Ludwig-Maximilians-Universität München
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Wenn Liebe politisch wird

München, 04.02.2020

Im Oktober 2018 werden die israelischen Medien plötzlich von einem Thema beherrscht: der Promihochzeit von Moderatorin Lucy Aharish und Schauspieler Tsachi Halevy in Tel Aviv. Normalerweise wäre die Hochzeit das gefundene Fressen für die Klatsch- und Tratsch-Zeitungen, doch nicht hier. In Israel werden Hochzeit und Berichterstattung hochbrisant und sehr politisch.

Annika in Tel Aviv am Strand

„Israel ist einfach ein spannendes Land für mich, deshalb wollte ich unbedingt auch wissenschaftlich in dieser Richtung arbeiten, meine Masterarbeit hier schreiben.“ Nur wenige Tage nach Annikas Ankunft in Israel wurden die Medien plötzlich von einem Ereignis dominiert: Der Hochzeit von zwei Promis, einer arabischen Moderatorin mit einem jüdischen Schauspieler, beide mit israelischer Staatsbürgerschaft. Die Zeitungen berichteten, plötzlich war das Thema überall präsent, selbst der Außenminister äußerte sich dazu. Das lag nicht unbedingt an der Heirat von zwei Berühmtheiten, sondern vielmehr an der Tatsache, dass die Beziehung zwischen jüdischen und arabischen Israelis als inakzeptabel angesehen wird.

„Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich über dieses Thema mehr erfahren und forschen möchte.“ Annika selbst spricht hebräisch, konnte die Berichterstattung der Zeitungen also gut nachverfolgen. Die arabischen Medien wurden von ihren Freunden durchkämmt. „Schon hier zeigte sich der erste Unterschied. Denn während das Thema von den hebräischen Medien breit verhandelt wurde, wurde es kaum in den arabischen erwähnt. Nicht unbedingt aus Nicht-Interesse, sondern ich vermute vielmehr um es tot zu schweigen.“ Ein großes Schlagwort war hier das der Assimilation. Die Angst vor dem Verlust der jüdischen Identität des Staates ist bei vielen Menschen allgegenwärtig, sodass Ministerpräsident Benjamin Netanyahu während seines Wahlkampfs im März 2019 auf eine mögliche Koalition mit arabischen Parteien reagiert: „Israel is not a country of all its citizens. According to the Nation-State Law that we passed, Israel is the nation-state of the Jewish nation – and its alone.”

Warum ist das denn überhaupt so ein Problem, wenn sich jüdische und arabische Menschen und Einwohner ein und desselben Landes dazu entscheiden, eine Beziehung zu führen? Annika nickt, die Frage kennt sie. Denn vielen ist eine Konfliktsituation wohl bewusst, die Details kennen aber die wenigsten. „Während meiner Recherchen wurde mir klar, dass es sich vor allem um einen nationalen Konflikt handelt, nicht unbedingt um einen religiösen,“ erklärt die Master-Absolventin. „Die Spaltung ist also nicht zwischen Muslimen und Juden, sondern vor allem zwischen arabischen und jüdischen Israelis. Die Beziehung wird dann gleich politisch.“ Das ist ein großes Problem, was nicht nur das Pärchen selbst belastet. „Der Freundschaftskreis reagiert oft skeptisch und vor allem in den Familien kann es zu teils großen Konflikten kommen.“

Anonymisierte Interviews, geheime Treffpunkte, verschwiegene Heimatorte
Deshalb war auch die kulturwissenschaftliche Arbeitsweise für Annikas Studienfach der Empirischen Kulturwissenschaft und Europäischer Ethnologie herausfordernd: „Ich wollte qualitative Interviews mit Pärchen führen.“ Dafür hat Annika ihre Freunde mobilisiert, sich selbst in der Uni umgehört, aber auch Aufrufe über soziale Medien gestartet. Schlussendlich haben sich sieben Menschen gemeldet und standen ihr Rede und Antwort. „Ich selbst hatte, durch meine hebräischen Sprachkenntnisse, vor allem Kontakt zu dem jüdischen Teil der Bevölkerung. Deshalb war es für mich besonders spannend, mit arabischen Israelis an einem Tisch zu sitzen und persönliche Fragen stellen zu dürfen.“ Gerade beim ersten Kennenlernen spricht man ja eigentlich nicht gleich über das Privatleben oder die Beziehung zu den Eltern. „Da durfte ich dann aber wirklich ganz frei fragen und habe so natürlich die Personen sehr schnell und gut kennengelernt.“

