Ludwig-Maximilians-Universität München
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Interview mit Professor Lütge

Den Blick über den Tellerrand lernen

München, 19.03.2019

Ist in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung automatisch jeder ein Weltbürger? Und was macht einen solchen „Global Citizen“ aus? Professor Christiane Lütge ist Lehrstuhlinhaberin für Englischdidaktik und Direktorin des Münchener Zentrums für Lehrerbildung (MZL). Sie organisiert die Internationale Konferenz „Educating the Global Citizen“ (25. – 28. März) und spricht im Interview darüber, wie Fremdsprachenunterricht und Global Citizenship zusammenhängen.

Foto: Philipp Thalhammer / LMU

Was verstehen Sie unter einem Global Citizen?

Professor Christiane Lütge: Es ist ein schillernder Begriff, der offen für viele Projektionen ist – auch in der Politik und in Bildungskontexten. Ich sehe den Global Citizen nicht unbedingt als eine normative Vorgabe. Für mich ist es eher eine regulative Idee, die Aspekte wie Demokratielernen, Wertebildung und Bewusstsein für ökologische sowie ökonomische Nachhaltigkeit in sich vereint. Damit ist es auch ein Begriff, der über den Bereich der Englischdidaktik hinausgeht und vielmehr zur Querschnittsaufgabe für alle Fächer wird. Deswegen sprechen auf unserer internationalen Konferenz „Educating the Global Citizen“ unter anderem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachdidaktiken, aus Politikwissenschaft, Philosophie, Literatur- und Kulturwissenschaften.


Die Welt ist durch die digitale Transformation näher zusammengerückt. Wie wirkt sich das auf den Fremdsprachenunterricht aus?

Schülerinnen und Schüler haben - auch - durch digitale Medien vielfältige Berührungspunkte mit der Globalisierung – häufig mehr als die Generationen davor. Das macht sie aber weder automatisch zu „digital natives“ noch zu „global citizens“. Und damit müssen wir uns in der Lehrerbildung auseinandersetzen. Denn die Digitalisierung verändert auch die Demokratieerziehung. Einerseits durch den einfacheren internationalen Informationsaustausch über Nachrichtenportale und Social Media, aber ebenso durch die Menge an Fake News, der Schüler ausgesetzt sind. Wie kann man junge Menschen darauf vorbereiten? Und was bedeutet dies für die Lehrerbildung und fachdidaktische Forschung an den Universitäten? Genau das sind Fragen, die wir uns stellen wollen. Citizenship-Konzepte sind heute nicht mehr ohne die Digitalisierung zu denken. In der Fremdsprachendidaktik wird international die Erforschung dieser Konzepte zunehmend wichtiger. Wir müssen auch in Deutschland noch stärker darauf reagieren.


Welche Rolle spielt der Fremdsprachenunterricht im Bezug auf den Global Citizen?

Beim Fremdsprachenlernen versetzen sich die Schülerinnen und Schüler immer auch in andere kulturelle Dimensionen. Besonders die englische Sprache muss aber darüber hinaus stark im weiteren globalen Kontext gesehen werde, auch weil sie ja nicht von allen Menschen als Muttersprache gesprochen wird. Im deutschen Bildungssystem hat das Konzept Global Citizenship zum Teil noch Nachholbedarf. Es gibt hier eine sehr starke Tradition des interkulturellen Lernens. Kulturen werden aber zunehmend heterogener und diversifizierter - globaler. Aspekte wie Migration, Nachhaltigkeit oder ein reflektierter Umgang mit dem eigenen „digital footprint“ gehören viel enger zusammen, als manche denken. Viele Schülerinnen und Schüler sind vertraut mit englischsprachigen Beiträgen und Podcasts von YouTubern unterschiedlicher Herkunft. Im Fremdsprachenunterricht kann man dies aufgreifen, und zwar mit vielfältigen Beispielen zum sprachlichen, literarischen, kulturellen und medialen Lernen. An einem Tag der Konferenz ist deswegen der TEFL-Day, eine Lehrerfortbildung, integriert. Interessierte Lehrkräfte, aber auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, bekommen in Praxis-Workshops konkrete Anregungen, wie man Citizenship-Konzepte im Unterricht umsetzen kann. So wollen wir die Forschung, die viele Kollegen an der LMU vorantreiben, und den Schulkontext stärker miteinander verschränken.


