Ludwig-Maximilians-Universität München
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Ausgrabungen in Ur

Was eine babylonische Villa über den Alten Orient verrät

München, 16.07.2019

LMU-Archäologen gewinnen auf ihren Grabungen in der ehemaligen Handelsmetropole Ur neue Einblicke in den Alltag der Menschen in Mesopotamien vor 4000 Jahren.

Eine Aufnahme der Überreste von Ur, vor fast 4000 Jahren eine blühende Handelsstadt. Vorne imBild: der Ausgrabungsort der LMU-Archäologen. In der Ferne ist der Zikkurrat zu sehen, derHochtempel des Mondgottes Nanna, eine der eindrucksvollsten Ruinen Mesopotamiens und UNESCO World Heritage. (Fotos: A. Otto/LMU; Berthold Einwag)

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Wie lebten die Menschen in Ur, einer der ältesten Städte der Welt, vor etwa 4000 Jahren? Diese Frage untersucht ein Team um Adelheid Otto, Leiterin des Instituts für Vorderasiatische Archäologie. Gerade sind die LMU-Archäologinnen und Archäologen von ihrer zweiten Grabungsperiode im ehemaligen Mesopotamien zurückgekommen, das im heutigen Südirak liegt. Über einen Zeitraum von neun Wochen haben sie dort, unterstützt von der Gerda Henkel Stiftung und der Münchener Universitätsgesellschaft, ein Wohnhaus am Rand der Stadt ausgegraben, das aus der Zeit um 1835 vor Christus stammt. Ihre Forschung ist Teil eines Grabungsprojekts von Professor Elisabeth Stone von der Stony Brook University, USA.

Nachdem sie vor zwei Jahren mit den Grabungen begonnen hatten, konnten sie das Haus nun mit Erlaubnis des irakischen State Board of Antiquities and Heritage komplett ausgraben, auch eine Gruft direkt neben dem Haus mit den menschlichen Überresten von 24 Verstorbenen haben sie entdeckt. Dafür hat das Team, zu dem auch Bachelor- und Masterstudierende sowie Promovierende zählten, sechs Tage die Woche auf der Grabungsstelle verbracht. „Sie haben fantastisch gearbeitet“, sagt Adelheid Otto. „Wir haben immer um fünf Uhr morgens angefangen und bis zehn, elf Uhr abends durchgearbeitet.“

Eine Villa am Rand der Stadt
So gelang es dem Team, das Haus mit siebzehn Räumen, einem großen Hof und der noch erhaltenen Ausstattung komplett auszugraben. „Unsere Ausgangsfrage war, ob in der Peripherie die ärmeren Leute Urs gelebt haben, da die Bewohner im Zentrum sichtlich wohlhabend waren. Stattdessen sind wir auf diese altbabylonische Villa gestoßen. Es war ein sehr edles Haus. Wir können aus jedem Raum seine Funktion erschließen und gewinnen dadurch ein sehr präzises Bild dieses Lebens vor fast 4000 Jahren. Sogar Küche und Baderaum mit Abfluss und Toilette sind erhalten – die hygienischen Bedingungen waren exzellent.“

Anhand der Funde fügt sich nun Stück für Stück das Puzzle zusammen, wie die Bewohner einst lebten. „Es ist ein Modellhaus für die altbabylonische Zeit“, sagt Adelheid Otto. „Wir haben an diesem Ort alle Puzzlestücke beisammen, um einen Blick in die Vergangenheit werfen zu können: die Architektur des Hauses mit den Räumen und ihren Funktionen, aber auch Texte auf Tontafeln, darunter Briefe und Siegelabrollungen, die von Professor Dominique Charpin (Collège de France Paris) und Professor Walther Sallaberger von der LMU entziffert wurden. „Das ist ein Glücksfall, weil wir dadurch den Besitzer namentlich kennen.“ Der Hausherr hieß Sin-nada und war Intendant des zweitwichtigsten Tempels vor Ur, also eine Art Priester und Manager in einem und damit eine sehr hochrangige Persönlichkeit. „Interessanterweise war seine Frau auch für die Tempeladministration zuständig. Zu dieser Zeit in Ur waren Frauen durchaus auch des Lesens und Schreibens kundig.“ Zudem konnten die LMU-Forscher botanische Proben nehmen und Tierknochen sammeln, die Aufschluss über die Ernährung der Bewohner des Hauses geben können und derzeit analysiert werden.

Die menschlichen Überreste werden zurzeit exemplarisch von Andrea Göhring vom Department für Biologie untersucht, die als Anthropologin mit bei der Ausgrabung war. „Erste Untersuchungen zeigen, dass die Menschen gesund und gut ernährt gewesen sein müssen und mitunter ein hohes Alter von mehr als 70 Jahren erreicht haben.“ Die Ergebnisse könnten darüber Aufschluss geben, wie sich die Menschen ernährt haben, wie lange sie lebten und wie es um ihren Gesundheitszustand bestellt war. Sie zeigen auch, ob sie miteinander verwandt waren und ob sie einheimisch oder zugezogen waren. „Da Ur eine Handelsstadt war, ist anzunehmen, dass viele Bewohner von weit auswärts stammten“, sagt Adelheid Otto. Zudem hat ein Team um Professor Jörg Fassbinder vom Department für Geophysik die Südstadt geophysikalisch prospektiert. Das Ergebnis zeigt, dass Ur sehr dicht mit großen Häusern bebaut war, es aber auch Freiflächen wie Plätze und Häfen gab.

Es bleibt: ein Haufen Staub
Bislang bestätigen die Ausgrabungen, dass Ur vor 4000 Jahren eine sehr lebendige Metropole war. „Es war eine echte Blütezeit, zu der es den Menschen sehr gut ging. Das können wir nun ganz exemplarisch an einem Haus mit seinen Bewohnern festmachen.“

Der Hausbesitzer Sin-nada und seine Familie lebten fast hundert Jahre, bevor Ur zugrunde ging. Der Auslöser für den Untergang war das Aufbegehren der Städter gegen den babylonischen König, der Ur unter seine Kontrolle gebracht hatte. „Daraufhin wurde ihnen das Wasser abgestellt, der Euphrat anders kanalisiert. Dadurch lag Ur, wie heute, plötzlich in der Steppe, und das Leben dort war nicht mehr möglich“, erzählt Adelheid Otto und sagt, dass man angesichts des heutigen Klimawandels und der drohenden Klimakatastrophen aus dieser Tragödie auch lernen könne: „Diese blühende Stadt ist binnen kürzester Zeit zu einem Haufen Staub geworden.“ Ungefähr 1720 vor Christus hörte Ur auf zu existieren und es dauerte mehrere hundert Jahre bis wieder Leben in der Stadt einkehrte.

Mehr über die Forschung von Professor Otto in Ur:

  • Archäologie: Schätze unter dem Staub
    Adelheid Ottos Forschung führt sie zu den Anfängen der Zivilisation. Zurzeit gräbt sie in Ur, einer der ältesten Städte der Welt, und rekonstruiert den Alltag in Mesopotamien vor 4000 Jahren.