Um sich und die jeweiligen Partnerinnen oder Partner zu schützen, wurde Annika mehrfach gebeten, sehr genau zu anonymisieren und Orte zu verfremden. „Auch während des Gesprächs waren meine Gesprächspartnerinnen sehr vorsichtig, haben oft auch ihre Herkunftsorte geheim gehalten.“ Sie kämen aus dem Norden, war etwa eine sehr häufige Antwort. Das hat Annika auch noch einmal die Brisanz ihres Themas aufgezeigt.

Denn alle Befragten haben ihre Beziehung verschwiegen. Entweder gleich der ganzen Familie, oder einzelnen Personen. „Besonders spannend war, dass sich auch der Blick auf die eigene Familie verändert hat.“ Denn viele der Befragten hatten immer das Gefühl, in einer relativ offenen und liberalen Familie groß geworden zu sein. „Das änderte sich aber in dem Moment, in dem sie ihre Partner oder Partnerinnen erwähnt haben. Dann kam es plötzlich doch zu großen Konflikten.“ Das Outing einer Beziehung kann nicht nur unangenehm sein, sondern auch größere Konsequenzen nach sich ziehen. „Ich kann nicht genau einschätzen, was das vor allem für arabische Familien bedeutet, wenn eine jüdische Partnerin oder ein jüdischer Partner plötzlich im Familienkontext erscheint.“ Denn gerade arabischen Frauen werden stärker durch die Familie kontrolliert. „Das ist allerdings ein schmaler Grat. Für mich ist es schwierig, darüber eine genaue Aussage zu machen, da ich keine gesicherten Informationen über das Thema habe.“

Forschungspreis für Annikas Erkenntnisse
Die Forschungsergebnisse ihrer Arbeit mit dem Titel: „Dating amid the conflict. An ethnography of Jewish-Palestinian couples in Israel“ darzustellen ist gar nicht so leicht. Denn Annika hat viel Wissen während ihrer Forschung angesammelt und konnte einige spannende Erkenntnisse gewinnen. Eine Aussage ihres Interviewpartners Samir ist ihr allerdings im Gedächtnis geblieben: „Wir haben gerade über seine Wahrnehmung von Identitäten gesprochen, als er über sich und seine Freundin sagte: ‚She becomes an idividual and not constantly part of, at least in my eyes, because I can´t see myself as part of… But there is some hope in individuals and not in groups. Maybe.‘ Die Identität der Einzelperson als jüdisch, israelisch, palästinensisch oder arabisch war demnach für die Beziehung selbst eher unrelevant und wurde erst im öffentlichen Kontext thematisiert. Spannend, oder?“

Annika Ramsaiers Arbeit wird mit dem Forschungspreis für exzellente Studierende ausgezeichnet. Nicht nur ihre Pionierarbeit wird gelobt, sondern vor allem auch ihre kulturwissenschaftliche Analyse, die es schafft, aus den Interviews und Methoden ein Ergebnis zu ziehen, welches nicht verurteilt, sondern Raum für genaue wissenschaftliche Erkenntnisse schafft. Und jetzt? Annika ist auf dem Sprung, sie möchte heute noch einiges schaffen: „Ich mache mich gleich auf den Weg in die Bibliothek. Ich darf meine Arbeit publizieren.“ Sie strahlt. „Das ist natürlich eine große Ehre, gleichzeitig auch ein bisschen Extra-Arbeit. Gerade eben feile ich noch an den letzten Details, meine Interviewpartnerinnen und -partner haben ihre Aussagen schon freigegeben. Jetzt beginnt bald der Druck.“ Wie es in der Zukunft für sie weitergeht, weiß Annika noch nicht so genau. Sie erzählt von der Möglichkeit, einen Doktor zu machen. „Dafür würde ich natürlich gerne wieder in Israel forschen. Irgendetwas zieht mich immer wieder in dieses Land.“