Ludwig-Maximilians-Universität München
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Archäologie

Rückwärts in die Zukunft

München, 17.03.2016

Philipp Stockhammer erforscht die interkulturellen Verflechtungen im Ostmittelmeerraum vor etwa 3500 Jahren. In seinem neuen ERC-Starting-Grant-Projekt an der LMU untersucht er den Wandel von Essgewohnheiten als Folge interkulturellen Kontakts und zieht Parallelen zur heutigen Globalisierung.

Quelle: „Grab des Useramun (Theben, Ägypten): Gabenbringer aus der Ägäis und der Levante in Ägypten (nach Dziobek et al. 1994. Die Gräber des Vezirs User-Amun Theben Nr. 61 und 131. Mainz am Rhein: von Zabern, Taf. 20)“. Foto: D. Johannes

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Philipp Stockhammer geht weit in die Geschichte zurück, auch um das Heute besser zu verstehen. Der Archäologe ist Experte für die späte Bronzezeit im Ostmittelmeerraum. Im zweiten Jahrtausend vor Christus bildeten sich dort große Herrschaftseinheiten, die in einen intensiven Kontakt traten, wie es ihn zuvor noch nie gegeben hatte. Die Menschen waren sehr mobil, fuhren zwischen Griechenland, Zypern und der Levante hin und her, um zu handeln. Einige siedelten sich in den Handelsstädten anderer Länder an. „Es war eine frühe globalisierte Gesellschaft“, sagt Stockhammer, der sich insbesondere für die kulturellen Folgen dieser internationalen Verflechtungen interessiert und dabei Rückschlüsse auf die Gegenwart für möglich hält: „Durch die historische Perspektive können wir die Dynamiken von Globalisierungsprozessen am besten erkennen.“

Um den Wandel zu untersuchen, den interkultureller Kontakt auslöst, fokussiert Philipp Stockhammer in seinem neuesten Projekt auf Veränderungen in den Essgewohnheiten. „FoodTransforms“ ist der Titel seines Forschungsvorhabens, für das er nun einen der begehrten ERC Starting Grants erhalten hat, mit dem der Europäische Forschungsrat herausragende Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler fördert.

Am Beispiel des Wandels der ostmediterranen Küche wird er aufzeigen, welche Auswirkungen Transkulturalität auf das Leben des Einzelnen und auf gesellschaftliche Entwicklungen hat. Die Frage, die für ihn dahinter steht, ist, welche Veränderungen interkultureller Kontakt bewirkt und welche Dynamiken das auslöst. Mit Blick auf die Essgewohnheiten kann Stockhammer bereits sagen, dass „durch interkulturelle Kontakte eine gewisse Einheitlichkeit entsteht, die aber lokal unterschiedlich realisiert wird. Zum Beispiel breitet sich im zweiten Jahrtausend vor Christus der Konsum von Olivenöl im Ostmittelmeerraum aus, aber es wird regional unterschiedlich verwendet, für andere Zwecke und in anderen Kontexten.“ Neben der Verwendung als Nahrungsmittel wurde es auch als Parfümöl für die Lebenden und in manchen Regionen bei der Einbalsamierung der Toten verwendet. An der südlichen Levante scheint man es auch für rituelle Praktiken an den Altären genutzt zu haben.

In seinem ERC-Projekt wird Stockhammer den Umgang mit neuen Produkten und ihre Verbreitung verfolgen. Waren die Bewohner der Handelsstädte Neuem gegenüber aufgeschlossener? Haben bestimmte Bevölkerungsgruppen fremde Nahrungsmittel eher genutzt? Philipp Stockhammer erzählt ein Beispiel von Ramses II. Bei der Mumifizierung des ägyptischen Königs im 13. Jahrhundert vor Christus wurden Pfefferkörner in die Mumienbinden eingewickelt. „Das zeigt, welchen Stellenwert Pfeffer damals hatte.“ Auch Zimt und Muskat sind beispielsweise in der späten Bronzezeit erstmals aus Ost- und Südasien in den Ostmittelmeerraum gelangt. Um ihre Verbreitung nachzuvollziehen und zu erkennen, wie sie genutzt wurden, arbeitet Philipp Stockhammer mit Naturwissenschaftlern zusammen. Sie werden mithilfe ganz neuartiger Methoden Nahrungsrückstände in Gefäßen analysieren, die zum Transport dienten oder als Grabbeigabe, ebenso wie den Zahnstein bronzezeitlicher Menschen, der Rückschlüsse auf ihre Ernährungsgewohnheiten zulässt. So werden etwa die Proteine, Fette und sogar die DNA der Tiere und Pflanzen, die ein Mensch vor 3500 Jahren gegessen hat, für den Archäologen im Labor sichtbar.

Innovativer Forschungsansatz
In seinem aktuellen Projekt BEFIM, in dem Philipp Stockhammer die Funktion und Bedeutung von Importen aus dem Mittelmeerraum nach Südwestdeutschland in der frühkeltischen Zeit untersucht, nutzt der Archäologe die Ergebnisse von Nahrungsrückstandsanalysen und erzählt begeistert von den damit verbundenen Chancen für seine Forschung. „Die heutigen Möglichkeiten, organische Rückstände im Labor zu analysieren, eröffnen uns ganz neue Fragestellungen. Heute lässt sich sogar sagen, was ein Mensch, der vor tausenden Jahren gelebt hat, während seines Lebens mehr oder weniger regelmäßig gegessen hat.“

