Ludwig-Maximilians-Universität München
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75 JAHRE KRIEGSENDE

Aufbau und Aufbruch – Stunde Null an der LMU

München, 08.05.2020

Vor 75 Jahren wurde die LMU von den US-Besatzungstruppen geschlossen. Denn die meisten Dozenten waren Parteigänger des Nationalsozialismus. Allerdings setzte sich bald Pragmatismus bei den Besatzungstruppen durch – auch in der Erkenntnis, dass Universitäten ohne Personal nicht zur demokratischen Umerziehung nützen.

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Wenn Münchener in einem Sommer ohne Coronakrise durch den Olympiapark im Norden der Stadt flanieren, sich beim Bier in der Olympiaalm oder auf den angrenzenden Wiesen sonnen, den Ausblick und das schöne Wetter genießen, dann wissen viele von ihnen nicht, dass sie auf Trümmern chillen. Denn der Schutt von Tausenden im Zweiten Weltkrieg zerbombten Gebäuden bildet das Fundament des hügeligen Idylls. Auch die Reste der LMU ruhen hier – vor über 70 Jahren auf Wagen geladen und hergeschafft von jungen Leuten wie Wilhelm Killermann. „Wir mussten ein Semester lang oft mehr als acht Stunden am Tag die Trümmer schaufeln und in den Münchner Norden transportieren“, erinnert sich der heute 90-Jährige. „Es war eine sehr schwere Arbeit, die LMU war ein einziger Schutthaufen. Und immer wieder haben wir in dem Geröll die verwesten Leichen von Bombenopfern gefunden.“

Wilhelm Killermann, bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand Professor für Didaktik der Biologie an seiner Alma Mater, war Mitglied des sogenannten Studentenbautrupps, der nach dem Krieg mithalf, die LMU wieder in einen funktionierenden Zustand zu versetzen. Mit ihm zusammen arbeitete Guido Hartmann, ebenfalls später Professor an der LMU. Unmittelbar nach dem Krieg war die Arbeit in dem vom Ägyptologen Hans Wolfgang Müller initiierten Bautrupp noch freiwillig, 1948, als Wilhelm Killermann an der LMU sein Studium der Biologie, Chemie und Geografie aufnehmen wollte, war sie zur Zulassungsvoraussetzung zum Studium geworden.

80 Prozent der LMU-Dozenten entlassen
Dass die Universität schnell wieder ihren Betrieb aufnehmen sollte, lag auch im Interesse der US-Truppen, die München Ende April 1945 besetzt und die Universität einen Monat später zur Entnazifizierung ihres Personals zunächst geschlossen hatten. Hochschulen, wie auch Rundfunk, Zeitungen oder kulturelle Institutionen, galten ihnen jedoch als wichtiges Mittel im Rahmen der sogenannten Reeducation, mit der die Deutschen gleichsam durch sich selbst zur Demokratie finden sollten. Allerdings war das gar nicht so leicht: „Die Wiederaufbaupolitik beziehungsweise die Bemühungen der Reeducation der US-Administration kollidierten mit ihren eigenen Entnazifizierungsbemühungen“, weiß PD Dr. Nicolai Hannig vom Lehrstuhl für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte der LMU.

Ein klassisches Dilemma, das sich vor allem im Fall der LMU ganz besonders bemerkbar machte: Aufgrund von Verstrickung in das NS-Regime wurden 80 Prozent der LMU-Dozenten entlassen. Allein in der Philosophischen Fakultät mussten 86 von 96 Fakultätsmitgliedern gehen, stark betroffen waren auch die Medizinische und die Juristische Fakultät. Bei der Enttarnung der Belasteten sahen sich die Besatzer der Herausforderung gegenüber, zunächst Kriterien festzulegen, aufgrund derer jemand aus dem Dienst entfernt werden konnte. Schon bei der Parteimitgliedschaft war das nicht immer trennscharf auszumachen, wenn Betroffene nicht gerade vor 1933 in die NSDAP eingetreten waren. Ab Mai 1937 etwa mussten Beschäftigte des öffentlichen Dienstes Parteimitglied werden, um hier weiterhin arbeiten zu können. Auch konnten junge Leute zum Dienst in der Waffen-SS durchaus eingezogen worden sein. Dann gab es Hochschullehrer, die zwar nicht Parteimitglied waren, ihre Forschung aber in den Dienst der NS-Ideologie stellten. Hannig verweist in diesem Zusammenhang auf ein Beispiel an der Universität Freiburg: „Dort gab es eine sogenannte Studenten-SA, in die Studierwillige eintreten mussten, um überhaupt studieren zu können. Deswegen findet sich in ihren Spruchkammerakten häufig eine zeitlich befristete SA-Mitgliedschaft.“

