Ludwig-Maximilians-Universität München
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Archäologie

Schätze unter dem Staub

München, 27.03.2018

Adelheid Ottos Forschung führt sie zu den Anfängen der Zivilisation. Zurzeit gräbt sie in Ur, einer der ältesten Städte der Welt, und rekonstruiert den Alltag in Mesopotamien vor 4000 Jahren.

Ausgraben am Fuße der Zikkurrat von Ur. Der Hochtempel des Mondgottes Nanna ist eine der eindrucksvollsten Ruinen Mesopotamiens. (Foto: Institut für Vorderasiatische Archäologie, LMU)

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Die Häuser zerstört, die Menschen am Verhungern oder verschleppt und über allem tobt ein alles vernichtender Sturm – um 2000 vor Christus ging die altorientalische Stadt Ur der Überlieferung zufolge in einem wahren Inferno unter. Sie wurde wieder aufgebaut, aber das entsetzliche Geschehen blieb im Gedächtnis, niedergeschrieben in den „Klageliedern von Ur“, die einige Jahrhunderte nach der Zerstörung verfasst wurden. Demnach hat Enlil, der wichtigste Gott in der sumerischen Religion, die Vernichtung aus göttlichem Zorn über die Verfehlungen der Bewohner der Stadt befohlen.

Heute ist Ur, im Süden Iraks gelegen, einer der traditionsreichsten Grabungsorte weltweit und zählt zum Welterbe der UNESCO. Jahrhundertelang gehörte die Stadt zu den kulturellen Zentren Vorderasiens. „Ur war eine der wichtigsten und größten Städte des Alten Orients und sehr kosmopolitisch. Aus überlieferten Texten wissen wir, wie viele tausende von Menschen in Ur lebten und wie es dort zuging – dass es etwa lärmte und laut war, wenn die Schmiede hämmerten, und Läden die Straßen säumten“, erzählt Adelheid Otto, die aktuell in Ur forscht. Ur, damals am Meer gelegen, war die wichtigste Hafenstadt am Persischen Golf, deren Reichtum unter anderem auf weitreichenden politischen und wirtschaftlichen Beziehungen gründete. Tontafeln zeugen von intensivem Handel in ganz Vorderasien bis hin zum Mittelmeer und Iran.

Ausgrabungen in Ur, laut biblischer Überlieferung Geburtsort Abrahams, sorgten schon vor etwa 100 Jahren für Erstaunen. Damals wurden unter der Leitung des britischen Archäologen Sir Leonard Woolley die Tempel, Paläste und Königsgräber Urs ausgegraben. Das zentrale Heiligtum des Reichs war der Tempel des Mondgottes Nanna, Zikkurat genannt, eine der eindrucksvollsten Ruinen Mesopotamiens. Mit einem Mal wurde durch Wolleys Ausgrabungen einer europäischen Öffentlichkeit klar, dass die Menschen in Vorderasien auf eine ungleich längere Geschichte zurückblicken können als die Europäer.

Den Alltag der antiken Gesellschaft sichtbar machen
„Der Alte Orient war Europa weit voraus. Bis zur Zeitenwende war die Zivilisation Mesopotamiens auf einem ungleich höheren Level. Es ist uns heute nicht mehr bewusst, wie wichtig der Vordere Orient für unsere Identität ist“, sagt Adelheid Otto, die das Institut für Vorderasiatische Archäologie an der LMU leitet. Die Menschen der altorientalischen Kulturen Vorderasiens gründeten nicht nur Städte wie Ur, die als Verwaltungsmetropole auch „Stadt der Bürokraten“ genannt wird, sie erfanden die Schrift, verfassten die ersten Gesetzessammlungen, bauten Getreidearten an, die noch heute zur Grundnahrung zählen, domestizierten als erste Rinder, Schafe und Schweine. Als „Wiege der Zivilisation“ wird die Region daher bezeichnet. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die klimatischen und landschaftlichen Gegebenheiten. „Entscheidend war, dass die Menschen lernten, ihre Felder zu bewässern. Unzählige Kanäle durchzogen das Land zwischen den beiden Flüssen Euphrat und Tigris. Dadurch wurde das Schwemmland zu einer riesigen fruchtbaren Oase.“

