Ludwig-Maximilians-Universität München
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Allergien vorbeugen

Ein Test für den Rohmilch-Effekt

München, 28.11.2018

Erika von Mutius hat mehrfach nachgewiesen, welche Rolle die Lebensbedingungen von Kindern für das Risiko spielen, an Allergien und Asthma zu erkranken. Nun startet sie eine Studie, um zu überprüfen, ob es einen Unterschied macht, welche Milch Kinder trinken. Tausende werden dabei sein.

Foto: Konstantin Yuganov / stock.adobe.com

Erika von Mutius ist Kinderärztin, doch ihre Expertise reicht inzwischen weit in den Bereich der Lebensmitteltechnik hinein. Bisherige Studien von ihr haben gezeigt, dass Kinder, die Rohmilch trinken, seltener an Allergien und Asthma erkranken als Kinder, die Milch aus dem Supermarkt bekommen. Um diese Beobachtung überprüfen zu können, hat sie sich in den vergangenen Jahren mit Verfahren der industriellen Milchverarbeitung auseinandergesetzt. „Rohmilch kann man nicht als Schutz vor Allergien und Asthma empfehlen, da sie zum Teil krankmachende Keime enthält“, sagt von Mutius. Also hat sie eine Molkereigenossenschaft gebeten, eine neue Art der Milchverarbeitung zu entwickeln: schonender, damit die Milch möglichst die positiven Eigenschaften der Rohmilch bewahrt, aber frei ist von bedenklichen Keimen.

Diese Milch werden Kinder nun erstmals im Rahmen der Studie „Martha“ trinken. Mehr als 3000 Babys ab einem Alter von sechs Monaten werden dafür per Zufall in zwei Gruppen eingeteilt. Die einen erhalten die auf neue schonende Weise hergestellte Milch, die andere herkömmliche Milch aus dem Supermarkt. Auf sieben Jahre ist die Studie angelegt, die unter der Leitung von Erika von Mutius in Kooperation des Dr. von Haunerschen Kinderspitals in München und der Kinderuniversitätsklinik Regensburg Ostbayern gemacht wird. Finanziert wird sie durch Spendengelder der niederländischen Patientenorganisation „Longfonds“.

Allergien - eine komplexe Erkrankung

Allergische Erkrankungen zählen zu den häufigsten gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen. Bei mehr als einem Viertel der Kinder in Deutschland wurde bereits einmal im Leben mindestens eine der sogenannten atopischen Erkrankungen Asthma Bronchiale, Heuschnupfen oder Neurodermitis festgestellt, wir die bundesweite KiGGS-Studie („Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) des Robert Koch Instituts zeigt.

„Allergien sind eine komplexe Erkrankung. Es gibt viele Einflussfaktoren – die Umwelt, genetische Anlagen, aber auch die Ernährung spielen mit hinein“, sagt Erika von Mutius. Sie leitet die Asthma- und Allergieambulanz am Dr. von Haunerschen Kinderspital am Klinikum der LMU und das Institut für Asthma- und Allergieprävention am Helmholtz Zentrum München. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde sie, als sie den sogenannten Bauernhof-Effekt entdeckte: In mehreren Studien hat sie nachgewiesen, dass Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, seltener an Allergien und Asthma erkranken als Gleichaltrige aus der Stadt.

Der Bauernhof-Effekt

Mit ihrer Forschung, für die sie mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet wurde, trägt Erika von Mutius dazu bei, die Mechanismen der kindlichen Immunabwehr aufzuklären. So zeigte sie unter anderem, dass bestimmte chemische Verbindungen, die im Staub auf Bauerhöfen vorkommen, Kinder davor schützen, allergische Reaktionen zu entwickeln. In ihrer Forschung konnte Erika von Mutius zudem bereits zeigen, dass Kinder mit und ohne Allergien sich in ihrem Mikrobiom unterscheiden. Das Mikrobiom ist die Gemeinschaft von Mikroorganismen, die jeden menschlichen Körper besiedelt und wesentlich für seine Immunabwehr ist. Es wird von den Lebensbedingungen und der Ernährung beeinflusst. Am Center for Advanced Studies der LMU ist Erika von Mutius Sprecherin eines neuen Schwerpunkts, in dem die Bedeutung des Mikrobioms aus interdisziplinärer Perspektive untersucht wird.

