Ludwig-Maximilians-Universität München
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CAS-Direktor Christof Rapp

Bilanz: „Ein intellektuell belebter Ort“

München, 17.07.2018

Seit bald zehn Jahren bietet das Center for Advanced Studies ein Forum des wissenschaftlichen Austausches an der LMU. Jetzt wurde Christof Rapp, Professor für Antike Philosophie, im Amt des Direktors bestätigt.

Prof. Dr. Christof Rapp

Was ist die Grundidee des CAS und in welchem Zusammenhang ist es vor rund zehn Jahren entstanden?
Rapp: Das CAS ist im Zusammenhang mit der ersten Bewerbung der LMU in der Exzellenzinitiative entstanden – als Ort des intensiven wissenschaftlichen Austausches über die Fächergrenzen hinweg. Es fördert unterschiedlichste Formen kooperativer Forschung. Die Universität braucht keine parallele Institution, sondern eine, die die Forschung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der LMU direkt unterstützt. Deshalb ist die Grundidee des CAS, anders als bei vergleichbaren Einrichtungen, dass alle Fellows, alle Besucher, die zu uns kommen, direkt mit einem Forschungsprojekt an der LMU in Verbindung stehen müssen.

Was sind denn die wichtigsten Bausteine dieses Konzeptes?
Einerseits haben wir Formate, die Interdisziplinarität fördern. Wir versuchen, damit den Dialog zwischen verschiedenen Fächern und Fächergruppen zu organisieren, speziell auch zwischen Naturwissenschaften auf der einen und Sozial- und Geisteswissenschaften auf der anderen Seite. Wir bringen in unseren sogenannten CAS-Schwerpunkten Vertreterinnen und Vertreter von Fächern zusammen, die so bisher noch nicht zusammengearbeitet haben. Und oftmals gehen dann aus diesen CAS-Schwerpunkten interdisziplinäre Initiativen hervor, die in ihrer Zusammensetzung neuartig sind.

Womit waren Sie da besonders erfolgreich?
Wir hatten zum Beispiel den Schwerpunkt „Synthetische Biologie“, der verschiedene Teilbereiche der Biologie, Physik und Chemie zusammenbrachte und unter anderem zu einem von der DFG geförderten Schwerpunktprogramm und einem Graduiertenkolleg führte. Es gab den Schwerpunkt „Representations of Migration“, die Sprecherin des Schwerpunktes, die Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci, konnte auch ein großes Projekt, einen sogenannten Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrates (ERC) einwerben. Aber im Unterschied zu vielen anderen Zentren sind wir nicht allein darauf fokussiert, Interdisziplinarität zu fördern. Wir denken, dass exzellente Forschung aus der Exzellenz in den einzelnen Disziplinen kommen muss. Deswegen haben wir auch Förderprogramme für LMU-Forscher in ihrem Feld, sowohl für etablierte Wissenschaftler, als auch für Nachwuchswissenschaftler.

Was für einen Karriereschritt kann ein solcher Aufenthalt am CAS für Nachwuchswissenschaftler bedeuten?
Nachwuchswissenschaftler stehen natürlich unter besonderem Druck: Sie arbeiten an ihren Postdoc- oder Habilitationsprojekten. Sie sind in verantwortungsvoller Position in die Lehre eingebunden, viele haben auch noch zusätzliche Verpflichtungen am Lehrstuhl. Wir versuchen sie in dieser Phase zu unterstützen, indem wir ihnen die Befreiung von der Lehre gewähren und einen Arbeitsplatz am CAS als Junior Researcher in Residence anbieten. Und wir geben ihnen die Möglichkeit, Konferenzen und Workshops bei uns im Haus zu organisieren und sich Kolleginnen und Kollegen einzuladen, mit denen sie schon immer mal in ihrem Feld zusammenarbeiten wollten. Ein solcher Aufenthalt am CAS hat vielen den Abschluss der Habilitation ermöglicht – und in manchen Fällen war es unmittelbar mit einem Berufungserfolg verknüpft. Die Wissenschaftstheoretikerin Catherine Herfeld zum Beispiel bekam einen Ruf an die Universität Zürich. Und die neue Direktorin des Münchner NS-Dokumentationszentrums, Mirjam Zadoff, hat vor ihrer Berufung nach Bloomington, USA, auch eine Zeit als Junior Researcher in Residence am CAS verbracht. Wir merken sehr deutlich, dass wir hier Nachwuchskarrieren mit einem nachhaltigen Effekt unterstützen.

