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Neue Research Group

„Eine völlig neue Sicht“

München, 12.03.2018

Die Metaphysik des Aristoteles ist eines der grundlegenden Bücher des Abendlandes – und des Morgenlandes. Am Center for Advanced Studies der LMU entsteht jetzt eine Neu-Edition, die erstmals die mittelalterliche arabische Rezeption systematisch einbezieht.

Foto: akg-images

Er lag immer offen zutage. Doch niemand hat den philosophischen Schatz bislang gehoben. Das wollen Oliver Primavesi und Marwan Rashed jetzt nachholen. Der Münchner Gräzist und der Spezialist für griechische und arabische Philosophie von der Sorbonne in Paris: Gemeinsam arbeiten sie an einer gewaltigen Neu-Edition – eine Mammutaufgabe, fast könnte man sagen, ein Jahrhundertprojekt. Denn schließlich handelt es sich nicht um irgendein Werk, sondern um die Metaphysik des Aristoteles, „eines der grundlegenden Bücher des Abendlandes wie des Morgenlandes“, wie Primavesi sagt.

Die Metaphysik stammt aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert, vollständig erschlossen und abgesichert ist sie deswegen noch lange nicht. Die Rezeption über gut zwei Jahrtausende ist vorsichtig gesagt breit und vielschichtig, die Editionsgeschichte komplex und mitunter verworren. Primavesi und Rashed beziehen nun erstmals systematisch die reichhaltige mittelalterliche arabische Rezeption des Werkes mit ein, die zwar auch in der abendländischen Philosophie in Teilen bekannt, aber bislang noch in keiner Edition des griechischen Textes berücksichtigt worden ist. Das ist der Schatz, den sie heben wollen. Nicht zuletzt deswegen werde die Neuausgabe die Metaphysik „auf eine völlig neue Textbasis stellen“, sagt Primavesi. „Wir verändern damit die Diskussionsgrundlage.“ Das editorische Vorhaben hängt nicht nur an akribischer Feinarbeit am Text, sondern verlangt auch detektivischen Spürsinn.

Die vieldiskutierte und auf unterschiedlichste Weise gedeutete Metaphysik ist eines der philosophischen Referenzwerke zur Theologie und zur Ontologie, die sich mit dem Sein an sich, seinen Ursachen und Regeln beschäftigt. Daran lassen Primavesi und Rashed keinen Zweifel. Besonders das Verhältnis von Aristoteles zu seinem Lehrer Platon interessiert die Forschung. Hier der Ideentheoretiker und Mathematiker Platon, dort der Materialist und Naturwissenschaftler Aristoteles – so hieß es lange in der Philosophie. Doch steht diese These auf schwachen Füßen, sagen Primavesi und Rashed.

Alle an der Metaphysik entzündeten Diskussionen haben jedoch einen deutlichen Mangel: Das Original-Manuskript des Aristoteles ist nicht erhalten. Und es ist noch nicht einmal klar, ob die heute gezählten 14 „Bücher“ tatsächlich alle zur Metaphysik gehören. Denn zunächst kursierten diese Bücher nur als Manuskripte innerhalb seiner Schule, des Peripatos. Erstmals herausgegeben wurden sie im 1. Jahrhundert vor Christus. Der erste wichtige, heute noch erhaltene Kommentar zur Metaphysik, immerhin mit einigen Aristoteles-Zitaten, stammt aus der Zeit um 200 nach Christus.

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Zusammenarbeit am CAS: Oliver Primavesi (links) und Marwan Rashed. Fotos: LMU

Derzeit sind 53 griechische Handschriften mit Texten beziehungsweise Fragmenten der Metaphysik bekannt. Die ältesten stammen aus dem 9. Jahrhundert nach Christus und sind in Konstantinopel entstanden. Alle derzeitigen Editionen beruhen auf zwei sogenannten Hyp-Archetypen, die mit α und β bezeichnet werden. Das sind verschollene bislang nur teilweise rekonstruierte Manuskripte, auf denen wiederum weitere Abschriften fußen und die die Handschriften-„Familien“ begründen. Die beiden derzeit gültigen, großen Editionen der Metaphysik aus den Jahre 1924 und 1957 stützen sich aber nur auf die Lesarten von drei Handschriften, erklärt Oliver Primavesi: „Mehrere Träger unabhängiger Überlieferung sind bisher unberücksichtigt geblieben.“ Das führe zu gewaltigen Unsicherheiten, etwa darüber, wie die einzelnen Bücher der Metaphysik zueinander stehen und welchen Stellenwert sie jeweils einnehmen.

