Ludwig-Maximilians-Universität München
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Tagung zu Migration

Das alltägliche Grauen des Wartens

München, 13.09.2019

Am Center for Advanced Studies analysieren Wissenschaftler die „Dynamik von Stagnation und Entwicklung“ in Migrationsprozessen. Historiker Roland Wenzlhuemer stellt die Veranstaltung vor.

An der Grenze. Foto: imago images / ZUMA Press

Migranten in Lagern vor der Grenze; Flüchtlingsschiffe, denen monatelang verwehrt wird, in Häfen einzulaufen – aktuelle Fälle zeigen, dass Migration nicht nur Bewegung bedeutet, sondern über weite Strecken auch das Warten im Ungewissen. Sie arbeiten das Thema jetzt in einer internationalen Tagung am CAS auf. Wie und warum?
Wenzlhuemer:
Wir wollen uns der Frage nähern, was es für die Betroffenen bedeutet, warten zu müssen. Warten ist prinzipiell ein Zustand großer Unsicherheit, großer Anspannung, weil man nicht weiß, was auf einen zukommt. Und was leicht aus dem Blick gerät, es ist sozusagen ein zentraler Bestandteil der Migration, der Wanderung durch und zwischen Kontinenten. Wir nehmen gerade in gegenwärtigen Migrationsprozessen vor allem die Situationen und Gefahren wahr, die Leib und Leben bedrohen. Die Auseinandersetzung damit ist sehr wichtig. Dabei übersehen wir aber oft andere, zunächst weniger spektakuläre Aspekte von Migrationsprozessen. Dazu gehört zum Beispiel die banale Alltäglichkeit des Wartens, man könnte sagen, das alltägliche Grauen, nicht zu wissen, was mit einem passiert, welchen Status man hat, wie es weitergeht. Wir möchten dieses Warten in einem größeren historischen und kulturwissenschaftlichen Kontext ansehen, natürlich auch immer vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Probleme, aber nicht nur in diesem Zusammenhang, sondern durchaus mit einem weiteren Blick.

Wie gehen Sie dieses Thema an?
Wenzlhuemer:
Der fachliche Zugang aus den Geistes- und Kulturwissenschaften ist ganz breit, wir haben Fachleute aus der Kunstgeschichte, den Kulturwissenschaften, der Geschichte und den Theaterwissenschaften dabei. Es geht darum, die Zeitlichkeit und Räumlichkeit des Wartens greifbar zu machen und überhaupt in einem tiefen historischen Zugriff zu zeigen, welche Rolle Warten und Nichtweiterkönnen in Bewegungsprozessen generell spielt.

Die Tagung findet im Rahmen der Forschungskooperation zwischen der Universität Cambridge und der LMU statt. Wie sieht in diesem Fall die Zusammenarbeit aus?
Wenzlhuemer: Der Antrag für diese Forschungskooperation ist eigentlich entstanden aus einem Vorprojekt, das zwischen dem Center for Advanced Studies der LMU, der Universität Cambridge sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Budapest im vergangenen Jahr entstanden ist und in eine Tagung mündete, die sich des Themas bereits initial angenommen hatte. Und die jetzt stattfindende Tagung ist die zweite in einer Reihe von gemeinsamen Veranstaltungen. Im Juni gab es bereits einen Doktoranden-Workshop in Cambridge. Jetzt treten Vortragende aus München, Cambridge und von der Central European University (CEU) in Budapest auf, aber auch andere Experten, unter anderem Doktoranden an meinem Lehrstuhl, die im Rahmen eines DFG-finanzierten Forschungsprojektes die Situation während Schiffstransiten in einem historischen Kontext untersuchen.

In einer Podiumsdiskussion gehen Sie auch auf ein Theaterstück ein, das in diesem Jahr an den Münchner Kammerspielen lief. Worum geht es da?
Wenzlhuemer: In den Kontext der Tagung passt das Stück „What they want to hear“, weil es wie kaum ein anderes Migrations- und Stagnationserfahrungen in den Mittelpunkt stellt. Es geht darin um einen syrischen Asylbewerber, der mehr als vier Jahre ohne irgendeinen Aufenthaltstitel in den Fängen der Bürokratie feststeckt. Dabei spielt der syrische Psychologe Raaed Al Kour auf der Bühne seine eigene Geschichte. Den Kontakt zu den Kammerspielen hat mein Kollege Christopher Balme, Professor für Theaterwissenschaften, hergestellt, der an dem Abend mit Raaed Al Kour und der Kammerspiele-Dramaturgin Krystel Khoury diskutieren wird.

Prof. Dr. Roland Wenzlhuemer ist Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte sowie Sprecher des Münchner Zentrums für Globalgeschichte an der LMU.

Die Tagung „Migration, Movement, Waiting: On Dynamics between Stagnation and Progression“ findet am 16. und 17. September am Center for Advanced Studies der LMU statt, im Rahmen des CAS-Schwerpunktes „Global Dis/Connections“. Den Auftakt zur Tagung macht eine Podiumsdiskussion zum Thema "Theatricality of Waiting" am 16. September um 18.30 Uhr.