Ludwig-Maximilians-Universität München
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Interview zu Oberschleißheim

„Ein in Europa einzigartiger Campus"

München, 18.09.2019

Die Tiermedizin der LMU ist weltweit renommiert. Ihr Standort am Englischen Garten ist aus dem Nukleus der „Thier-Arzney-Schule“ seit über 200 Jahren historisch, aber nicht mehr den neuesten Entwicklungen in Forschung und Lehre gewachsen. In Oberschleißheim entsteht deshalb ein in Europa einzigartiger Campus für die Tierärztliche Fakultät. Die MUM sprach mit Dekan Reinhard Straubinger über Entwicklungen und Herausforderungen.

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MünchnerUni Magazin: Herr Professor Straubinger, ein kurzer Blick zurück: Die Tierärztliche Fakultät kann auf eine lange Tradition zurückblicken – auch auf dem Campus am Englischen Garten. Werden Sie den vermissen?
Reinhard Straubinger: Die Gebäude und die Lage haben natürlichen schon ihren Charme – das ist sicher etwas, was wir vermissen werden. Wie zum Beispiel das Eingangstor der Fakultät, das aber bestehen bleibt. Andererseits haben wir nun die Chance, zum ersten Mal die gesamte Fakultät auf einem Campus zu vereinen. Wir waren bisher auf bis zu vier Standorte verteilt.

Ein kurzer Ausblick nach vorne: Wie sehen Sie die Entwicklung des neuen Campus Oberschleißheim?
Ich sehe das als sehr positive Entwicklung, die wir da durchlaufen. Weil wir einen Campus gestalten werden, der aus meiner Sicht einmalig sein wird in Europa – von der Fläche, von der Konzeption und von der Ansammlung der verschiedensten wichtigen veterinärmedizinischen Einrichtungen her – angefangen bei der Fakultät selbst, über das Lehr- und Versuchsgut, das direkt nebenan ist, bis hin zum Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. So eine Konstellation werden Sie in Europa selten oder gar nicht finden.

Die Tiermedizin der LMU ist international renommiert und wird weltweit in den Top 25 gerankt. Was sind Gründe dafür?
Wir haben großartige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die stark vernetzt zusammenarbeiten. Nicht nur innerhalb der Tiermedizin, sondern auch über Fächergrenzen hinweg – etwa mit den Humanmedizinern und den Biologen. Das ist attraktiv und schlägt sich in der Reputation nieder. Aber auch die Forschungsbedingungen sind sehr gut, wenngleich die räumlichen Gegebenheiten in Schwabing in den letzten Jahren ein Schwachpunkt waren und derzeit noch sind. Aber der Ausbau in Oberschleißheim wird das wesentlich verbessern, zumal unsere Forscherinnen und Forscher in den Prozess stark eingebunden sind.

Sie sprechen von der Leistung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Gibt es Beispiele für besonders starke Forschungsfelder?
Die Bereiche Public Health, Lebensmittelhygiene, Infektionskrankheiten, insbesondere die Zoonosen sowie Einzeltiermedizin und Bestandsbetreuung spielen große Rollen für unseren Berufsstand – um nur einige Bereiche zu nennen. Viele unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Zum Beispiel Professor Gerd Sutter, der führend in der Entwicklung der viralen Vektor-Impfstoffe ist. Oder Professor Eckhard Wolf – weltweit einer unserer besten Reproduktionsmediziner. Auch die Arbeiten von Professor Joris Peters auf dem Gebiet der Paläoanatomie gehören zur Weltspitze. Des Weiteren denke ich an den Kollegen Professor Markus Meißner, unser Parasitologe, der mit seinen Mitarbeitern in sehr renommierteren Zeitschriften seine Ergebnisse veröffentlicht. Natürlich denke ich auch an die herausragenden Tiermediziner aus unseren Kliniken, ob nun aus der Kleintierklinik, die zum Beispiel herausragende Innere Medizin oder Chirurgie anbieten oder Professor Rüdiger Korbel, der die Klinik für Vögel und Reptilien leitet und auf dem Gebiet der Augenkrankheiten der Vögel weltweit führend ist. Wenn ein Jagdvogel eines Scheichs, der ein Vermögen wert sein kann, krank wird, dann kommt dieser schon mal nach Oberschleißheim. Ich könnte noch mehr Namen und Fachgebiete nennen.

Die Vogelklinik war die erste Einrichtung am Campus Oberschleißheim, mittelfristig wird die gesamte Fakultät dort sein. Was sind die Vorteile für die Forschung?
Zunächst der direkte Kontakt und wissenschaftliche Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen; die Möglichkeit, ohne lange Wege aktuelle Themen und Hot Topics aus der Tiermedizin zu diskutieren und anzupacken. Wichtig ist zudem, Core-Facilities zu bilden – zum Beispiel mit Geräten für bildgebende Verfahren, für moderne molekulare Methoden oder für aufwendige, hochauflösende Mikroskopie. Das ist hier am Englischen Garten baulich nicht mehr möglich. Durch die neue Infrastruktur sind wir sehr gut vorbereitet für Forschungsverbünde und auch für Partner, die nicht unbedingt von der Universität kommen müssen. Die Forschung kann sich noch stärker vernetzen. Für mich ist klar: Durch den Campus werden wir ideal aufgestellt sein in Forschung, Lehre und Service.