Ibn Rushd, genannt Averroës, war einer der größten Aristoteliker des Mittelalters. Averroës lebte im Andalusien des 12. Jahrhunderts, das zu dieser Zeit unter islamischer Herrschaft stand. Er entstammt also dem arabischen Traditionsstrang. Für seinen Aristoteles-Kommentar nutzte Averroës eine vermutlich aus Bagdad stammende arabische Übersetzung der Metaphysik, die älter war als die beiden Hyp-Archetypen α und β. Denn schon vor der byzantinischen Blüte der Philosophie vom 9. Jahrhundert nach Christus an florierten arabische Übersetzungsschulen zunächst in Damaskus und später, vom 8. Jahrhundert an, in Bagdad.

„Die syrischen Gelehrten sind gleichsam das Scharnier“, bekräftigt Primavesi, sie hätten als erste griechische Abhandlungen zu Naturwissenschaften und Philosophie ins Arabische übertragen. Auch wenn die ursprüngliche Übersetzung nicht vollständig vorliegt, so zitiert Averroës sie doch sehr ausführlich. Ebenfalls zitiert Averroës den späthellenistischen Philosophen und Historiker Nikolaos von Damaskus, der im ersten Jahrhundert, zur Zeit des römischen Kaisers Augustus, die heute nur noch in Fragmenten erhaltene Schrift Über die Philosophie des Aristoteles verfasst hat und darin ausführlich die Metaphysik paraphrasiert und kommentiert. Seit 1950 liegt nun der Averroës-Kommentar übersetzt vor, doch bis heute hat kein systematischer Vergleich mit den griechischen Hyp-Archetypen stattgefunden.

Das wollen Primavesi und Rashed nun nachholen. Neben dem traditionellen inhaltlichen Textvergleich, bei der einzelne Passagen einander gegenübergestellt und auf Plausibilität geprüft werden, unterziehen die beiden Herausgeber die Texte auch einer stilistischen Kritik. Möglich wird das, da Rashed neben Deutsch und Altgriechisch auch das klassische Arabisch beherrscht. So können der Philologe und der Philosoph ihre Entscheidung, welcher Wortlaut in die Edition aufgenommen wird, auf eine gänzlich neue Basis stellen. „Wir glauben oft nur 24 Stunden an unsere ersten Hypothesen“, sagt Primavesi. In der gemeinsamen intensiven Diskussion verwerfen die beiden Wissenschaftler die meisten Thesen schnell wieder – und es kristallisieren sich die tatsächlich zentralen Fragen und möglichen Antworten darauf heraus.

Das ist, so sagen Primavesi und Rashed, ein kaum zu überschätzender Vorteil der Arbeitsweise, die sie derzeit am Center for Advanced Studies (CAS) der LMU vereint. Für ein Jahr begeben sich die beiden Professoren dort in Klausur, um das Projekt voranzutreiben. In einer der neuen Research Groups am CAS (siehe unten) wird ihnen auch eine Reihe weiterer international renommierter Forscher dabei zur Seite stehen. Die Arbeit an der Neu-Edition, die bei Oxford University Press erscheinen soll, ist auf insgesamt elf Jahre angelegt.

Erste Früchte trägt die erst kürzlich begonnene Kooperation bereits: In Buch Z (Zeta) der Metaphysik untersucht Aristoteles das Wesen der Substanz. Die Substanz denkt Aristoteles als das, was nur durch und in sich selbst besteht. Sie ist das Beharrende, wenn man alles sich Verändernde von den Dingen abzieht – das eigentliche Wesen der Dinge also, die Verbindung von Form (Idee) und Materie. In Buch Z stellt sich Aristoteles aber auch, das haben Primavesi und Rashed herausgefunden, gegen Platons Auffassung der Idee. Für Platon ist Erkenntnis Ideenschau, reine Abstraktion, losgelöst von der materiellen Welt, einem nur blassen Abbild der Ideen. Mathematik ist für ihn mithin höchste Philosophie. Sie gewinne Erkenntnis aus der reinen Abstraktion der Form – unabhängig von der Materie.

rashedDoch mathematische Erkenntnis sei eben nicht rein abstrakt, widerspricht Aristoteles. Für die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit eines Kreises genüge mitnichten die abstrakte Idee, es komme vielmehr auf den ganz konkreten Kreis als materialisierte Idee an. Was er damit meinte, erläutert Marwan Rashed anhand der Beziehung von Radius und Tangente. Die nämlich ist veränderlich: Je kleiner der Radius des Kreises, desto größer der Winkel, den er mit der Tangente bildet. „Schon die Materialisierung des Kreises auf abstrakter Ebene ändert die Form. Das funktioniert bei Platon nicht.“