Heißt das, dass kulturelle Unterschiede langfristig verschwinden sollen?

Das ist einer der Punkte, die häufig zu Problemen und Missverständnissen führen. Es geht nicht darum, unterschiedliche kulturelle Ausprägungen zu negieren oder zu assimilieren. Vielmehr sollte ein Bewusstsein dafür gefördert werden, dass wir in globalen Kontexten leben, die vielfältigen Dynamiken ausgesetzt sind. Natürlich lässt sich die regionale oder lokale jeweilige Zugehörigkeit davon nicht trennen. Mir wäre es aber wichtig, wenn das eigene Handeln immer sowohl im Zusammenhang mit der jeweiligen Gruppenzugehörigkeit – die sich übrigens ja auch ändern kann – als auch in einem globalen Kontext betrachtet wird. „Think globally – act locally“ ist hier ja auch schon eine Art bonmot geworden. Dass die digitale Transformation dann noch wie ein zusätzlicher Katalysator wirkt, wird uns in den nächsten Jahrzehnten auf unterschiedliche Weise beschäftigen. Teilhabe an Bildungsprozessen und der Zugang zu Bildungsmedien ist aber längst nicht weltweit gegeben. Auch die reflektierte Wahrnehmung solcher Differenzen gehört zum globalen Lernen dazu.


Die weltpolitische Rolle der USA und von Großbritannien ändert sich zunehmend. Geht das auch mit Veränderungen im Fremdsprachenunterricht einher?

Einerseits stehen im Fremdsprachenunterricht – schon länger – nicht mehr nur die sogenannten zielsprachlichen Länder im Mittelpunkt. Andererseits geht es auch nicht nur um isoliertes Sprachenlernen, sondern um vielfältige Kompetenzentwicklungen und sprachliche, literarische und kulturelle Bildung. Dazu gehören auch politische Prozesse. Und ganz klar auch europäische und globale Perspektiven. Brexit ist ja nur eines der Stichworte. Macron formulierte erst kürzlich eigene Ideen zu einem European Citizen. Viele in Europa könnten damit eher leben, als mit einem globalen Citizenship-konzept. Aber was ist denn die europäische Idee und wie entwickelt sie sich weiter? Das muss auch im Schulkontext diskutiert werden. Nicht unbedingt immer nur tagespolitisch, sondern vor dem Hintergrund von ökologischen und ökonomischen Überlegungen. von kulturellen Perspektiven, Diversität und gemeinsamen Werten in demokratischen Gesellschaften. Aktualitätsbezüge sind wichtig, aber Bildung ist ein größeres und globaleres Konzept. Verschiedene Zugänge zu wählen, eröffnet eine wichtige Perspektivenvielfalt, den Blick über den Tellerrand. Wenn den viele Leute beherrschen, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Politiker, dann ist das ein guter Anfang, um Globalisierung und Digitalisierung auch nicht ausschließlich als Bedrohung zu sehen.


Professor Christiane Lütge ist Inhaberin des Lehrstuhls für die Didaktik der englischen Sprache und Literatur an der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der LMU und Direktorin des Münchener Zentrums für Lehrerbildung.

Die internationale Konferenz „Educating the Global Citizen: International Perspectives on Foreign Language Teaching in the Digital Age“ findet vom 25. bis zum 28. März 2019 statt. Im Rahmen der Konferenz treffen sich mehr als 400 Teilnehmer aus über 35 Ländern im Hauptgebäude der LMU. Weitere Informationen zum Programm und den Teilnehmern finden Sie hier.