaturanstieg zählt er nun zu einem Bachmittellauf, in dem man generell mehr Arten findet“, fügt Baranov hinzu. Die Daten zeigen aber auch, dass sich dieser Trend wieder umkehrt – die Messungen der letzten beiden Dekaden zeigten, dass im Breitenbach die Artenvielfalt wieder abnimmt. Auch hier spielen Klimawandel-bedingte Verschiebungen eine wichtige Rolle: Seit 1990 dominierten trockene Jahre mit entsprechenden Auswirkungen auf die Wasserinsekten. „Da der Klimawandel weiter voranschreitet, ist davon auszugehen, dass sich dies fortsetzt“, sagt Baranov.

„Unsere Studie zeigt, dass der Klimawandel auch in ansonsten anthropogen unbeeinflussten Gebieten bereits einen erheblichen Einfluss auf unsere aquatischen Ökosysteme hat. Zudem wird die Komplexität der Natur deutlich, welche sich nicht linear verhält. Diese kann nur durch Langezeitmessungen, wie am Breitenbach, in ihrer Gänze verstanden werden – mit Kurzzeitstudien oder reinen Modellierungen wären wir in unserem Untersuchungsgebiet zu deutlich anderen Ergebnissen gekommen“, resümiert Haase. (Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung / LMU)
Conservation Biology