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Suizidprävention

English first

München, 09.10.2018

Die Internet-Suchmaschine Google blendet bei suizidbezogenen Suchanfragen immer wieder Hilfsangebote ein. Doch ob so ein Angebot tatsächlich angezeigt wird, hängt davon ab, in welchem Land und in welcher Sprache gesucht wird.

Beispielhafter Screenshot eines Suchresultats mit Hilfsangeboten.

Die bei Internet-Suchanfragen verwendeten Suchbegriffe lassen nicht nur Rückschlüsse auf die Interessen der Nutzer zu, sondern mitunter auch auf deren Gesundheit. Deshalb blenden einige Suchmaschinen Hilfsangebote ein, etwa zu Notfall-Hotlines, sobald Begriffe verwendet werden, die beispielsweise auf suizidale Absichten schließen lassen. Allerdings gibt es dabei große Unterschiede von Land zu Land und von Sprache zu Sprache, wie die LMU-Wissenschaftler Mario Haim und Florian Arendt nun gemeinsam mit ihrem Kollegen Sebastian Scherr (KU Leuven) zeigen konnten. Wie die Forscher im Fachmagazin New Media & Society berichten, hängt die Darstellung der Hilfsangebote insbesondere von der Sprache ab.

Studien legen nahe, dass sich die Zahl der Suizide verringern lässt, wenn Betroffene auf entsprechende Hilfsangebote und Strategien zur Bewältigung suizidaler Krisen hingewiesen werden. „Deshalb ist es sehr wertvoll, dass etwa Google freiwillig den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation folgt und entsprechende Hinweise einblendet“, sagt Haim. In einer früheren Studie fanden die Wissenschaftler allerdings Hinweise darauf, dass diese Angebote nur bei einem Teil der einschlägigen Suchanfragen eingeblendet werden. In der nun erschienenen Studie haben sie das Auftauchen des Hilfsangebots deshalb systematisch über zahlreiche Länder und Sprachen hinweg untersucht. Dazu stellten sie über mehrere und längere Zeiträume zahlreiche automatisierte Suchanfragen an Google, wobei der Standort und die Sprache der jeweils automatisierten Nutzer variierten. Als Suchbegriffe verwendeten sie zahlreiche Begriffe, die unterschiedlich stark auf eine suizidale Absicht oder auf die Suche nach Hilfe schließen lassen und die jeweils von lokalen Suizidexperten übersetzt und gegebenenfalls durch landesspezifische Begriffe ergänzt wurden.

Die Ergebnisse zeigen, dass in englischsprachigen Ländern die Hinweise signifikant häufiger auftauchten als in anderen Ländern. In Deutschland etwa tauchte das Hilfsangebot je nach verwendeten Begriffen in acht bis 23 Prozent der Suchanfragen auf, in den USA dagegen in 34 bis 94 Prozent der Anfragen. Dabei traten aber nicht nur Länderunterschiede zutage – auch innerhalb von Ländern, in denen es mehrere offizielle Amtssprachen gibt, variierte das Auftauchen deutlich voneinander. In Indien beispielsweise wurde der Hinweis nach 91 Prozent der englischen Suchanfragen gezeigt, aber nur nach 10 Prozent der Suchanfragen auf Hindi. „Diese Variation kann weder durch zeitliche noch durch begriffliche oder gesellschaftliche Faktoren erklärt werden. Wir führen sie deshalb primär auf die Sprache zurück“, sagt Haim.

Die Wissenschaftler interpretieren ihre Ergebnisse als Anzeichen einer neuen digitalen Spaltung: „Der oftmals proklamierte freie und gleiche Zugang zu Informationen zum Thema Gesundheitim Internet – in unserem Fall zu Hilfsangeboten bei suizidalen Krisen – ist hier eindeutig nicht gegeben: Er ist eingeschränkt in Abhängigkeit davon, wo und in welcher Sprache man sucht“, sagt Arendt, „die so entstandene globale Ungleichheit sollte durch Betreiber von Suchmaschinen erkannt, ernst genommen und minimiert werden.“
New Media & Society 2018

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