Ludwig-Maximilians-Universität München
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Studieren in der Corona-Krise

„Wir müssen sehr kreativ sein“

München, 20.05.2020

12 Prozent der Studierenden an der LMU haben eine chronische Erkrankung oder Behinderung. Schon vor dem Ausbruch von Covid-19 stellte ihr Studienalltag sie manchmal vor Herausforderungen – wie geht es ihnen nun in Zeiten von Corona?

Caroline Schambeck

„Momentan liegt mein Studentenleben auf Eis“, sagt Caroline Schambeck. Eigentlich studiert die 29-Jährige Orthodoxe Theologie im Bachelor, einen Master in Geochemie und Materialwissenschaften hat sie bereits in der Tasche. Doch Caroline hat Mukoviszidose – eine angeborene Stoffwechselkrankheit, bei der der Körper einen zähen Schleim produziert. Betroffen ist neben anderen Organen vor allem die Lunge, das Atmen fällt Betroffenen oft schwer. Vor einigen Monaten bekam Caroline eine Spenderlunge transplantiert.

„Die Transplantation verlief nicht so glatt, deshalb war ich achteinhalb Monate im Krankenhaus beziehungsweise auf Reha auf der Intensivstation – und durfte jetzt, mitten in der Covid-Zeit, nach Hause.“ An ein Studium ist für sie derzeit nicht zu denken – zu groß wäre die Gefahr einer Ansteckung. Am Anfang nach ihrer Entlassung sei sie sehr nervös gewesen, berichtet Caroline. „Aber jetzt weiß ich, wie ich mich verhalten, auf was ich alles aufpassen muss und es läuft ganz gut. Ich muss zwar auf einiges verzichten, was ich eigentlich dank der neuen Lunge wieder könnte, aber da muss ich jetzt durch.“

Auch Madeleine Metz befindet sich in einer besonderen Situation: Sie hat eine Hörschädigung, ist auf dem rechten Ohr ertaubt und links hochgradig schwerhörig. Ein Cochlea Implantat und ein Hörgerät helfen ihr im Alltag. Vor vier Monaten hat die Masterstudentin der Pädagogik einen Sohn bekommen – und hätte dieses Semester ihr Studium eigentlich ausgesetzt. „Doch im Zuge des digitalen Semesters habe ich mich dazu entschlossen, nun weiter zu studieren, da ich die meisten Vorlesungen, die dieses Semester angeboten werden, nachverfolgen und anschauen kann, wenn die Bedingungen dazu gegeben sind.“

6400 Studierende mit gesundheitlicher Beeinträchtigung an der LMU

Madeleine und Caroline gehören laut Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks zu den rund 6400 Studierenden mit gesundheitlicher Beeinträchtigung an der LMU. Bei Problemen im Studienalltag steht ihnen die Beratungsstelle für Studierende mit Behinderungen und chronischer Erkrankung zur Seite. Seit dem Ausbruch von Covid-19 sieht sich die Beratungsstelle mit neuen Herausforderungen konfrontiert. „Wir bekommen ganz neue Probleme auf den Tisch und müssen da teilweise sehr kreativ sein“, berichtet Romy Hoche, die die Studierenden weiterhin telefonisch berät.

Sie gibt Antworten auf Fragen zu organisatorischen Details wie der Regelstudienzeit und Bafög oder versucht, Lösungen für praktische Probleme zu finden. „Viele Anfragen kommen von Risikopatienten. Für die ist es jetzt schwierig, die Bibliothek zu nutzen, auch wenn wieder die Möglichkeit besteht, den Präsenzbestand auszuleihen. Sie fragen, ob es Scans der Bücher gibt, da sich diese Studierenden gar nicht auf den Weg hierher machen möchten.“ Hoche und ihre müssen sich bei Fragen dieser Art plötzlich mit ganz neuen Themen wie etwa dem Urheberrecht auseinandersetzen.

Zudem melden sich viele Studierende, wenn sie bei digitalen Lehrveranstaltungen Probleme haben – dies betrifft laut Hoche vor allem die mit einer Hör-, Seh-, oder Sprechbeeinträchtigung. Auch Madeleine hat diese Erfahrung gemacht: „Manchmal überlappen sich die Redebeiträge der Teilnehmenden, wodurch wiederum ein schlechteres akustisches Verständnis ausgelöst wird. Manchmal klingen Stimmen auch blechern oder unangenehm, was das Verstehen wiederum erschwert.“ Aktuell erörtert die Beratungsstelle daher, in welchem Rahmen bei Onlineveranstaltungen eine Liveuntertitelung stattfinden kann – doch muss dann auch die Finanzierung solcher Maßnahmen abgeklärt werden.