Bereits im Jahr 2001 forschte Philipp Stockhammer in Griechenland und schrieb seine Doktorarbeit über Keramik aus der mykenischen Burg von Tiryns. Seitdem arbeitet der Historiker zum Ostmittelmeerraum und hat sich in mehreren Projekten mit Transkulturalität auseinandergesetzt. Im Laufe der Jahre hat er ein wertvolles Netzwerk zu lokalen Archäologinnen und Archäologen aufgebaut. Für ihn eröffnen die heutigen molekularbiologischen Laboruntersuchungen die Aussicht auf einzigartige Forschungsergebnisse. Für seine Bewerbung um einen ERC-Grant war er genau zur richtigen Zeit mit dem richtigen Vorwissen und neuesten Methoden am richtigen Ort, glaubt Philipp Stockhammer: „Ich führe in dem ERC-Projekt die verschiedenen Stränge meiner Forschung zusammen“, erklärt er sich den Erfolg seines ERC-Antrags in dem europaweiten hochkompetitiven Auswahlverfahren. „Der ERC Starting Grant ist eine fantastische Auszeichnung, die mir die Möglichkeit eröffnet, einen innovativen Forschungsansatz zu realisieren, der unglaubliches Potenzial bietet.“ 

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„Die Möglichkeiten, die mir die LMU für eine nachhaltige Karriereentwicklung bietet, sind einmalig“, sagt Philipp Stockhammer, der mit einem ERC Starting Grant an die LMU auf die neue Professur für Prähistorische Archäologie mit Schwerpunkt Ostmittelmeerraum am Institut für Vor- und Frühgeschichte wechselt.

„Herausragendes Umfeld“
Mit dem ERC Starting Grant wechselt Philipp Stockhammer nun vom Institut für Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie der Universität Heidelberg an die LMU, die mit der Auszeichnung in diesem Jahr erstmals die Option auf eine Tenure-Track-Position bietet. Ab Juli hat Philipp Stockhammer die neue Professur für Prähistorische Archäologie mit Schwerpunkt Ostmittelmeerraum am Institut für Vor- und Frühgeschichte und Provinzialrömische Archäologie inne. „Die Möglichkeiten, die mir die LMU für eine nachhaltige Karriereentwicklung bietet, sind einmalig“, sagt Stockhammer, der bereits seit Jahren in verschiedenen Projekten mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der LMU zusammenarbeitet. „Die LMU hat ein ausgesprochen reiches Spektrum an etablierten Fächern in den Altertumswissenschaften. Ihre Forschungsstärke bietet ein herausragendes Umfeld“, sagt Philipp Stockhammer, der hofft, mit der Fragestellung seines ERC-Projekts eine Art Brückenfunktion zwischen den Fächern Vor- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie, Vorderasiatische Archäologie und Ägyptologie zu schaffen.

Insbesondere auch für die Ägyptologie erwartet er weitreichende Ergebnisse. Bislang können Inschriften in hieratischem Ägyptisch auf Vorratsgefäßen, die Nahrungsmittel enthielten, nicht vollständig übersetzt werden. Durch die naturwissenschaftliche Analyse der Nahrungsreste erhofft er sich Rückschlüsse auf die Beschriftung. „Es könnte sein, dass sich das bekannte Vokabular zu Essen dadurch grundlegend erweitertet, wodurch auch andere hieratische Texte auf einmal besser lesbar werden.“ Mithilfe der Nahrungsrückstandsanalysen wird er auch erkennen, wie die verschiedenen Gefäße genutzt wurden. Israelische Kollegen konnten auf diese Weise herausfinden, dass Muskat im 13. und 14. Jahrhundert vor Christus im Gebiet des heutigen Israel in Räucherschalen verbrannt wurde. „Die früheste Lust auf Muskat war im Rausch begründet, und lag nicht an der Absicht, seine Suppe zu würzen“. Anhand dieser Erkenntnis fächern sich weitere Fragen auf: Welche Rolle spielte die Droge für die Festigung von Handelsbeziehungen und wann wurde aus der Droge Muskat ein Nahrungsmittel? Philipp Stockhammer glaubt, dass die Einflüsse in der späten Bronzezeit entscheidend waren für die Entwicklung der mediterranen Küche, wie wir sie heute kennen. Nach seiner Hypothese spielte der interkulturelle Handel dafür langfristig eine wichtigere Rolle als Klima oder Umweltbedingungen. „Die mediterrane Küche ist ein Produkt früher Globalisierung. Sie war schon immer in Veränderung begriffen.“

Philipp Stockhammer konzentriert sich in seinem ERC-Projekt auf die Zeit ab 1600 vor Christus, in der eine immer stärker werdende Vernetzung zwischen den Gesellschaften im Ostmittelmeerraum zu beobachten ist, die um 1300 ihr Maximum erreicht. „Um 1250 bahnt sich ein Umbruch an, es kommt zunehmend zu Konflikten, und um 1200 schließlich zum Systemzusammenbruch. Die Paläste in Griechenland werden zerstört, wichtige Handelsstädte an der Levante brennen nieder und es kommt zum Verlust von Schrift sowie zum Niedergang von Handwerk und Handel in vielen Teilen des Ostmittelmeerraums. Es beginnt eine Zeit, in der es in vielen Regionen keine organisierten Herrschaftssysteme mehr gibt. „Es ist spannend zu sehen, ob sich das auch auf die Ernährung ausgewirkt hat“, sagt Stockhammer. Besonders faszinierend sind für ihn jedoch die Parallelen dieser frühen Globalisierung zu heutigen interkulturellen Verflechtungen und ihren Folgen. “Wir können in der Gegenwart die Globalisierung nur synchron erleben, als Prozess mit offenem Ausgang. Als Historiker und Archäologe kann ich Entwicklungen diachron verfolgen. Die tiefenhistorische Perspektive eröffnet die Chance, historische Dynamiken, die zur Blüte und zum Niedergang von Gesellschaften führten, zu verstehen und damit auch einen wichtigen Beitrag zu drängenden aktuellen Fragen zu leisten.“

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