Ludwig-Maximilians-Universität München
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Klimawandel

„Es gibt kein Recht darauf, dass sich nichts ändert“

München, 18.10.2019

Anlässlich des Starts der Ringvorlesung “Macht des Verzichts” spricht der Globalisierungsforscher Wolfram Mauser über notwendige Veränderungen in Europa angesichts des Klimawandels, den falschen Fokus der Diskussion und das Gute an den sozialen Protesten.

Foto: imago images / Carsten Thesing

Nach Jahren des üppigen Konsums scheint es nun eine Trendwende zu geben: Verzicht ist in Deutschland plötzlich in. Askese, ein minimalistischer Lifestyle, generell die Reduktion aufs Wesentliche liegen im Trend. Im Interview spricht Professor Wolfram Mauser über die notwendigen Veränderungen angesichts des Klimawandels und die damit verbundenen Herausforderungen.

Woher kommt diese neue Lust an der Selbstbeschränkung?
Mauser: Ich glaube nicht, dass das eine Lust ist. Viele spüren, dass der Lebensstil, wie wir ihn in der westlichen Welt führen, nicht mehr funktioniert und durch einen anderen ersetzt werden muss. Und tatsächlich kann es ja nicht so weitergehen wie bisher. Dieses Gefühl notwendiger Veränderungen versuchen die Menschen zu verarbeiten. Die Reaktionen darauf reichen von „Fridays for future“ bis zum, wie ich finde, etwas blödsinnigen „Fridays for Hubraum“. Die Vorstellung von Verzicht ist dabei bei vielen immer noch eher abstrakt, die Autos etwa werden aktuell trotzdem immer größer.

Aber Menschen wie Greta Thunberg, die sehr schlicht als Mädchen mit Zöpfen auftritt und mit dem Segelschiff den Atlantik überquert, leben in Europa eine neue Einstellung vor.
Vielleicht steuert unsere Gesellschaft tatsächlich auf einen neuen Lebensstil zu. Das Mantra breitet sich aus, dass alle sich einschränken müssen. Aber ist das die Lösung? Viel interessanter finde ich die Frage, wie Einschränkung überhaupt interpretiert wird. Historisch betrachtet haben die Menschen beispielsweise die Dampfmaschine durch den Elektromotor ersetzt. Da hat man auf etwas verzichtet, aber etwas Besseres dafür bekommen. Das muss der Fokus sein.

Die Vorschläge werden in jüngster Zeit konkreter und vehementer: Wir sollen auf Fleisch, auf Flugreisen, auf Plastiktüten verzichten.
Einerseits ja, aber tatsächlich halten sich doch die meisten Menschen nicht daran. Die Frage wird doch sein, worauf wir wirklich verzichten. Wer Fleisch weglässt oder reduziert, verzichtet im Kern doch auf nichts. Er wird immer noch satt. Sein Lebensstil ändert sich dadurch nicht wesentlich.

Welcher Verzicht ist denn aus Ihrer Sicht notwendig?
Viele Menschen wollen auf ihrem aktuellen Leben beharren, das ist das Problem. Es gibt kein Recht darauf, dass sich nichts verändert. Es braucht einen anderen Lebensstil mit Regeln, die wir weltweit neu aushandeln müssen. Davor muss niemand Angst haben, denn alle Instrumente sind dafür zur Hand. Die Technologien, etwa fossile Brennstoffe zu ersetzen, gibt es längt.

Das Thema hat aufgrund des Klimawandels dramatisch an Dringlichkeit gewonnen. Sie forschen zum Thema Nachhaltigkeit. Können Sie anhand von Beispielen erklären, an welchen Stellen verzichten notwendig ist und wo es manchmal auch überflüssig ist?
Wir müssen definitiv nicht auf lebensnotwendige Dinge verzichten wie ein stabiles Gesundheitssystem, gesunde Nahrungsmittel oder den Anspruch auf eine gewaltfreie Welt, die in unserer westlichen Welt wichtig sind. Auch nicht auf Individualverkehr, wie manche sagen. Es gibt Konzepte für nachhaltige Autos, basierend auf erprobten Recyclingsystemen, Elektroantrieben und Energiespeichern. Vielleicht muss man dann beim Laden eine Viertelstunde länger an der Tankstelle stehen. Es ist auch möglich, mit nachwachsenden Rohstoffen Treibstoff für Flugzeuge zu erzeugen. Für die Dekarbonisierung der Gesellschaft sind sämtliche Mechanismen verfügbar.