Anhand des Kreises inszeniert Platon in seinem Dialog Parmenides eine mögliche Kritik an seiner Ideenlehre, um diese Kritik zu entkräften. Aristoteles nun zitiert genau diese Passage, um sie gegen Platons anti-materialistische Ideenlehre zu wenden: „Aristoteles benutzt geometrische Formen, also Abstraktionen, als Argument für die eigene Theorie. Er argumentiert mit Platon gegen Platon“, folgert Rashed. Und Primavesi ergänzt: „Dieses Platon-Zitat haben wir erst im Vergleich mit dem arabischen Wortlaut des Averroës-Kommentars erkannt. Das ergibt eine völlig neue Sicht der aristotelischen Kritik an Platons Ideenlehre.“

Der Averroës-Kommentar stammt zwar aus dem 12. Jahrhundert, doch ist der dort verwendete Archetyp älter als die beiden Hyp-Archetypen α und β. Averroës könnte mithin näher am ursprünglichen Wortlaut der Metaphysik sein als die Texte der byzantinischen Tradition, auf denen die heutigen Metaphysik-Ausgaben fußen. Besonders erhoffen sich Primavesi und Rashed durch vergleichende inhaltliche und stilistische Kritik Antwort darauf, welcher der beiden Hyp-Archetyp näher an der von Averroës benutzten älteren Version liegt.

Als Primavesi und Rashed ihre Neu-Edition planten, gingen sie von einer zu leistenden Synthese der beiden Extrempositionen aus, denen zufolge Aristoteles entweder nur aus der abendländisch-byzantinischen oder nur aus der morgenländischen Tradition zu verstehen sei. Mittlerweile ist das Herausgeber-Duo überzeugt, dass das Verhältnis zwischen den beiden Überlieferungszweigen der byzantinischen Tradition durch die arabische Überlieferung in ein völlig neues Licht gerückt wird. Aristoteles galt immer als der Philosoph des Abendlandes. Das sei er auch, bekräftigt Oliver Primavesi. Aber darüber dürfe man nicht den westlichen Vorposten des Morgenlandes vergessen: das arabisch-muslimische Andalusien des Mittelalters – und die dort tradierte und kommentierte arabische Aristoteles-Übersetzung.
Maximilian Burkhart


CAS Research Groups

Es ist die intensive gemeinsame Textarbeit, die die beiden Aristoteles-Spezialisten Oliver Primavesi und Marwan Rashed zusammenspannt. Der eine lehrt und forscht an der LMU, der andere an der Sorbonne in Paris – via Mailverkehr oder andere Formen digitaler Kommunikation wäre eine so enge Kooperation wohl kaum möglich. Insofern ist der gemeinsame Aufenthalt am Center for Advanced Studies (CAS) der LMU „konstitutiv“ für das ausgewählte Forschungsprojekt, sagt CAS-Geschäftsführerin Dr. Annette Meyer.

Das ist die Idee hinter dem neuen Forschungsformat der „CAS Research Group“: Es bietet Professorinnen und Professoren die Möglichkeit, sich für ein Jahr von der Lehre befreien zu lassen und mit Gastwissenschaftlern vor allem aus dem Ausland gemeinsam einer Forschungsfrage nachzugehen. Wer als LMU-Wissenschaftler nach der Begutachtung durch externe Experten mit seinem Projekt zum Zuge kommt, kann sich nach einer internationalen Ausschreibung eine Arbeitsgruppe zusammenstellen, deren Mitglieder zusammengenommen für 24 Monate Gäste am CAS sind. Konferenzen und Workshops ergänzen die Projekte. Ziel also ist es, die Internationalität der LMU-Forschung weiter zu stärken.

„Ein zentraler Aspekt dieses Programms ist die internationale Sichtbarkeit und Vernetzung von Forschungsschwerpunkten der LMU“, heißt es in den Programm-Richtlinien.

Jeweils zwei Research Groups pro Jahr nehmen ihre Arbeit am CAS auf. Neben Oliver Primavesis „Editing Metaphysics“ ist ein Team um den LMU-Biophysiker Dieter Braun bereits an den Start gegangen: „Recreating the Origin of Life“. Die Gruppe wird die sogenannte chemische Evolution untersuchen, die der biologischen Stammesgeschichte vorausgegangen ist: Wie konnten auf der Erde die ersten Biomoleküle entstehen, die Informationen tragen und sich selbst replizieren – die Grundlagen des Lebens? Geplant sind unter anderem Experimente in LMU-Labors, gemeinsam mit einem Team von einem Dutzend weltweit führender Experten auf diesem Gebiet.

Im akademischen Jahr 2018/19 wird LMU-Professor Donald B. Dingwell eine Research Group zur experimentellen Vulkanologie leiten: „Magma to Tephra: Ash in the Earth System“. Professor Bernhard Zangl vom Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft der LMU wird in seinem Projekt über „Power Shifts and Institutional Change in International Institutions“ forschen. (math)