Ludwig-Maximilians-Universität München
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Logbuch Digitale Lehre

Der Laptop, er singet

München, 20.07.2020

Ein Musikwissenschaftsstudium ganz ohne Präsenz: Funktioniert nicht. Aber die Lebenswirklichkeit der Studierenden ändert sich zunehmend, wird immer digitaler. Zeit, sich daran anzupassen, findet Studiengangskoordinator Jan Golch. Er startet nun ein spannendes digitales Pilotprojekt, dass Studierenden den Zugang zum wissenschaftlichen Arbeiten erleichtern soll.

Jan Golch will die Vorzüge der digitalen Lehre nutzen

Hohe Bücherstapel türmen sich auf dem Tresen und den Tischen, sodass die Bibliothekarin dahinter fast nicht zu sehen ist. Normalerweise geht es hier im Vorzimmer zur Bibliothek der Musikwissenschaft und auf den Gängen davor geschäftig zu, doch derzeit ist alles menschenleer und still. „Jetzt, wo die Studierenden nicht da sind, nutzen wir die Gelegenheit und sortieren den Bestand“, entschuldigt Jan Golch lachend das Chaos.

Dem Studiengangskoordinator der Musikwissenschaft fehlen seine Studierenden. Er findet: „Universität ist nicht nur eine Institution, sondern ein Ort – ein echter Ort. Und Studium ist auch nicht nur irgendwie eine Ausbildung, sondern ein Lebensabschnitt. Der Austausch, das Miteinander, die Präsenz - diese Dinge gehören irreduzibel dazu.“

Er führt in die verwaiste Bibliothek. Der Duft von Papier und Staub liegt in der Luft, die Pauken in der Mitte des Raumes sind sorgfältig in Plastikplanen gehüllt – momentan spielt niemand darauf. Dabei ist das Musizieren für die Studierenden der Musikwissenschaft von großer Bedeutung, die meisten beherrschen ein Instrument oder singen – die Musik ist ihr Handwerkszeug. „Das ist, wie wenn man englische Literatur studiert: Da bietet sich schon an, dass man die Sprache kann“, erklärt Golch.

Ein kompletter Umstieg von heute auf morgen

Doch gemeinsames Musizieren im Chor oder Orchester der Musikwissenschaft ist seit Ausbruch von Covid-19 vorerst nicht möglich. Auch das Team der Lehrenden am Institut musste, so wie die gesamte Universität, von heute auf morgen komplett auf digitale Lehre umsteigen. „Im März wussten wir gar nicht: Werden wir am 20. April überhaupt starten? Und wird Zoom die großen Datenmengen überhaupt stemmen?“, erzählt Golch.

Tatsächlich läuft das digitale Semester recht gut an seinem Institut. „Wir hatten Glück: Im Sommersemester haben wir viele Veranstaltungen wie Lektürekurse, die wir im digitalen Format gut unterbringen konnten. Eine Projektarbeit hat sich gleich die aktuellen Konsequenzen der Corona-Krise für die Musik im virtuellen Raum angeschaut. Die Studierenden veröffentlichen ihre Ergebnisse auf unserem Institutsblog.“

Das zeigt, was den Umstieg auf komplette Online-Lehre ebenfalls bedeutend einfacher machte: Die Musikwissenschaft arbeitet bereits seit Jahren mit digitalen Tools: Ob asynchroner Online-Kurs oder das Arbeiten mit digitalen Quellen und Datenbanken – die Ressourcen sind bereits vorhanden und bieten einige Vorteile. Denn digitalisierte und digital aufbereitete Quellen stehen den Studierenden jederzeit zur Verfügung und sind für alle gleichermaßen nutzbar. Gerade etwa entstünde eine wegweisende Online-Plattform der Kritischen Ausgabe der Werke von Richard Strauss am Institut der Musikwissenschaft. „Es gibt noch und nöcher,“ freut sich Golch.