Stichwort Lehre. Wie profitieren die rund 1.600 angehenden Tiermedizinerinnen und -mediziner, die dann dort ihre Ausbildung absolvieren, vom Campus Oberschleißheim?
Auch hier sind es erst mal die ganz kurzen Wege. Die Studierenden müssen im Moment teilweise einmal pro Tag von hier nach Oberschleißheim rund 30 Kilometer fahren, und die öffentliche Verbindung ist noch nicht optimal. Nach dem Umzug haben sie dann alles an einem Ort. Und natürlich profitieren sie von modernsten Einrichtungen für die Lehre: neue Hörsäle mit der Möglichkeit, die Anatomie der Tiere zu demonstrieren, ein zentrales Skills Lab, wo sie an Modellen üben können; eine neue, geräumige Bibliothek mit entsprechenden Arbeitsmöglichkeiten und Seminarräume; auch nicht zu unterschätzen ist die campusnahe Cafeteria. Und letztendlich dann eine Mensa in Reichweite – all das ist für die Studierenden ein Riesengewinn.

Und zum Jetzt: dem Status quo des neuen Campus. Wie muss man sich die Arbeit im Hintergrund vorstellen?
Das heißt zunächst einmal, dass sehr viele Leute im Hintergrund zusammenarbeiten. Was am Anfang leicht unterschätzt wird, ist die Komplexität, alles nach Oberschleißheim zu verlegen. Die Lehrstühle wissen natürlich genau, was sie brauchen und welche Ansprüche sie haben. Aber es gibt viele Bereiche aus Lehre und Forschung, bei denen man auf ganz besondere Anforderungen achten muss – zum Beispiel im Falle der Hörsäle, Seminarräume oder den genannten Core-Facilities. Diese Planungen sind komplexe Prozesse, die aus meiner Sicht die Fakultät noch mehr zusammenschweißen.

Bedeutet aber auch zusätzliche Arbeit?
Natürlich. Wir müssen viel planen, in Jour fixes zusammenarbeiten und Betriebskonzepte erstellen. Und wir haben natürlich nicht nur einen alltäglichen Laborflächenbedarf. Zum Beispiel gibt es gerade bei den Lehrstühlen für Pathologie und Anatomie ganz besondere Anforderungen. Die Anatomie muss so ausgelegt sein, dass man im Lehrbetrieb große Flächen hat, damit die Studierenden im Studium Tierkörper präparieren können und der Anatomieunterricht praktisch ist. Manche Bereiche müssen zudem von der Statik so konzipiert sein, dass auch mal sechs bis acht Tonnen bewegt werden können – etwa wenn ein Elefant zur Untersuchung angeliefert wird. Letzte Woche zum Beispiel hatten wir in der Pathologie ein Nashorn zur Untersuchung.

Etwas sehr Positives ist die Zusammenarbeit so vieler unterschiedlicher Stellen. Sei es das Studentenwerk mit der Planung von Cafeteria und Mensa, die Gemeinde Oberschleißheim oder die Universitätsbibliothek. Von der Planung her gesehen wird die neue Bibliothek einmalig. Modern mit großen Räumen, in denen man auch diskutieren kann, ohne die anderen Lernenden und Besucher zu stören. Viele Menschen sind am Entwicklungsprozess beteiligt, die aus verschiedenen Bereichen Erfahrung mitbringen, mitdenken, mitarbeiten und das derzeit immer noch tun. Nicht zu vergessen die Studierenden, die stark eingebunden sind. Vor allem bei der Planung der Hörsäle und der Bibliothek haben wir eng mit der Fachschaft zusammengearbeitet und deren Wünsche angehört und berücksichtigt.

Der Vizepräsident für den Bereich Studium, Martin Wirsing, sagte letztens: „So langsam entsteht Campusatmosphäre.“ Spüren Sie das?
Also wenn ich in Oberschleißheim vor Ort bin und das jetzt sehe – die neuen Bauprojekte, den bereits fertigen Hörsaal und die Cafeteria, in der die Studierenden sitzen –, fühlt es sich schon langsam nach einem Campus an, und ich kann mir ganz gut vorstellen, wie das mal wird. Vor Kurzem waren Kollegen aus anderen tierärztlichen Fakultäten zu Besuch, die waren höchst erstaunt. Die Kinnlade ging runter, als sie sahen, wie das, was bisher Pläne und Träume waren, Wirklichkeit wird.