Ludwig-Maximilians-Universität München
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Paläontologie

Experimente der Evolution

München, 11.12.2019

Ein neuer Fund in Patagonien bringt Licht in die Entwicklungsgeschichte der Raubdinosaurier. Die Merkmale, die das acht Meter lange Fossil aus dem mittleren Jura zeigt, deuten auf eine rasche Diversifikation und eine Art evolutionärer Erprobung hin.

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Furchterregender Koloss: der Raubdinosaurier Asfaltoventor vialidadi. Abbildung: Gabriel Lio

Es muss ein furchterregender Koloss gewesen sein: Er hatte einen massigen Körper von bis zu acht Meter Länge, allein der Schädel maß 80 Zentimeter. Der Raubdinosaurier, den der Münchner Paläontologe Oliver Rauhut jetzt in Patagonien gefunden hat, lässt sich den sogenannten Tetanuren zuordnen – der wichtigsten Gruppe der zweibeinigen Raubdinosaurier, zu der auch solche Kreaturen wie Allosaurus, Tyrannosaurus oder Velociraptor gehörten. Von dieser Gruppe leiten sich im Übrigen auch die heutigen Vögel ab. Bei dem neuen Fossil handelt es sich um das vollständigste Raubdinosaurierskelett weltweit, das aus der frühen mittleren Jurazeit (vor etwa 174 bis 168 Millionen Jahren) bekannt ist. Nach dem Fundort und dem lateinischen Wort für Jäger haben Rauhut und sein argentinischer Kollege Diego Pol den Saurier Asfaltoventor vialidadi genannt.

Erhalten sind ein fast vollständiger Schädel, die gesamte Wirbelsäule bis zum Becken, vollständige Arme sowie Teile der Beine. „Wir fanden bei dem Fossil eine sehr ungewöhnliche Kombination von Skelettmerkmalen, die die bisher angenommenen Verwandtschaften zwischen den großen Gruppen der Tetanuren – Megalosaurier, Allosaurier und Coelurosaurier – infrage stellt“, sagt Rauhut, Professor für Paläontologe am Department für Geo- und Umweltwissenschaften der LMU sowie Oberkonservator an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie. Asfaltoventor vialidadi, so schreiben Rauhut und Koautor Diego Pol vom Museo Paleontológico Egidio Feruglio, Trelew, Argentinien, in ihrer Arbeit in Scientific Reports, zeige diverse Skelettmerkmale, die ansonsten nur von unterschiedlichen anderen Raubsaurierarten bekannt waren.

Aufgrund der ungewöhnlichen Merkmalskombination von A. vialidadi wurden die Forscher neugierig und untersuchten und verglichen andere Tetanuren-Arten. Dabei fiel auf, dass zur Zeit der raschen Ausbreitung dieser Raubsaurier-Gruppe viele unterschiedliche Arten gleichzeitig sehr ähnliche Skelettmerkmale entwickelten.

Die fast explosionsartige Evolution der Gruppe bringt Rauhut mit einem großen Massenaussterben im späten unteren Jura vor etwa 180 Millionen Jahren in Verbindung. Die Forscher deuten die Parallelentwicklungen von äußeren Merkmalen als „Experimentieren“ der Evolution während der raschen Ausbreitung der Tetanuren. Durch das Aussterben von möglichen Konkurrenten standen den überlebenden Gruppen, wie es die Tetanuren hier offenbar waren, deutlich mehr Lebensräume zur Verfügung, die sie besiedeln konnten.

„Dieses Muster beobachten wir auch bei anderen Tiergruppen, die sich nach Aussterbeereignissen oft rasend schnell entfalten, wie etwa bei den Säugetieren oder den Vögeln nach dem Aussterben der Dinosaurier am Ende der Kreide-Zeit vor 66 Millionen Jahren“, so Rauhut. Dies könne erklären, warum Verwandtschaftsverhältnisse am Ursprung vieler Tiergruppen oft so schwer entschlüsselt werden können. (SNSB/LMU)
Scientific Reports 2019