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Medienforschung

Wenn Algorithmen schreiben

München, 28.04.2016

Leser geben Texten, die von Algorithmen erstellt wurden, gute Noten. Verglichen mit Texten von Journalisten, gelten sie sogar als etwas glaubwürdiger, zeigt ein Experiment von LMU-Kommunikationswissenschaftlern.

Foto: BillionPhotos.com / fotolia.com

Leser mögen Texte, die Computer generiert haben. Das gilt insbesondere dann, wenn sie nicht ahnen, dass diese von einem Algorithmus erstellt wurden. LMU-Kommunikationswissenschaftler baten 986 Studienteilnehmer, online Nachrichtentexte zu lesen. Sobald die Leser annahmen, dass die Meldung von einem Journalisten verfasst worden war, gaben sie ihm bessere Noten. Das war selbst dann der Fall, wenn der Text in Wirklichkeit von einem Computer stammte.

Mehrere Medienunternehmen verbreiten bereits Texte, die von Algorithmen erstellt wurden, zu den bekanntesten zählt die Nachrichtenagentur AP. Auch deutsche Verlage nutzen bereits, was gemeinhin als „Roboterjournalismus“ bezeichnet wird. Aktuell bietet sich das vor allem in den Ressorts Sport und Finanzen an, da hier Texte auf Basis von Datenmengen erstellt werden können, die weitgehend strukturiert vorliegen.

Forscher um Dr. Andreas Graefe und Professor Hans-Bernd Brosius am Institut für Kommunikationswissenschaft der LMU (IfKW) haben untersucht, wie die von Algorithmen verfassten Texte bei den Lesern ankommen. Über die Ergebnisse berichten sie aktuell im Fachmagazin Journalism. Sie wählten zwei journalistische Texte beliebter deutscher Webseiten, einmal über ein Fußballspiel, einmal über die Kursentwicklung eines Autozulieferers. Zu denselben Themen erstellte ein Algorithmus Texte, der am Fraunhofer Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie entwickelt wurde.

Jeder Studienteilnehmer bekam dann jeweils einen Sport- und einen Finanztext vorgelegt. Die Texte enthielten eine kurze Notiz, ob sie von einem Journalisten oder einem Algorithmus geschrieben worden waren. Was die Probanden dabei nicht wussten: Diese Angabe wurde in einigen Fällen bewusst verfälscht.

Graefe und seine Kollegen fanden so heraus, dass von Menschen geschriebene Texte zwar lieber gelesen werden, tatsächlich aber die computergeschriebenen Texte als glaubwürdiger gelten. Letzteres hat auch die Wissenschaftler selbst überrascht. „Die automatisch generierten Texte sind sehr fakten- und datenlastig. Zahlen werden bis auf die zweite Kommastelle genannt. Wir nehmen an, dass das zur Glaubwürdigkeit beiträgt“, sagt Mario Haim vom IfKW, einer der Autoren der Studie. Sobald die Leser davon ausgingen, dass der Text von einem Menschen stammte, fanden sie ihn angenehmer zu lesen – selbst dann, wenn er in Wirklichkeit von einem Algorithmus war. „Wir erklären das damit, dass die Leser eine gewisse Erwartungshaltung haben, je nachdem, ob ein Mensch oder Computer den Text geschrieben hat, und dies implizit ihre Wahrnehmung beeinflusst“, sagt Haim. Eine mögliche kritische Haltung gegenüber computerbasierten Texten könne daran liegen, dass die Leser noch wenig Erfahrung damit haben. Insgesamt waren die gefundenen Unterschiede aber gering. „Wir werten das als Zeugnis dafür, dass die von Computern generierten Texte im Bereich von Sport- und Finanz-Kurznachrichten bereits sehr ansprechend sind“, sagt Haim.
(„Journalism“, April 2016)

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