Mittels Fragebögen sollten Funktionsträger Auskunft darüber geben, ob, und wenn ja, wie sie in das Regime verstrickt waren. Neben biografischen Daten mussten sie alle Mitgliedschaften in NS-Organisationen, Dienstverhältnisse oder etwaige Schriften angeben. „Dabei konnte man nicht einfach irgendetwas schreiben, weil es – natürlich in gewissen Grenzen – auch nachprüfbar war“, sagt Hannig. Auch hätten die Besatzungstruppen durch emigrierte Wissenschaftler viel über den akademischen Betrieb an deutschen Hochschulen und den Austausch der kulturellen Eliten in Deutschland gewusst. Und mit Hans Loeser war ein US-Offizier mit der Entnazifizierung der LMU betraut, der aus Kassel stammte und als Jude in die USA geflüchtet war. Er konnte Deutsch und kannte die Kultur seiner alten Heimat. Was ihn bei seiner Arbeit in München besonders erstaunte, war die Beharrlichkeit der Professoren, mit der sie ihre Rolle im NS-Hochschulsystem herunterspielten.

Der im Nationalsozialismus hochangesehene Historiker Karl Alexander von Müller war der einzige, der seine Verantwortung eingestand und dem NS-Regime abschwor. Auch trat er sofort als Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zurück, er hatte das Amt seit 1944 innegehabt. Die anderen leugneten ihre Rolle, hatten sich „in die apolitische Sphäre der Wissenschaft“ zurückgezogen und waren natürlich zumeist Nazigegner. Aber Loeser und seine Mitarbeiter – unbelastete Deutsche, ehemalige KZ-Häftlinge, Kirchenangehörige oder politisch Verfolgte – recherchierten alles: Nicht nur Partei- oder Mitgliedschaften in NS-Organisationen, sondern auch die Inhalte von Forschungsvorhaben und -arbeiten: Gab es hier antisemitische Aussagen? War die nationalsozialistische Ideologie hier erkennbar? Das ernüchternde Ergebnis: Die allermeisten Professoren waren auf die ein oder andere Weise in das Regime verstrickt gewesen.

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Karrieremöglichkeiten für die zweite und dritte Reihe
Ein Beispiel für einen auch wissenschaftlich stark mit der NS-Ideologie verschränkten Wissenschaftler war der Physiker Wilhelm Müller, Nachfolger von Arnold Sommerfeld auf dem Lehrstuhl für Theoretische Physik an der LMU. Müller war Anhänger der „Deutschen Physik“, die im „Dritten Reich“ die moderne Physik verneinte, dem Fach eine rassistische und antisemitische Prägung verlieh und die Forschungsergebnisse von jüdischen Wissenschaftlern negierte, etwa die Allgemeine Relativitätstheorie von Albert Einstein. Müller, schon von seinem Vorgänger Sommerfeld als „denkbar schlechtester Nachfolger“ eingeschätzt, wurde aufgrund nachgewiesener Linientreue und Verstrickung ins NS-Regime befördert, ein Umstand, der ihn 1945 aber den Job kostete.

Warum haben sich Forscher und kenntnisreiche Akademiker so bereitwillig von dem Regime einspannen lassen und damit eigentlich Menschen, denen man zutrauen sollte, die Folgen des NS-Regimes und deren Tragweite wenigstens ansatzweise zu antizipieren? „Es spielten sicher auch die Karrieremöglichkeiten für Wissenschaftler aus der zweiten oder dritten Reihe ein Rolle“, mutmaßt Nicolai Hannig. „Weil viele jüdische oder politisch nicht opportune Kollegen entlassen worden waren, hatten jene nun Gelegenheit, auf Stellen nachzurücken, auf die sie unter normalen Umständen nicht gelangt wären.“ Zum anderen habe es gerade in den Geisteswissenschaften gewisse thematische Anschlussfähigkeiten gegeben, etwa bei Wissenschaftlern, die in ihrem Werk ohnehin schon antisemitische oder „völkische“ Paradigmen bemühten.

So etwa beim Historiker und Schüler von Karl Alexander von Müller, Ulrich Crämer, der Professor an der LMU war. Crämer, selbst Mitglied der SS und Leiter des Rasse- und Siedlungsamtes dieser NS-Organisation, versuchte, gleichsam eine nationalsozialistische Philosophie zu definieren, die auf den Ursprung des deutschen Volkes zurückverweisen wollte mit dem Ziel, diesen im „Volksbewusstsein“ zu verfestigen. Crämers Ziel war es, dieses philosophische Konzept historisch herzuleiten. Er war schließlich auch eines der 86 Mitglieder der philosophischen Fakultät, die auf Anweisung der US-Militäradministration 1945 entlassen wurden. Mehr noch: Im Januar 1946 wurde Crämer verhaftet und in den sogenannten „Automatic Arrest“ des US-amerikanischen Militärsicherheitsdienstes genommen. Grund dafür war auch seine SS-Mitgliedschaft, aus der man eine potenzielle Gefährlichkeit ableitete.