Adelheid Otto gräbt in Ur als Teil eines Grabungsprojekts von Elisabeth Stone von der Stony Brook University in New York ein Wohnhaus am Rand der Stadt aus. Einer ihrer ersten Funde in der letzten Grabungssaison war eine Tontafel mit einer Kopie der Klagelieder von Ur. „Das war schon faszinierend, direkt unter der staubigen Erdoberfläche in den Ruinen gerade eine Tafel mit diesem wunderbaren literarischen Text über die Zerstörung der Stadt auszugraben.“ Was das Team auch überraschte, war die Stellung der Besitzer des Hauses, das etwa 200 Jahre nach der in den Klageliedern beschriebenen Zerstörung im Jahr 1870 vor Christus errichtet wurde. Die Funde belegen, dass der Hausherr Intendant des zweitwichtigsten Tempels und damit eine wichtige Persönlichkeit in der Stadtgesellschaft war. In seinem Haus unterhielt er auch eine Schule, wo er lesen und schreiben lehrte. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass die besser situierten Persönlichkeiten eher im Inneren der Stadt in der Nähe des heiligen Bezirks mit seinen Tempeln lebten. Die Grabungen der LMU-Archäologen bezeugen nun, dass sie auch in sehr großzügigen Häusern an der Peripherie wohnten.

Adelheid Otto geht es in ihrer Forschung darum, den Alltag der Menschen einzufangen. „Ich interessiere mich dafür, wie die Häuser genutzt wurden, um herauszufinden, wie die Menschen damals gelebt haben. Wenn wir das in Relation zu dem setzen, was sich aus den überlieferten Texten erschließen lässt, können wir die vergangene Gesellschaft rekonstruieren“. Während im 19. und frühen 20. Jahrhundert bei Ausgrabungen vor allem auf die monumentalen Bauten und spektakulären Funde gesetzt wurde, die heute in Museen ausgestellt sind, erfassen Archäologen heute alles, was sie ausgraben, von Tierknochen bis zu Keramikscherben, und dokumentieren es direkt vor Ort. In Ur profitieren sie dabei von Leonard Woolleys Interesse an den Wohnhäusern – eine Ausnahme zu seiner Zeit. Etwa 60 davon grub er aus. Heute sind die Ruinen von Zäunen gesichert, neben Archäologen besuchen auch Touristen die verlassene Stadt, die noch immer voller Rätsel ist. Denn Städte wie Ur sind viel zu groß, um sie komplett ausgraben zu können. „Die Herausforderung ist es, gezielt kleine Schnitte zu setzen, die auf das Ganze schließen lassen“, sagt Adelheid Otto.

Mit diesem Ansatz hat die Münchner Archäologin bis zum Ausbruch des Krieges im Jahr 2011 viele Jahrzehnte in Syrien geforscht. In Tall Bazi, das im Norden des Landes liegt, hat sie von 1993 an eine etwa 4400 Jahre alte antike Siedlung ausgegraben, bevor diese von einem neu angelegten Stausee überschwemmt wurde. Ihre Grabungsarbeiten dort wurden vom Deutschen Archäologischen Institut und der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und ermöglichten grundlegende Einblicke in den Alltag einer Gesellschaft Mesopotamiens in der späten Bronzezeit. Der Krieg in Syrien hat Forscher wie Adelheid Otto nicht nur von ihren Grabungen abgeschnitten. Das Leid, das er den Menschen zufügt, mit denen sie zusammengearbeitet und deren Gastfreundschaft sie erlebt haben, hat westliche Archäologen erschüttert. Auch die Zerstörungen archäologischer Stätten – mutwillig durch den IS sowie in Folge von Kriegshandlungen als sogenannte Kollateralschäden – stellt das Fach und seine Vertreter vor große Herausforderungen. Die Bewahrung des kulturellen Erbes in der Region und die aktuelle politische Lage im Nahen Osten sind daher auch Thema des internationalen Fachkongresses für Vorderasiatische Archäologie, den Adelheid Otto diesen April an der LMU organisiert. Sie hofft auf den Moment, an dem sie wieder nach Syrien reisen kann. „Ich würde versuchen, den Menschen zu helfen, und an unseren Ausgrabungsort zurückkehren. Auch wenn ich nicht weiß, wie viel davon noch übrig ist. Man sieht im Internet, dass Panzerstellungen die Spitze der Zitadelle zerstört haben. Aber wir wissen, dass der Palast des Ortes unter dem Tempel liegt, und den würde ich gerne ausgraben.“