„Jetzt musste man nur noch den Switch machen, dass man sich nicht mehr im Hörsaal getroffen hat, sondern online. So arg viel hat sich gar nicht geändert.“ Auf diese Weise zu arbeiten funktioniere sehr gut. „Wohl auch, weil wir Onlineressourcen schon immer genutzt haben - nur wahrscheinlich nicht bewusst genug.“

„Wir brauchen neue Formate“

Das neu gewachsene Bewusstsein für die Vorteile der digitalen Lehre will Golch nutzen. Seit 2018 betreibt er bereits Stuko TV: Ein kleines, etwas absurdes Nachrichtenformat in Videoform, das über die eher trockenen aber wichtigen Themen des Studienalltags informiert. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man zwar sehr viel Aufwand betreiben kann, Emails zu schreiben und an alle Studierenden zu senden, aber dass die Neigung, solche Emails dann auch zu lesen, nicht besonders ausgeprägt ist.“

Zudem würden sich die Studierenden an die Inhalte in einer langen Email oft schlechter erinnern. Völlig menschlich, findet Golch. „Ich dachte, da braucht es ein zusätzliches Format um auch langweilige Inhalte wie Prüfungsanmeldung, oder was man sonst so im Studienalltag vergessen kann, an die Studierenden zu bringen.“ Deshalb begann der Dozent, kurze Videos zu drehen. „Eigentlich mache ich darin offenkundig Schwachsinn, aber diese unterhaltsame Ebene trägt dazu bei, dass die Leute die relevanten Inhalte wahrnehmen.“

Zwischen Nobelpreis und Sendung mit der Maus

Von den Studierenden wird Stuko-TV dermaßen begeistert aufgenommen, dass Golch bereits an einem weiteren Projekt arbeitet: Kurze Videotutorials von fünf bis zehn Minuten, die Hilfestellungen im Studienalltag geben und sich nach den Bedürfnissen der Studierenden richten. „Ich will den Einstieg in die Thematik erleichtern. Ausführliche Leitfäden in Form von PDF Dokumenten gibt es genug. Es geht darum, die Leute überhaupt dahin zu bekommen, dass sie diese Sachen lesen, verstehen und sich daran erinnern.“

Je einfacher erklärt, desto besser, findet Golch: „Lehre und Forschung ist irgendwie immer zwischen Nobelpreis und Sendung mit der Maus.“ Die Videos drehe er nicht für sich, sondern für die Studierenden. „Das sind 20-Jährige und deren Umgebung ist nun mal digital.“ Mit den Videos hofft Golch, einen bleibenden Mehrwert zu schaffen.

Er sieht viel Potential in dem Medium. Die Verbindung von Video und Audio sei ideal für die Musikwissenschaft. Zudem sei es möglich, in die Tutorials weiterführende Links einzufügen oder Erklärungen einzublenden. „Solche Sachen sind an der Lebensrealität der Leute, die jetzt studieren, viel näher dran, als wenn ich mich vorne hinstelle und einen zehnminütigen Vortrag halte. Alles, was ich langatmig in zehn Minuten vollständig erkläre, wird zur Hälfte vergessen – das ist so.“

„Das ist auch eine Chance“

Ein weiterer Vorteil: Jede:r Studierende könne im individuellen Tempo lernen. “Etwa beim Thema Satzlehre: Der Eine begreift es sofort, jemand der ein bißchen länger braucht, kann sich ein Video zehnmal anhören. Studierende sind nicht mehr davon abhängig: Habe ich wirklich alles mitgeschrieben?. Das ist ein echter Vorteil, den die Studierenden allesamt sehr begrüßen. Daher werden wir das beibehalten, auch wenn es für die Lehrenden natürlich hohen Aufwand bedeutet.“

Durch Corona habe die digitale Lehre einen gewaltigen Schub erfahren. Erstmalig sei es nun auch möglich, den Eignungstest der Musikwissenschaft für Studieninteressierte online stattfinden zu lassen. Bisher mussten die Bewerber nach München reisen und Höraufgaben sowie Fragen zur Musiktheorie vor Ort beantworten. Dieses Jahr soll das bequem vom Laptop aus funktionieren, lediglich mit zeitlicher Begrenzung.

