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ScienceHistory

„Der bayerische Humboldt“

München, 19.12.2018

Vierzig Jahre, bevor Darwin seine Evolutionstheorie verfasst: Es ist die Zeit der Naturforscher, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufmachen, die Welt zu erforschen. Schiffbruch, Krankheiten und Hunger trotzend, kommen manche Naturforscher mit immensen Sammlungen und Erkenntnissen zurück – und werden wie Stars gefeiert. Einer von ihnen: der spätere LMU-Professor Carl Friedrich Philipp von Martius.

Die Welt der Pflanzen war zu jener Zeit weit mehr als ein angesagter Zeitvertreib. Viele große Denker beschäftigten sich mit Botanik – von Goethe bis zum Philosophen Jean-Jacques Rousseau, der mit seinen Lettres élémentaires sur la botanique einen Bestseller dieser Zeit schrieb. Botanik war auch die Leidenschaft des jungen von Martius. Für den damals 23-jährigen Erlanger, der bereits in Medizin promoviert hatte, ergab sich 1817 die Gelegenheit, an einer Expedition nach Brasilien teilzunehmen – anlässlich der Hochzeit von Erzherzogin Leopoldine, die nach ihrer Heirat Kaiserin von Brasilien war. Martius zögerte nicht.

Beinahe Schiffbruch auf dem Amazonas
Die eigentliche Expedition hatte so ihre Schwierigkeiten – daher trennten sich die beiden bayerischen Expeditionsteilnehmer von der Gruppe. Zusammen erkundeten die Gefährten Martius und Johann Baptist Ritter von Spix zunächst die Gegend um Rio de Janeiro, dann die Welt des Amazonas und darüber hinaus – und das ohne GPS und GoreTex-Jacken. Martius reiste bis an die damals unüberwindlichen Arara-Cora-Wasserfälle im heutigen Kolumbien. Eine Forschungsreise voller Gefahren – die beiden Forscher kämpften mit Krankheiten und erlitten beinahe Schiffbruch auf dem Amazonas. Über mehrere Monate galten Martius und Spix sogar als vermisst – so dass das bayerische Staatsministerium des Inneren auf diplomatischem Wege Nachforschungen anstellte.

Glücklicherweise tauchten beide wieder auf und kehrten 1820 ins heimische Bayern zurück – mit reichlich Gepäck: 6500 Pflanzen sowie viele Arten Säugetiere, Vögel, Fische und Insekten. Besondere Aufmerksamkeit widmete Martius dabei immer den Palmen – was ihm den Spitznamen „Vater der Palmen“ einbrachte. Während Spix wenige Jahre später verstarb, konnte Martius bis zu seinem Tod vor genau 150 Jahren die Ausbeute der Brasilien-Expedition wissenschaftlich bearbeiten – was ihm zu einem der bekanntesten Botaniker machte.

Vom ersten Edelweiß zu botanischen Arbeiten von Weltbedeutung
Martius wurde zum Professor für Botanik berufen, als die Universität 1826 auf Wunsch des Königs von Landshut nach München umzog – und später auch Direktor des Königlichen Herbars und des Botanischen Gartens. Mit Bedacht wurde die neue Uni eng mit den Sammlungen verflochten. „Eine Verwandtschaft, die sich wissenschaftlich bis heute auszahlt. Darin waren die Bayern schon immer gut, im Vernetzen von Institutionen im wissenschaftlichen Bereich“, sagt LMU-Professorin Susanne Renner. Alle elf Direktoren des Botanischen Gartens waren Professoren an der LMU – bis heute Professor Renner, die bei Besichtigung der Herbarien von ihrem Vorgänger Martius geradezu schwärmt. Aus den tausenden Schrankfächern gefüllt mit getrockneten und gepressten Pflanzen – Herbar genannt – holt sie ein besonderes Exemplar hervor: ein Edelweiß, das Martius bereits in seiner Jugend gesammelt hatte. Heute gehört die Sammlung mit fast drei Millionen Herbarien zu den 20 größten Pflanzen-Sammlungen weltweit.

Fleißiger Abenteurer und genialer Organisator
Martius war nicht der konzeptionelle Forschertyp. „Er war ein hartnäckiger Sammler, genialer Organisator und sicherlich auch eine charismatische Persönlichkeit“, so Renner. Unzählige Briefe schrieb Martius, holte sich Informationen ein und fasste all seine Erkenntnisse in 28 Bänden zusammen – der Flora Brasiliensis. Es gibt bis heute – in Zeiten von Internets – nicht einmal eine Hand voll abgeschlossener Floren. „Seine Arbeit ist bis heute die Grundlage der Kenntnis über die Flora Südamerikas“, sagt Renner, weswegen Carl Friedrich Philipp von Martius historisch gesehen zu den größten Botanikern Deutschlands und Forschern dieser Zeit gehört. „Wenn man Alexander von Humboldt dazuzählt, muss man auch Martius dazuzählen“, sagt Renner. Denn er sei zweifelsfrei der „bayerische Humboldt“.

 

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