Überraschende Einsichten
Bis dahin verfolgt Adelheid Otto ihre Projekte im Irak. Gerade war sie mit ihrem Team für einen Survey in der Region Fara, einem etwa 200 Hektar großen sumerischen Ruinenhügel, der weiter im Landesinneren liegt. Der König von Fara namens Ziusudra soll dort die Arche gebaut und so die Menschheit gerettet haben – „eine Geschichte, die noch in der Bibel überliefert ist, wenn auch der Retter anders heißt“, sagt Otto. Ende Februar haben die LMU-Forscher nun den seit langem gesuchten Tempel und die Stadtmauer der Stadt mithilfe geophysikalischer Untersuchung gefunden. Auch bei dieser Forschungsreise sind die LMU-Forscher mit der unruhigen sicherheitspolitischen Situation in der Region konfrontiert. Sie werden von mehreren irakischen Polizisten begleitet – „den einzigen Menschen, die sich außer uns in diese Gegend verirrt haben.“ Doch für die Bevölkerung sei es ein Zeichen von Normalität, dass wieder Forscher aus dem Westen im Land sind.

Für das kommende Frühjahr plant Adelheid Otto, erneut nach Ur zu reisen und das Haus des Stadtintendanten weiter auszugraben, vor allem die Gruft unter dem Gebäude, in dem die Bewohner Verstorbene bestatteten. Sie hofft, in den begehbaren Grabkammern menschliche Überreste zu finden. „Es wäre fantastisch, die Menschen nicht nur aus den Texten und Relikten fassen zu können.“ Denn dank naturwissenschaftlicher Methoden lassen sich heute anhand von Skeletten wertvolle Informationen über Essgewohnheiten, Mobilität und Verwandtschaftsbeziehungen gewinnen.

Bislang zeugen die häuslichen Überreste und die Briefe vom Leben des Besitzers. So war er offenbar oft auf Reisen und gab von unterwegs seiner Frau Anweisungen, wie zuhause zu verfahren sei. „Häufig haben Frauen dann die Stellung in einer Art Handelskontor gehalten“, erzählt Adelheid Otto. Überhaupt überrascht aus heutiger Sicht die Stellung der Frauen in Ur. So konnten Töchter der oberen Schichten als Priesterinnen ein unabhängiges Leben führen. Auch die früheste Dichterin kam aus Ur – Encheduana, Oberpriesterin des Mondgottes Nanna lebte um 2300 vor Christus.

Adelheid Otto beschreibt ihre Forschung auch als „Detektivarbeit“: „Wir versuchen aus diesem trockenen Material, das wir finden, das damalige Gesellschaftsleben zu rekonstruieren.“ Ihr Ziel ist es, so die „Top-Down-Sicht“ in den überlieferten Schriften, in denen die Herrschaft der Könige dargestellt wird, zu ergänzen, und „den Alltag“ der Bewohner sichtbar zu machen. So vervollständigt sich Puzzlestück um Puzzlestück das Bild davon, wie die Menschen damals lebten, bevor Gott Enlil einen „bösen Sturm“ blies, wie es in den Klageliedern heißt, und plötzlich Stille über der Stadt lag.

 

Mehr zur Forschung von Adelheid Otto:
Ausgrabungen in Tall Bazi


Kongress:
Unter Leitung des Instituts für Vorderasiatische Archäologie der LMU findet vom 3. bis 7. April 2018 der archäologischen Fachkongress „11th International Congress on the Archaeology of the Ancient Near East (ICAANE)“ statt. Neben den fachbezogenen Vorträgen wird es am 5. April eine Podiumsdiskussion über Cultural Heritage und die aktuelle Situation im Nahen Osten geben.

PODIUMSDISKUSSION ENTFÄLLT: Die Podiumsdiskussion über Cultural Heritage und die aktuelle Situation im Nahen Osten am 5. April, 18.30 - 20 Uhr, findet nicht statt.

Mehr zum Kongress:
www.icaane2018.vorderas-archaeologie.uni-muenchen.de/index.html