„Lange Zeit hing man der Idee an, man müsse das Allergen vermeiden, damit ein Kind nicht allergisch wird. Heute wird eher der umgekehrte Ansatz verfolgt: das Allergen zu geben“, sagt Erika von Mutius. Für ein Umdenken sorgte auch die britische Leap-Studie zur Allergie gegen Erdnüsse („Learning Early about Peanut Allergy“) unter der Leitung von Professor Gideon Lack vom Kings College London, an der Säuglinge ab einem Alter von vier Monaten teilnahmen. Die Ergebnisse, die 2015 vorgestellt wurden, zeigten: Jene Babys, die im Rahmen der Studie früh mit Erdnüssen in Verbindung kamen, entwickelten seltener eine Erdnussallergie im Alter von fünf Jahren.

„Aus unseren Bauernhof-Studien wissen wir, dass der Verzehr von Rohmilch einen Schutz vor allergischen Erkrankungen darstellen kann. Das möchten wir gern in die Anwendung bringen“, sagt von Mutius. Dem schützenden Effekt von Rohmilch ist sie mit ihrer Arbeitsgruppe in vielen Untersuchungen auf der Spur. So hat ihr Team etwa gezeigt, dass Rohmilch einen höheren Gehalt an Omega-3-Fettsäuren hat, die für den Menschen lebensnotwendig sind.

Die Milch-Studie "Martha"

„Jedes Kind trinkt Milch. Es gibt ganz wenige Kinder, die eine Milchunverträglichkeit haben oder eine Milchallergie entwickeln. Unter den Bauernhof-Kindern ist der Anteil noch geringer. Wir erwarten nicht, dass die Milchgabe in der Martha-Studie zu einem Anstieg der Milchallergie führt. Ganz im Gegenteil: Wir erwarten, dass allergische Erkrankungen abnehmen“, sagt Mutius. Sie hofft, dass sich genug Eltern finden, die mit ihren Kindern bei der Studie mitmachen und verweist auf den geringen Aufwand und die Vorteile: Kinder beider Gruppen bekommen über den gesamten Zeitraum der Studie die Milch umsonst gestellt. Erwartet wird nur, dass die Eltern ein Gesundheitstagebuch führen und insgesamt drei Mal die Studienambulanz besuchen. Seit Kurzem spricht das Team der Martha-Studie dafür junge Eltern in mehreren Kliniken in München und Umgebung an.

Sollte sich ihre Annahme bestätigen, dass jene Kinder aus der Martha-Studie, die die Rohmilch trinken, seltener an Allergien erkranken, könnte das Folgen haben, die sich im Kühlregal jedes Supermarkts bemerkbar machen: „Momentan wird alles dafür getan, um Milch länger haltbar zu machen. Sicher ist das praktisch. Ich glaube aber, wir sind damit völlig auf der falschen Schiene. Diese Haltbarkeitsideen, so bequem sie sind, scheinen nicht besonders gesundheitsförderlich. Damit zerstört man alle schützenden Inhaltsstoffe. Wenn sich der schützende Effekt der auf neue, schonende Weise behandelten Milch in dieser Studie bestätigt, heißt es wirklich: umdenken. Dann muss man weg von der jetzt üblichen Ultrahocherhitzung der Milch.“

 

Mehr zur Forschung über Allergien und Asthma:


Die teilnehmenden Geburtskliniken in und um München: Bezirkskrankenhaus Starnberg Geburtsklinik, KUM Campus Innenstadt Frauenklinik, KUM Campus Großhadern Frauenklinik, Geburtsklinik des Rotkreuzklinikums