Es gibt ja durchaus konkurrierende Ziele des Verzichts. Der dominierende Faktor ist die „CO2-Bilanz“. Ist das eine gute Wahl?
Eigentlich geht es um etwas anderes, nämlich um den Fußabdruck, also die Ressourcen, die jeder braucht, um seinen Lebensstil umzusetzen. Diese Zahl lässt sich auf den gesamten Globus hochrechnen. So sieht man schnell, ob die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt oder nicht.

Sie haben als Forscher die globalen Folgen steigender landwirtschaftlicher Produktion untersucht. Was haben Sie herausgefunden?
Wenn die Menschen so weitermachen, ist die Biodiversität durch den steigenden Flächenbedarf bedroht, vor allem der Artenreichtum in den Tropen, das hat unsere jüngste Studie klar ergeben. Alternativ ließe sich die Landwirtschaft auf den bestehenden Flächen ökologisch intensivieren, dafür stehen intelligente Technologien bereit, die müsste man nur nutzen. Dann könnten sogar die Flächen dafür schrumpfen.

Verzicht auf Fleisch ist ein großes Thema. Ist es klug, fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Produktion durch Tiermägen zu leiten, um Fleisch zu essen?
Es lassen sich sehr viele Flächen gewinnen, wenn Menschen weniger Fleisch essen. Das Problem ist, dass viele darauf beharren, dass Fleisch auf dem Teller sein muss. Wir sollten lieber schauen, ob nicht andere Dinge genauso oder besser schmecken. Der grundlegende Fehler in der Diskussion ist der Fokus auf dem, was wir durch Änderungen verlieren könnten, und nicht darauf, was wir dafür gewinnen.

In jüngster Zeit wird stärker auf sozialer Ebene diskutiert. Manche argumentieren, dass sich nicht jeder das klimafreundliche Verhalten leisten kann, siehe höhere Benzin- oder Strompreise oder teures Biofleisch. Der Ton wird hier schärfer.
Das ist für mich ein klares Zeichen, dass die Klimawandel-Diskussion endlich aus dem wissenschaftlichen Eck heraus- und in der Gesellschaft angekommen ist. Das sieht man etwa an den Gelbwesten in Frankreich. Es wird klar, dass jede Art von Veränderung soziale Auswirkungen hat, dass es Verlierer und Gewinner geben wird. Es ist eine riesige Aufgabe, diese sozialen Folgen notwendiger Veränderung auf friedliche und gerechte Weise zu lösen. Solidarität ist jetzt gefragt.

Sie sehen in der schärfer werdenden Diskussion also etwas Positives?
Ja, wir brauchen ein neues Narrativ für unsere Gesellschaft. Das Narrativ, unter dem Menschen in der westlichen Welt heute leben, ist an den Lagerfeuern der ausgehenden Steinzeit entstanden. Die Menschen wünschten sich damals, dass sie nie Hunger haben, nie Zahnweh haben, nie krank sind, dass sie sicher leben können. Das waren die Träume damals. Die Umsetzung beruht bis heute auf der Ausbeutung von Ressourcen des Planeten, vor allem auf dem Kohlenstoff. Jetzt brauchen wir eine neues Narrativ, das auf Harmonie mit der Natur beruht, mit allen ihren positiven Möglichkeiten, die sie für uns bereit hält. Die Zeit der reinen Ausbeutung unseres Planeten ist vorbei. Interview: Hubert Filser


Professor Wolfram Mauser ist Inhaber des Lehrstuhls für Geographie und geographische Fernerkundung. Im Rahmen der Ringvorlesung „Macht des Verzichts“ hält er am 10. Dezember den Vortrag „Wie viel Verzicht braucht die Nachhaltigkeit?“


korb_260_imago52267325mDie Ringvorlesung „Macht des Verzichts“ startet am 22. Oktober mit einer Podiumsdiskussion.