Ludwig-Maximilians-Universität München
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Digital Humanities

In den Gedanken von Wittgenstein

München, 17.05.2019

Die Suchmaschine WiTTFind bringt Wissenschaftler mehrerer europäischer Universitäten zusammen. Sie macht den Nachlass von Ludwig Wittgenstein, so wie er vom Wittgenstein-Archiv an der Universität Bergen bereitgestellt wird, online suchbar. Das Projekt unter der Leitung von Dr. Maximilian Hadersbeck verdeutlicht das Potenzial der Digital Humanities: Es macht ein Weltkulturerbe lebendig.

„Nur der Satz hat Sinn; nur im Zusammenhang des Satzes hat ein Name Bedeutung“. Über die Suchmaschine WiTTFind lassen sich auch handschriftliche Zitate finden.

Ludwig Wittgenstein gilt als einer der führenden Denker seiner Zeit. Sein rund 20.000 Seiten langer philosophischer Nachlass beschäftigt auch heute noch Wissenschaftler in aller Welt. 2017 wurde sein Werk zum Weltkulturerbe erklärt. Die Suchmaschine WiTTFind ermöglicht es Forschern nun, den Text unkompliziert zu durchsuchen. Ihren Ursprung verdankt sie einem Zufall: „Als wir auf einer Konferenz die digitalisierte ‚normalized transcription‘ des Nachlasses von Wittgenstein kennenlernten, sahen wir, dass die Editoren um Professor Pichler des Wittgenstein-Archivs an der Universität Bergen den Text mit einer Fülle an Metadaten versehen hatten“, erzählt Dr. Maximilian Hadersbeck vom Centrum für Informations- und Sprachverarbeitung (CIS) der LMU. „Die ‚normalized transcription‘ war so erst einmal der perfekte Korpus, um unsere Tools zur Textsuche zu evaluieren.“ Aus dem Projekt um Hadersbeck ist mittlerweile eine groß angelegte Kooperation zwischen der LMU und den Universitäten Bergen und Cambridge geworden. Heute kann Wittgensteins Nachlass nicht nur semantisch durchsucht, sondern auch die Textgenese nachverfolgt werden. In Zukunft soll sich das Tool noch weiterentwickeln.

„WiTTFind ist mehr als nur eine Suchmaschine – es ist eine ‚Findmaschine‘. Die Wittgenstein-Forscher, die sie nutzen, wissen genau, was sie suchen. Wir versuchen den Prozess so einfach wie möglich zu machen. Dazu müssen wir stets mit ihnen in Kontakt stehen“, erklärt Hadersbeck das sich stetig wandelnde Projekt. Beispielhaft dafür ist der Umgang mit Schreibvarianten, die sich an vielen Stellen in Wittgensteins Nachlass finden. Ursprünglich wurden sie bereinigt, wie es auch bei vielen Printfassungen der Fall ist. Für Wittgenstein-Forscher sind die Varianten jedoch ein Forschungsfeld. „Daraufhin haben wir unsere gesamten Tools und das Lexikon umgestellt, um solche Stellen zu erhalten. Auf die Wichtigkeit dieser Schreibvarianten wäre man allein als Informatiker nie aufmerksam geworden.“ Für Hadersbeck ist WiTTFind damit nicht nur ein Tool, sondern auch ein Zeugnis erfolgreicher interdisziplinärer Kooperation.

Die Entstehung eines Weltkulturerbes

Die Herausforderung der LMU-Computerlinguisten bestand darin, eine Suche zu schaffen, die mehr als nur Buchstaben abgleicht. Die Lösung war ein sogenanntes lemmatisiertes Lexikon. Es ermöglicht auch Suchergebnisse, die morphologisch abgewandelt sind, wie Partikelverben, Vergangenheits- oder Pluralformen. Gerade für Forscher aus dem Ausland ist das eine wichtige Funktion und Erleichterung. „Für die deutsche Sprache ist es sehr komplex und aufwendig diese Funktion anzubieten. Schaffen konnten wir das nur durch die Mitarbeit unserer Studierenden“, erzählt Hadersbeck. In interdisziplinären Seminaren arbeiten Computerlinguistik- und Philosophiestudenten gemeinsam an künftigen Funktionen von WiTTFind und deren Implementierung. Dafür wurde das Projekt im letzten Jahr mit einem Lehre@LMU-Forscherpreis ausgezeichnet.

Der aktuelle Fokus der Entwicklung liegt auf der Textgenese von Wittgensteins Nachlass. Über den sogenannten Odyssee-Reader können Nutzer dem Philosophen bei der Arbeit über die Schulter blicken. Die Funktion soll die die komplette Entstehungsgeschichte der „Logisch Philosophischen Abhandlung“, inklusive aller Änderungen die Wittgenstein an seinen Texten vornahm zeigen. Technisch basiert die Funktion auf dem Erkennen nichtlinearer Texte: Ein Satz muss in seiner ursprünglichen und in seiner abgeänderten Form als derselbe Satz erkannt werden. Für die LMU-Forscher war das eine Neuheit, die erfolgreiche Implementierung ein Erfolg.

Die ‚Findmaschine‘ WiTTFind wurde laut Hadersbeck aber nicht nur positiv aufgenommen: „Uns wurde vorgeworfen, dass wir Wittgensteins Arbeit zerlegen würden. Sogar von Leichenfledderei war die Rede. Wir denken allerdings, dass es wichtig und interessant ist, auf diese Art einen Einblick in die Gedankenwelt des Autors zu geben und auch zu zeigen, wie sich seine Ansichten über die Zeit verändert haben.“

Das Potenzial der Digital Humanities

Professor Hinrich Schütze, Lehrstuhlinhaber für Computerlinguistik und Leiter des CIS, sieht in Projekten wie WiTTFind großes Potenzial für die Zukunft der Geisteswissenschaften: „Wir befinden uns in einer digitalisierten Welt. Auf lange Sicht werden sich auch wissenschaftliche Arbeitsweisen verändern. Außerdem sind Digital Humanities eine Möglichkeit, ein Weltkulturerbe wie den Nachlass von Wittgenstein auch für die Allgemeinheit zu sichern.“ Ganz neu ist die Digitalisierungspraxis von Kulturgütern nicht. Archäologen bemühen sich bereits seit Langem, ihre Funde durch Karten und Fotografien zu dokumentieren und rekonstruieren. „Auch bei den Historikern, Kunstwissenschaftlern und den Sprachwissenschaftlern der LMU gibt es viele interessante Digitalprojekte“, berichtet Schütze. „Egal ob es Karten, Kataloge oder Bücher sind, virtuell werden sich zukünftig ganz andere Welten erschließen.“

Die Suchmaschine WiTTFind ist ein gemeinsames Projekt der LMU mit den Universitäten Bergen und Cambridge. Die studentische Forschung innerhalb des Projektes wird von Lehre@LMU, dem Programm der LMU im Rahmen des "Qualitätspakts Lehre" von Bund und Ländern, gefördert. Eine Demo des Odyssee-Readers kann hier abgerufen werden.