Die digitalen Veranstaltungen bieten auch Vorteile

Außerdem arbeitet Hoche daran, bei den Lehrenden das Problembewusstsein dafür zu schaffen, welche Schwierigkeiten das digitale Lernen für Studierende mit Beeinträchtigungen mit sich bringen kann. In einem Leitfaden, der das Feedback von Studierenden verarbeitet, gibt die Beratungsstelle Tipps, wie eine barrierefreie Gestaltung der digitalen Lehre möglich ist. Ein Leitfaden für die Studierenden selber soll sie zudem in ihrem Studium unterstützen – beide sind auf der Webseite der Beratungsstelle verfügbar.

Laut Hoche profitieren auch einige Studierende von den digitalen Veranstaltungen: „Gerade Studierende mit Mobilitätsbeeinträchtigungen oder die dauerhaft beatmet werden, müssen nun keine Wege auf sich nehmen, um an Lehrveranstaltungen teilnehmen zu können.“ Einige Veranstaltungen fänden zudem asynchron statt, was den Vorteil biete, dass die Studierenden sich ihre Zeit selbst einteilen und interessante Stellen erneut anhören oder ansehen könnten.

Für Madeleine als frischgebackene Mutter ist es sehr hilfreich, dass sie sich nicht nach einem festen Zeitplan richten muss und sich die Betreuungszeiten ihres Sohnes flexibel einteilen kann. Zudem ist es kein Problem, einer Lehrveranstaltung über den Computerbildschirm zu folgen und gleichzeitig ihren Sohn auf dem Arm zu wiegen. Was der Pädagogikstudentin ebenfalls sehr entgegenkommt: „Dadurch, dass der/die Sprecher/in bei Zoom im Vollbildmodus erscheint, ist das Mundbild jederzeit verfügbar. Außerdem ist es möglich, dass ich den Ton über Kopfhörer oder entsprechende Lautstärkeregelungen für mich persönlich optimieren kann.“ Für sie ist es über Zoom daher teilweise sogar leichter, dem Unterrichtsgeschehen zu folgen als während einer Präsenzveranstaltung.

Langfristige Auswirkungen auf die Zukunft von Studierenden mit chronischer Erkrankung

Sie würde sich wünschen, dass Vorlesungen als digitales Format künftig mehr etabliert würden. Auch Caroline hofft darauf, ab dem Wintersemester das digitale Lehrangebot der LMU nutzen zu können. „Vor Ort zu studieren könnte für Personen wie mich, die zur Risikogruppe von Covid-19 gehören, schwierig sein. Da bin ich sehr vorsichtig und kann gar nicht einschätzen, wie lange das dauern wird. Zudem muss ich ab dem Herbst noch mehr aufpassen, weil dann ja wieder Influenza Zeit ist.“

Auch Hoche und ihre KollegInnen machen sich Gedanken darüber, wie sich die Covid-19-Krise in Zukunft auf Studierende mit chronischen Erkrankungen auswirken wird – und wie die Beratungsstelle womöglich auch langfristig mit der Problematik umgehen kann. „Wir wissen ja noch gar nicht: Wie lange zieht sich die Situation noch hin, was genau kommt noch auf die Studierenden zu, wie können sie damit umgehen – und wir als Beratungsstelle sie unterstützen? Denn voraussichtlich wird es ja nicht bei diesem Semester bleiben: Wenn jemand Risikopatient ist, kann sich diese schwierige Situation noch wirklich lange hinziehen.“

„Ich will mein Leben auf keinen Fall aufs Spiel setzen“

An persönliche Kontakte mit anderen Menschen ist für Caroline derzeit nicht zu denken – zu groß wäre die Gefahr einer Infektion. Seit ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus ist sie daher bei ihren Eltern in strengster Isolation. Sie selbst empfindet es als Freiheit, endlich wieder zu Hause zu sein. „Die Schutzmaßnahmen sind einfach eine Gewohnheitssache. Ich bin es nicht anders gewöhnt und sehr bedacht darauf, diese Maßnahmen einzuhalten, weil es ja um mein Leben geht, das ich jetzt geschenkt bekommen habe – und das ich auf keinen Fall aufs Spiel setzen will.“

Dem Tag, an dem sie wieder Präsenzveranstaltungen an der LMU besuchen können, blicken sowohl Madeleine als auch Caroline entgegen – auch wenn beide von den digitalen Lehrveranstaltungen profitieren. Worauf sich Caroline am meisten freut?

„Dass man seine Freunde mal wieder live sieht und nicht immer nur über den Videochat. Zusammen in einer Vorlesung sitzen – einfach dieses Beisammensein – das fehlt schon sehr.“