Ludwig-Maximilians-Universität München
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Fotoausstellung

Antworten auf „Fragende Blicke“

München, 18.09.2018

In einem Projektseminar sind Ethnologiestudierende tief in das Archiv des Museums Fünf Kontinente eingetaucht. Gefunden haben sie zahlreiche historische Fotos - vom Sumoringer bis zu einer Königin aus Hawaii. Doch was steckt hinter den Fotos? Die Studenten brachten die Bilder in einer Ausstellung zum Sprechen.

Fotos verstehen heißt den Kontext der Fotos zu kennen. Neun Ethnologiestudierende haben im Archiv des Museums Fünf Kontinente gestöbert - und historische Fotos gefunden, aufgenommen von Ethnologen, Reisenden, kolonialen Akteuren oder in Fotostudios zwischen 1862 und 1956. Auf den heutigen Betrachter wirken die alten Aufnahmen oftmals befremdlich und werfen Fragen auf. Im Projektseminar fanden die jungen Ausstellungsmacher Antworten und förderten interessante Geschichten zutage:

 

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„Queen Emma“, Foto: Menzies Dickson (1840-1891), vor 1872, Honolulu/Hawaii, Museum Fünf Kontinente, Inv.Nr. 92-421 N [17]

zum Beispiel das Bild und die Geschichte der Queen Emma aus Hawaii. Sie entstammte dem dortigen Adel und wuchs bei ihrer Tante und deren englischen Ehemann auf. 1856 heiratete sie König Kamehameha IV., wurde aber wegen ihres aus England stammenden Großvaters zeitlebens heftig von Mitgliedern des Königshauses kritisiert. Studentin Silke Tauber, die selbst nach ihrem Abitur und während des Studiums eine Zeit lang auf Hawaii lebte, untersuchte das Bild: „Diese Fotografie finde ich besonders spannend, da sie so gar nicht den gängigen Stereotypen Hawaiis entspricht – Einheimische mit Blumenkränzen und Baströcken. Es handelt sich um eine alte, in dieser Zeit nicht unüblichen Visitenkarten-Fotografie, die Queen Emma als Königin in Kleidung im westlichen Stil zeigt.“ Solche Bilder wurden später gerne von europäischen Sammlern erstanden.

Silke untersuchte für das Seminar auch Portraitbilder von Frauen aus Hawaii, die keinen Adelsstatus besaßen: „Hier liest man Notizen wie ‚splendid speciemen‘ oder ‚Vater halbrein, Mutter vollblut‘. Die Sammler haben diese Frauen damit in einen pseudowissenschaftlichen und heute veralteten Typisierungskontext überführt, mit Ausnahme Queen Emmas.“

Laut Gesetzgebung von 1959 werden die Einwohner Hawaiis auch heute noch in ethnische Kategorien eingeteilt.

 

Neuguinea

Foto: Eduard Gangl, 1927-30, PoPo, Golf-Provinz, (damals) Britisch Neuguinea, rechts: vermutlich Fenja (Feodosia) Gangl, links: nicht identifizierte Person, Museum Fünf Kontinente, Inv.Nr. FO-107-1-46

Der Entstehungsgeschichte eines Fotos aus Britisch Neuguinea ging die Studentin Silvia Lamprecht nach. Das Bild zeigt in der Mitte drei Ureinwohner Neuguineas, flankiert von zwei europäisch aussehenden Damen in sommerlichen Kleidern. Doch hat das Foto viel mehr zu sagen. Silvia recherchierte, dass es wahrscheinlich bei einer Theateraufführung entstand. Wie kam es dazu?

„Aufgenommen hat dieses Bild der böhmische Bohrmeister Eduard Gangl, der sich aus Abenteuerlust und Neugierde von der Anglo-Persian Oil Company anwerben ließ, die im Süden Neuguineas Ölvorkommen erschloss“, weiß Silvia zu berichten. „Die Ölgesellschaft rekrutierte Gruppen von Ureinwohnern für jeweils ein Jahr und brachte sie zur Station, wo sie dann auch wohnten. Genaugenommen waren es Zwangsarbeiter, denn die Kolonialregierung hatte auch für unabhängig lebende Bevölkerungsgruppen Kopfsteuern erhoben, um sie durch Lohnarbeit verfügbar und regierbar zu machen.“

Gangl, der sich für seine Arbeiter verantwortlich fühlte, organisierte an arbeitsfreien Tagen Sport- und Theaterspiele, um Zwistigkeiten zwischen den teils verfeindeten Herkunftsgruppen zu verhindern. „Das Foto soll höchstwahrscheinlich an eine dieser, ganz von der europäischen Belegschaft erdachten und sicher gut gemeinten Veranstaltungen erinnern“, erzählt Silvia. Insofern könne dieses Bild nicht einfach als Beispiel kolonialer Überheblichkeit gesehen werden: „Es ist so leicht, im Rückblick Täter und Opfer zu benennen. Aber natürlich profitieren wir immer noch von kolonialen Strukturen, Entmündigung und Abgrenzung und versuchen bestenfalls, freundlich und offen auf Fremde zuzugehen und ein friedliches Zusammenleben hinzubekommen.“