Sie unterstützen natürlich auch bereits etablierte Wissenschaftler.
Wir hatten für einige Jahre das Programm des Senior Researchers in Residence. Das Modell bestand in einer Lehrbefreiung und der Möglichkeit, sich zusammen mit ausgewählten Qualifikanten des Lehrstuhls für ein Jahr zurückzuziehen und ein gemeinsames Projekt zu bearbeiten. Die Idee war also damals schon, nicht nur den individuellen Forscher zu unterstützen, wie es alle Universitäten machen, die aus der Exzellenzinitiative gefördert werden, sondern eine Art von Gruppenbildung. Das hat nicht nur zu wichtigen Publikationen geführt, sondern oft zu weiteren Anträgen und Folgeprojekten. Wir haben dieses Format jetzt weiterentwickelt zu dem, was wir CAS Research Groups nennen.

Was ist das Besondere an dieser Förderlinie?
Ein LMU-Forscher oder eine LMU-Forscherin stellt einen Antrag für ein einjähriges Projekt; wenn das bewilligt wird, schreiben wir Fellowships für diese Gruppe aus. Dafür kann sich jeder in der Welt bewerben, es ist ein offenes Verfahren, und der Leiter der Research Group hat dann die Möglichkeit, sich aus diesen Bewerbungen ein Team zusammenzustellen, mit dem er oder sie für ein Jahr zusammen forschen will. Dafür kann er bis zu 24 Fellow-Monate vergeben. Die beiden Gruppen des ersten Jahres leiten der Biophysiker Dieter Braun und der Gräzist Oliver Primavesi. Ab Herbst 2018 werden zwei neue Gruppen am CAS residieren, die eine leitet der Vulkanologe Donald Dingwell, die andere der Politikwissenschaftler Bernhard Zangl. Dieses Modell ist besonders aufwendig, aber auch besonders vielversprechend, weil es eine einzigartige Möglichkeit ist, ein kooperatives Projekt in größtmöglicher Freiheit durchzuführen, mit den weltweit besten Vertretern des Fachs.

Gehen wir noch einmal zu den Anfängen zurück: Die großen Vorbilder in den USA arbeiten seit Jahrzehnten, in Deutschland mussten Zentren wie das CAS erst einmal ihre Rolle finden. Anfangs haben die Medien sie noch verspottet als „akademischen Besuchszirkus“ und „exzessiven Fellow-Leihverkehr“. Ist diese Kritik ganz verstummt?
Wer sich die Konzeption des CAS ansieht, wird schnell merken, dass es gegen diese Kritik immun ist. Wir setzen eben gerade nicht darauf, nur die großen Namen hierher zu holen. Und wir haben gar kein Interesse, die Fellow-Zirkulation weltweit am Laufen zu halten. Das CAS ist ein in die LMU eingebettetes Institut. Es spricht keine Einladung aus, die nicht über eine Kooperation mit LMU-Forschern läuft. Und insofern sind die großen Zentren wie das in Princeton oder auch das Wissenschaftskolleg in Berlin keine Role-Models. Wir versuchen nicht das, was die tun, auf kleinerer Flamme nachzukochen.

Steht das Haus heute insgesamt besser da als vergleichbare Einrichtungen?
Es hat eine weniger riskante Ausgangssituation, weil es sehr viel kleiner ist. Andere Exzellenzuniversitäten haben ein Großteil des Geldes aus der sogenannten dritten Förderlinie des damaligen Wettbewerbs in ihre Zentren gesteckt. Wir kommen mit einem Bruchteil aus. Wir haben nicht einmal wie alle ähnlichen Einrichtungen einen hauptberuflichen Direktor.

Sie sind weiterhin voll am Lehrstuhl eingespannt?
Wir haben die Struktur bewusst schlank gehalten. Ich mache die Arbeit für das CAS nur nebenher, ich habe ein volles Lehrdeputat. Im Alltagsgeschäft wird das Center von einer effektiven Geschäftsführerin und ihrem Team geführt. Das ist die Grundlage des Erfolges. Eine solche Grundausstattung kann auch die Universität selbst finanzieren, wir brauchen natürlich den Erfolg im Exzellenz-Wettbewerb, um zusätzliche anspruchsvolle Programme aufsetzen zu können wie das der CAS Research Groups. Aber mit dieser, ja, Light-Version eines Zentrums stehen wir da schon mal sicherer da als andere. Bei der Anzahl der Fellowships, die wir vergeben, können wir mit vielen, sehr viel teureren Instituten mithalten. Außerdem ist das CAS innerhalb der Universität akzeptiert, was oft nicht der Fall ist, wenn diese Zentren als unabhängige Institute wahrgenommen werden, die Mittel aus der Universität abziehen.