„Alles ist technisch niederschwellig, sodass jeder daran teilnehmen kann. Das erspart den Bewerber:innen, nach München zu kommen. Man kann von überall auf der Welt mitmachen.“ Golch ist gespannt, ob die Interessentenzahl dadurch steigen wird. „Das ist also auch eine Chance! Wenn sich das als gute Sache erweist, kann man dieses Format verstetigen.“

„Ich kann Musik nicht nur lesen, ich muss sie hören“

So positiv Golch diese neuen Möglichkeiten bewertet, betrachtet er die digitalen Lehrtools jedoch vor allem als ergänzende Lehrmethoden – den Präsenzunterricht könnten sie in der Musikwissenschaft nicht ersetzen. Vor allem im Wintersemester spielt die klingende Musik an seinem Institut eine große Rolle. „Gerade auch für die Satzlehre und die Gehörbildung für die Erstsemester.“ Bereits jetzt feilt Golch daher an einem strengen Hygienekonzept. „Wir werden uns auf jeden Fall für die Präsenzlehre organisieren müssen, da man diese Inhalte online nicht auf dem Niveau erlernen kann, welches man später für die Wissenschaft braucht.“

Das Gehör sei ein entscheidendes Messinstrument. „Ich kann Musik nicht nur lesen, ich muss sie hören.“ Und das müsse trainiert werden. „Es bringt nichts, wenn ich am Laptop in schlechter Qualität etwas anhöre – denn da höre ich etwa bei einer leisen Streicherkantilene unter Umständen den Unterschied zwischen Celli, Bratschen oder Violinen gar nicht.“

Wichtig sei, dass die Chancengleichheit zwischen den Studierenden gewahrt bleibe. Nicht jeder hätte schließlich eine gute Musikanlage Zuhause. Auch sei die Gegenständlichkeit der Instrumente wichtig: „Den Zugang findet man letztlich nur im Hörsaal. Wenn ich ein Instrument echt hier im Raum habe, wenn ich das anschauen, anspielen kann.“ Ein Live-Konzert sei ja schließlich auch etwas anderes als eine Oper auf Arte.

„Die Sinne am Objekt schärfen“

Golch führt in den hinteren Teil der Bibliothek. Unter einem schützenden Stoffüberwurf befindet sich ein altmodisches Klavier. „Hier zum Beispiel: Das ist der oberschlägige Hammerflügel von Nannette Streicher aus den 1820er Jahren. Wahrscheinlich das älteste spielbare Instrument dieser Art, das überhaupt auf der Welt rumsteht. Ein echtes Unikat.“

Es sei einfach etwas anderes, den Studierenden vor Ort vermitteln zu können, wie ein solches Instrument der Beethoven-Zeit klingt, wie dessen Mechanik funktioniert. „Wenn man das am Objekt zeigen kann, das wahrnehmen kann, seine Sinne daran schärfen kann, ist das eine völlig andere Geschichte als wenn ich versuche, irgendwie ein Video davon zu machen. Was die Leute dann nämlich mitnehmen ist: Klingt ja verstimmt.“

Der Dialog gehört zur Musikwissenschaft

Ebenfalls entscheidend in der Musikwissenschaft: Der Dialog. „Wir bilden Geisteswissenschaftler:innen aus, die später mal Arbeiten schreiben, Autor:innen sind. Das sind Individuen, mit eigenen Beobachtungen, eigenen Meinungen. Wir wollen Studierende, die eigene Ideen entwickeln. Und dafür braucht es Reibung.“ Doch Diskussionen entstünden eher selten über Zoom.

Hinzu kämen handfeste Schwierigkeiten, etwa rechtlicher Art: „Ich kann nicht einfach komplette, gerade erst herausgegebenen Partituren als Scan herumschicken oder urheberrechtlich geschützte Stücke und neueste Aufnahmen digital verbreiten. Da haben wir es mit unserem geliebten Gegenstand der Musik eben doch nicht ganz leicht.“

Vorsichtig räumt Golch den Überwurf beiseite, enthüllt das warm glänzende Holz des Flügels, schlägt zunächst zögerlich einige Noten an, spielt dann eine kleine Melodie. Die Klänge tanzen durch den Raum, füllen die Bibliothek mit Leben. Hinter ihren Bücherstapeln hält die Bibliothekarin einen Moment inne, lauscht der Musik. Der Flügel klingt kein bißchen verstimmt.