 

 Nordamerika
Little Crow´s Son Wo-Ne-Na-Pa (One Who Comes in Sight), Foto: vermutlich R.N. Fearon, 1863/64, Fort Snelling Prison Camp/Minnesota, Stereo-Fotografie, Museum Fünf Kontinente, Inv.Nr. 3138

Für Fotos der Landschaften und Bewohner Nordamerikas gab es im 19. Jahrhundert einen großen Markt. Hier handelte es sich oft um Stereofotografien, die leicht versetzt aufgenommen wurden und beim Betrachter die Indianer, Büffel oder Prärien ins Wohnzimmer holen sollten. Untersucht hat die 3D-Fotos die Ethnologiestudentin Alena Vodde: „Mit einem Stereoskop begaben sich die Betrachter auf Reisen in die Fremde – bequem vom Sessel aus und zu den Hoch-Zeiten dieses Mediums für wenig Geld. Über Galerien und Verlage erfuhren Stereoaufnahmen als Post- und Sammelkarten eine massenhafte Verbreitung.“

Das europäische Bürgertum war begeistert von den exotischen Aufnahmen. Doch Alena ging auch der Entstehungsgeschichte der Fotos auf den Grund: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit fand die Verbreitung der Bilder ohne die Zustimmung oder auch nur das Wissen der Fotografierten statt.“ Damals war das Recht am Bild noch unbekannt.

Ohne Zustimmung wurde auch Wo-Wi-Na-Pe, ein Angehöriger der Santee Dakota, aufgenommen. Das Foto entstand in einem Gefangenenlager in Fort Snelling, wo über 1.600 Dakota inhaftiert waren. „Das Lager wurde zur Zeit des US-Dakota-Krieges errichtet, ein Krieg der unter anderem als Folge von Vertragsbrüchen der US-Regierung ausbrach. Allein im Winter 1862/63 starben dort zwischen 100 und 300 der Gefangenen – auch Frauen und Kinder, die nicht an den Kampfhandlungen beteiligt waren - aufgrund schlechter Lebensbedingungen und Krankheiten.“

 

Japan
Sumô-Ringer, Fotograf unbekannt, ca.1880-1910, Tokio, Yokohama/Japan, Albumin-Abzug handkoloriert, Museum Fünf Kontinente, Inv.Nr. FO-22-1-41

Nach Souvenirfotos im alten Japan suchte der Ethonologiestudent Johannes Bächer im Archiv des Museums. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt das Land der aufgehenden Sonne im Westen als unberührtes Paradies und Sehnsuchtsort. Und diese Sehnsucht bedienten die Fotografen gerne, wie Johannes weiß: „Als findige Geschäftsleute wählten Sie als Motive ganz bewusst Samurais und Geishas, Stereotype, die den gängigen Klischees entsprachen.“ Oder den Sumôtori, den Sumoringer, dessen Wirkung man sich nur schwer entziehen kann, so wie er in Pose gesetzt wurde und den Betrachter mit imposanter Haltung begrüßt.

„Das Bemerkenswerte aber ist,“ meint Johannes, „dass sich die Klischees bis heute im Westen erhalten haben, weshalb die Bilder für uns auf Anhieb verständlich scheinen und immer noch ein Gefühl vermitteln von einem Japan, das es weder heute noch damals je wirklich gab, wir es aber alle so sehen und erleben wollen. Dadurch wird deutlich, wie sehr die Künstler unser heutiges Japan-Bild geprägt haben und wie nachhaltig einmal entstandene Stereotype sein können.“

Für das Praxisseminars „Ethnographisches Bildgedächtnis und museale (Re-)Präsentation“ war die Zusammenarbeit mit dem Museum Fünf Kontinente – ehemals Staatliches Völkerkundemuseum - ein Glücksfall. Denn so konnte theoretisches Wissen in die Praxis überführt werden. „Das Seminar verband die theoretische Auseinandersetzung mit ethnografischer Fotografie mit der Recherchearbeit an noch unbearbeiteten Beständen und der praktischen Umsetzung in einer Ausstellung", sagt Dozentin Anka Krämer de Huerta, die das Semonar zusammen mit Paul Hempel geleitet hat. "Vor allem das Schreiben von Ausstellungstexten ist eine gute Übung für den Spagat zwischen wissenschaftlich korrekten Aussagen und kurzweiliger, allgemeinverständlicher Ausdrucksweise.“ Und das ist den jungen Ausstellungsmachern gelungen.

 

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Foto: Philipp Thalhammer / LMU

Die Ausstellung „Fragende Blicke“ ist noch bis zum 30. Juni 2019 im Museum Fünf Kontinente, Maximilianstr. 42, München, zu sehen.