Manche universitätsbasierten Institute sind ja nach der ersten Runde der Exzellenzinitiative in die Kritik geraten, weil viele die Distanz der Einrichtung zur Universität für zu groß gehalten wurde. Was macht das CAS da anders, um das Zentrum besser an die Universität rückzubinden?
Wir haben versucht, diese Art von Kritik programmatisch von vornherein auszuschließen. Das CAS bedient keinen exklusiven Kundenkreis. Es gibt zum Beispiel auch das Format der Short Term-Fellows, bei dem die Gäste für maximal drei Monate ans CAS kommen. Das kann jede Professorin, jeder Professor der Universität jederzeit beantragen. Und wir haben dieses Prinzip der wirklichen Forschungskooperation: Die Basis für die Einladung muss sein, dass sich LMU-Forscher dafür interessieren, mit dem Gast zusammen ein Projekt in der Zeit seiner Anwesenheit durchzuführen.

Sind denn am CAS alle Fächergruppen angemessen repräsentiert oder gibt es ein Übergewicht der Geistes- und Sozialwissenschaften?
Es gibt in den verschiedenen Förderlinien eine unterschiedlich starke Repräsentanz der Fächergruppen. Zum Beispiel interessieren sich für die Junior Researcher in Residence mehr Geistes- und Sozialwissenschaftler als Naturwissenschaftler. Das hat vermutlich damit zu tun, dass Naturwissenschaftler bei längerer Abwesenheit oft eine Entfremdung vom Labor befürchten. In anderen Förderlinien haben wir einen ziemlich guten Ausgleich, was natürlich auch dem Umstand zu verdanken ist, dass wir einen siebenköpfigen Vorstand haben, der die Fächergruppen breit repräsentiert.

Welches sind die aus Ihrer Sicht größten und strukturell wichtigsten Erfolge?
Aus meiner Wahrnehmung ist die Akzeptanz des CAS in der Universität eine Bestätigung dafür, dass unsere Programmlinien nicht ganz falsch konzipiert sein können. Es gibt inzwischen Kolleginnen und Kollegen aus vielen Bereichen, die uns sagen, sie haben dem CAS diese oder jene Publikation zu verdanken, oder dieser oder jener Antrag sei aus einer CAS-Initiative hervorgegangen. Was die Strukturen angeht, freue ich mich darüber, dass wir die Research Groups einrichten konnten. Das sehe ich als Anerkennung des Erfolgs des kleineren Vorgängerformats. Die Universitätsleitung sieht hier mit uns offenbar eine Möglichkeit, ein gut funktionierendes Programm noch stärker zu profilieren und zu einem Alleinstellungsmerkmal des CAS zu machen.

Was sind die nächsten Schritte?
Wir sind ständig daran, unsere Förderlinien zu überprüfen und anzupassen. Die Research Groups sind ein gutes Instrument, um internationale Kooperationen mit vergleichbaren Einrichtungen anzustoßen, das hat etwa im Fall des Israel Institute for Advanced Studies auch schon geklappt. Ich halte nicht viel davon, wenn sich Direktoren solcher Institute wie dem unseren alle Halbjahr treffen und organisatorische Fragen diskutieren oder sich gegenseitig in der Auffassung bestärken, dass ihre Institute unersetzlich sind. Aber hochinteressant ist eine inhaltliche Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Gruppen anderer wichtiger Institute. Eine solche weltweite Verzahnung ist sicherlich eine der Zukunftsperspektiven. Auch bei den strategischen Kooperationen mit der New York University und der Universität Cambridge, die die LMU jetzt eingegangen ist, könnte das CAS eine Rolle übernehmen, ähnlich wie bei der Zusammenarbeit mit University of California in Berkeley. Alles in allem ist das CAS ein intellektuell belebter Ort und dank seiner Lage am Englischen Garten eine Einrichtung, die man über die ohnehin bestehenden Verpflichtungen hinaus gerne besucht.

Prof. Dr. Christof Rapp ist Inhaber des Lehrstuhls für Antike Philosophie an der LMU und seit 2009 Direktor des Center for Advanced Studies der LMU.