Möglicherweise erfolgte diese vergleichsweise späte Inhaftierung aufgrund einer Anzeige – eine weitere Möglichkeit der Besatzungstruppen und ihrer deutschen Vertreter, Belastete des NS-Systems aufzuspüren. Nach seiner Entlassung aus der Haft etwa eineinhalb Jahre später musste Crämer sich der üblichen Entnazifizierung in einem Spruchkammerverfahren unterziehen. Hier schaffte er argumentativ, ein „minderbelastet“ zu erwirken, was aber nichts daran änderte, dass er trotz jahrelanger Anstrengungen nie wieder im akademischen Betrieb Fuß fassen konnte. So wie Crämer ging es bei Weitem nicht allen in Spruchkammerverfahren Verurteilten: „Die Entnazifizierung erlahmte von Jahr zu Jahr, insbesondere aus pragmatischen Gründen: Man brauchte die Leute und hoffte, dass sie quasi durch die Institution, in der sie wieder arbeiten durften, ‚umerzogen‘ wurden“, sagt Nicolai Hannig. Die Institutionen mussten dringend wieder in Betrieb gehen, um das Dilemma von Reeducation und Entnazifizierung aufzulösen. Aber auch der aufkommende Konflikt zwischen den Großmächten Sowjetunion und USA mit ihren Alliierten beförderte das Umdenken und die zunehmend laxer werdende Verurteilungspraxis im Rahmen der Spruchkammerverfahren – mit der Folge, dass viele in das NS-System verstrickte Wissenschaftler wieder forschen durften.

Wiedereröffnung und Neuanfang
Schließlich wurde die LMU im Jahr 1946 unter der Ägide des Romanisten Karl Vossler wiedereröffnet. Vossler folgte Albert Rehm, der nach Kriegsende die Leitung der LMU als kommissarischer Rektor übernommen hatte und die Belange der Universität seit ihrer Schließung vertrat und koordinierte; sein Tagebuch aus dieser Zeit ist voll von kurzen, geradezu hektisch wirkenden Einträgen, die einen Einblick geben in das Chaos, dem er sich gegenübersah: Entlassungen, Ermittlungen gegen belastete Dozenten, Rückführung von Büchern, die Klärung von Versorgungsansprüchen freigestellter Dozenten, Wohnungsanfragen von Universitätsmitgliedern, Auseinandersetzungen mit der Besatzungsadministration et cetera.

Der 74-jährige Rehm war nicht zu beneiden um das Amt, das er übernommen hatte. Beide, Vossler und Rehm, waren schon vor 1933 Rektoren der LMU gewesen und galten als unbelastet. Vossler, der zur neuerlichen Leitung der Universität mühselig überredet werden musste – schließlich war auch er bereits 73 Jahre alt –, wurde von den Besatzungsbehörden als Rektor anerkannt, weil er schon während des Naziregimes mit seiner Ablehnung dagegen nicht hinter dem Berg gehalten hatte. Das hatte er mit seiner Zwangsemeritierung aufgrund politischer Unzuverlässigkeit bezahlen müssen. Die Eröffnung der Universität erfolgte schrittweise – angefangen mit der Theologischen Fakultät nahmen auch alle übrigen Fakultäten sukzessive den Betrieb wieder auf.

Am 23. Juli 1946 schließlich wurde die Wiedereröffnung gefeiert, und es war trotz aller Altlasten ein Neuanfang. Auch was die an der LMU bis dato gepflegte Erinnerungskultur betraf: Noch bis zu ihrer Zerstörung durch amerikanische Bomber waren das Hauptgebäude und insbesondere der Speerträgerbereich – die ehemalige Ehrenhalle – im ersten Obergeschoss Orte fast kultischer Heldenverehrung. Dort steht heute noch die kriegerische Männlichkeit vermittelnde Plastik des Doryphoros oder Speerträgers, der seine Waffe – gleichsam symbolisch – während der Bombenangriffe verlor und auch in dieser Hinsicht als nackter Mann zurückblieb. Um ihn herum war der Raum mit zahlreichen Kriegstotentafeln, stahlhelmbewehrten Jünglingsköpfen und weiteren Reminiszenzen an deutsches Heldentum ausstaffiert – auch sie fielen 1944 in Trümmer und wurden von Wilhelm Killermann und seinen Kommilitonen des Studentenbautrupps fortgeschafft. Noch während des Rektorats Karl Vosslers wurde im Hauptgebäude 1946 eine Tafel zur Erinnerung an andere, an widerständige Menschen enthüllt: für die Mitglieder der Weißen Rose, die ihr Eintreten gegen den Nationalsozialismus drei Jahre zuvor mit dem Leben bezahlt hatten. Die Erinnerung an sie, ihren großen Mut und ihre große Zivilcourage ist bis heute an verschiedenen Orten im Hauptgebäude präsent – als Mahnmal und als zukunftsweisendes Beispiel.

 

Über die Herausforderungen der unmittelbaren Nachkriegszeit sprach MUM mit dem Historiker PD Dr. Nicolai Hannig, der an der LMU unter anderem zur neueren deutschen und europäischen Geschichte forscht. Dieses und weitere Geschichten finden Sie im MünchnerUni Magazin. Hier können die das MUM abonnieren