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Psychologie

Blickfang am Rande

München, 27.06.2019

Auch Reize außerhalb des Blickbereichs können visuelle Aufmerksamkeit erregen. Dies zeigen LMU-Psychologen und widerlegen damit bisherige Annahmen.

Foto: Africa Studio / AdobeStock

Über die Augen empfängt der Mensch eine überwältigende Menge visueller Informationen – weit mehr, als das Gehirn simultan verarbeiten kann. Deshalb muss es die relevantesten Aspekte gezielt aus der Informationsflut filtern und irrelevante Aspekte ignorieren. Diese Fähigkeit wird als visuelle Aufmerksamkeit bezeichnet; sie ermöglicht es, die Wahrnehmung selektiv auf bestimmte Orte oder Merkmale einer Szene zu fokussieren. Neurophysiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass die dabei beteiligten Hirnareale auch bei der Steuerung schneller Augenbewegungen zur Erfassung eines neuen Blickziels, sogenannten Sakkaden, eine Rolle spielen. Daher gingen verschiedene Studien bisher davon aus, dass die visuelle Aufmerksamkeit nur auf Orte gerichtet werden kann, die durch Blickbewegungen erreicht werden können. Mithilfe einer neuartigen Versuchsanordnung haben LMU-Psychologen um Professor Heiner Deubel diese Annahme nun widerlegt. Wie sie im Fachjournal PNAS berichten, kann die visuelle Aufmerksamkeit uneingeschränkt auch auf Orte an der visuellen Peripherie gelenkt werden.

Augenbewegungen sind sehr individuell und können selbst bei derselben Person unter verschiedenen Bedingungen sehr unterschiedlich ausfallen. Deshalb haben die Wissenschaftler für alle Probanden zunächst den sogenannten okulomotorischen Bereich bestimmt, also das Gebiet, das mit direkten Blickbewegungen erreicht werden kann. Dinge in der visuellen Peripherie außerhalb dieses Bereichs werden zwar gesehen, können aber nicht direkt fixiert werden. „Laut der gängigen Theorie müsste die Aufmerksamkeit in diesem Bereich stark eingeschränkt sein“, sagt Nina Hanning, die Erstautorin der Studie. „Dies haben wir nun experimentell überprüft.“ Dazu zeigten die Wissenschaftler den Versuchsteilnehmern auf einem Bildschirm vier Muster, wobei der Bildschirmbereich rechts außen außerhalb des jeweiligen okulomotorischen Bereichs der Probanden lag. Sie untersuchten, ob durch einen Reiz die visuelle Aufmerksamkeit der Versuchsteilnehmer auf ein bestimmtes Muster gelenkt werden konnte.

Die Studie zeigt, dass der Reiz tatsächlich visuelle Aufmerksamkeit anzieht, und zwar unabhängig davon, ob er innerhalb oder außerhalb des okulomotorischen Bereichs präsentiert wurde. Damit haben die Wissenschaftler erstmals bewiesen, dass die Aufmerksamkeit uneingeschränkt auch an Orte gelenkt werden kann, zu denen keine Blickbewegungen ausgeführt werden können. „Die Kopplung von Aufmerksamkeit und Blickbewegungssteuerung ist demnach nicht so eng, wie es etwa die prominente „Prämotorische Theorie“ nahelegt, die 1987 von dem Neurophysiologen Giacomo Rizzolatti vorgeschlagen wurde. Vielmehr kann Aufmerksamkeit frei über den ganzen Sehbereich verschoben werden, und dies unabhängig von pathologischen und physiologischen Beschränkungen des Blickbewegungssystems“, sagt Deubel. (PNAS 2019)

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