Ludwig-Maximilians-Universität München
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Lernen mit digitalen Zeugnissen

Interaktives Projekt LediZ startet

München, 22.01.2020

LMU-Forscher und -Forscherinnen haben in Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ein Projekt gestartet, dank dessen zwei Überlebende des nationalsozialistischen Terrors auch künftigen Generationen von ihren Erlebnissen erzählen und Fragen beantworten können.

Eva Umlauf und Abba Naor konnten für das Zeitzeugenprojekt LediZ gewonnen werden

„Lernen mit digitalen Zeugnissen“, kurz LediZ, ist ein Projekt der Erinnerungskultur, das Gespräche mit Zeitzeugen auch dann ermöglichen soll, wenn es diese einmal nicht mehr gibt. Dafür wurden zwei Zeitzeugen stereoskopisch abgefilmt, um eine dreidimensionale Visualisierung zu ermöglichen. Zudem sind die Filmaufnahmen mit einer Spracherkennungssoftware verbunden. Somit können Fragen, die von einem Publikum gestellt werden, mit gefilmten Antworten abgeglichen und abgespielt werden. Ein ausdifferenziertes Trainingsprogramm optimiert die Zuordnung von Antworten zu Fragen.

Für das Projekt konnten zwei Überlebende gewonnen werden: Abba Naor, geboren 1928 in Kaunas, Litauen, und Eva Umlauf, geboren 1942 in Nováky, Tschechoslowakei. Sie haben ihre Geschichte erzählt und auf 1.000 Fragen zu ihrem Leben vor, während und nach dem Holocaust geantwortet. Abba Naor gibt unter anderem Auskunft über seine Verfolgung in Kaunas, die ihn über Stutthof in die Außenlager von Dachau geführt hat; Eva Umlauf berichtet von ihrer Geburt im „Arbeitslager für Juden“ in Nováky, ihrer Ankunft als Zweijährige in Auschwitz und ihrer Rückkehr in ihren Heimatort.

Zielgruppe des Projektes sind Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufen; sie erhalten die Möglichkeit, mit dem interaktiven 3D-Zeugnis zu interagieren. Dadurch wird ihr Wissen zu Holocaust und NS-Verbrechen um eine biographische Komponente erweitert. Auch lernen sie, Fragen als wichtiges Instrument für die Erschließung von Wissen zu verstehen.

Auch Lehramtsstudierende und interessierte Lehrkräfte aus den Fächern Deutsch, Geschichte und Sozialkunde können den kritischen Blick durch Quellen dieser Art im Vergleich mit weiteren Formen der Zeugenschaft, wie etwa Printmedien, Videozeugnissen oder Oral-History-Interviews, schärfen. „Das interaktive Zeitzeugengespräch ist ein Teil der Überlieferung, wie andere Zeugnisse auch. Unsere Aufgabe ist es, ihre jeweiligen Vor- und Nachteile auszuloten und zu überlegen, wie sie sinnvoll im Unterricht einzusetzen sind“, sagt die Didaktik-Professorin Anja Ballis von der LMU, die das Projekt zusammen mit ihren Kollegen Markus Gloe vom GSI und Michele Barricelli (Didaktik der Geschichte) in Kooperation mit dem Leibniz-Rechenzentrum realisiert hat. Als einen Vorteil des Zeitzeugengesprächs sieht Professor Gloe vor allem, dass Geschichte aus Sicht der Personen erlebbar werde.
Künftig sollen Schulen mit einem mobilen Technik-Rack nebst Leinwand besucht werden, um den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit eines ‚Zeitzeugengesprächs‘ zu bieten.


Das Projekt wird kontinuierlich weiterentwickelt: Eine Online-Variante des digitalen Zeugnisses von Abba Naor ist in Vorbereitung und ein digitales Zeugnis mit einem Sinto wird 2020 erstellt.