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Rollstuhl-Basketballerin Johanna Welin

Der wahre Wert von olympischem Gold

München, 22.09.2012

„Rollstuhlbasketball ist keine Bewegungstherapie für Behinderte“, sagt Johanna Welin (29). Es ist ein dynamischer Sport, der vollen Körpereinsatz und nicht selten Härte erfordert, wenn um Punkte gekämpft wird. Das ist der Grund, warum Rollstuhlbasketball so gut zu der gebürtigen Schwedin passt – sie ist eine Kämpferin. Das war sie vor und ist sie nach ihrem Unfall.

Die LMU gratuliert Medizinstudentin Johanna zum Gewinn der Goldmedaille. (Foto: Andreas Joneck)

Johanna Welin war 19 Jahre alt, als sie erfuhr, dass sie nie wieder laufen wird. Noch gut erinnert sie sich an die Diagnose und jenen Abend, der ihr Leben veränderte. Es war ihr letzter Sprung bei einem Snowboard-Contest in Göteborgs Innenstadt: Sie hatte zu diesem Zeitpunkt schon einige Sprünge hinter sich und keine Lust mehr auf einen letzten Sprung – ihr Bauchgefühl war schlecht. Sie sprang zu weit und stürzte mit einer Wucht, als wäre sie drei Stockwerke tief gefallen. Sie lag da und spürte ihre Beine nicht mehr.

„Dann wachst du am nächsten Morgen auf, alles tut höllisch weh und du erfährst mit 19 Jahren, dass du nicht mehr laufen kannst.“ Es fiel ihr leichter als anderen Querschnittsgelähmten, ihre Behinderung zu akzeptieren. „Ich war ja quasi selbst Schuld“, sagt sie und übernimmt damit Verantwortung. Sie hadert nicht mit diesem Ereignis. Im Gegenteil, sie scherzt noch: „Ich bin so ein Tollpatsch! Wenn ich es damals in Göteborg nicht geschafft hätte, hätte ich es später sicher irgendwann hinbekommen, mich schwer zu verletzen.“ Das ist der einzige Satz, den Johanna Welin im Konjunktiv verfasst. Sie ist kein Mensch, der im Konjunktiv lebt. Dafür ist sie zu sehr Optimistin.

Ihr Lebensmut war es auch, der ihr nach dem Unfall half. „Jeder Tag war ein Prozess. Ich musste meinen neuen Körper erst kennenlernen. Heute schätze ich sehr, was ich an ihm noch habe und bin mir bewusster als vorher darüber, wie wichtig das ist.“ Wichtig war ihr auch, dass ihre Familie und Freunde den gleichen Menschen in ihr sehen. Gerührt erzählt sie, wie ihre beste Freundin sie in der Klinik besuchte und zu ihr sagte: „Es ist so eine Erleichterung, dass du Johanna geblieben bist.“ Nicht ganz gleich, lacht die junge Sportlerin: „Vor meinem Unfall war ich immer pünktlich. Ich bin zeitlich gesehen etwas zu optimistisch und weil heute eben alles länger dauert, komme ich seit meinem Unfall oft zu spät.“

„Beschäftigt bleiben“
Bereits ein Jahr nach dem Unfall nahm Johanna Welin an einem Austauschprogramm der Universität Göteborg teil und ging nach Innsbruck, um einen Deutschkurs zu machen und die Kultur kennenzulernen. „Mir war schnell klar nach meinem Unfall, dass ich mein Leben weiterleben will wie vorher“, sagt sie. „Ich will immer beschäftigt bleiben.“ Zeit hat sie daher nie. Trotzdem nimmt sie sich Zeit, um im Juracafé über ihr Leben und ihren Sport zu erzählen, bevor sie sich wieder den Lernkärtchen für ihre Biochemie-Prüfung widmet. Schon früh wollte Johanna Medizin studieren. Ihr Vater ist Tierarzt und für sie stand immer fest: Tier- oder Humanmedizin. Durch ihren Unfall wurde ihr diese Wahl abgenommen.

Seit 2010 studiert Johanna Humanmedizin an der LMU. Einfach hat sie es nicht, denn die Doppelbelastung zwischen Hochleistungssport und Medizinstudium erfordert viel Disziplin und Ehrgeiz. Von beidem hat Johanna Welin genug – und das braucht sie auch bei ihren Plänen: „Später will ich auf jeden Fall praktizieren, denn ich möchte mit Menschen arbeiten. Und drei Kinder will ich auch“, lacht sie.

„Sport ist meine Identität“
Eine Frage, die Johanna nach ihrem Unfall sofort beschäftigte: „Was mache ich, wenn ich Johanna ohne Sport bin?“ Sport war im Leben der jungen Frau immer identitätsstiftend. So begann sie relativ schnell, Rollstuhlbasketball zu spielen. Erst in Göteborg, in ihrer Zeit in Innsbruck dann beim USC München, wo sie bis heute spielt. „Basketball gab mir meine Identität zurück.“ Und das, obwohl sie Basketball vor ihrem Unfall gehasst hat – weil sie nicht gut war.

„Mittlerweile bin ich ein bisschen besser geworden“, schmunzelt sie. So bescheiden müsste die Sportlerin nicht sein, gewann sie doch zusammen mit ihrem Team der deutschen Rollstuhlbasketballerinnen die Goldmedaille bei den Paralympics. Doch so wenig Johanna im Konjunktiv lebt, so wenig lebt sie in der Vergangenheit. „Man kann nicht leben von alten Geschichten“, sagt sie. Zwei Tage, nachdem sie ganz oben auf dem Treppchen stand, begann sie in München ihr Pflegepraktikum im Rahmen ihres Studiums. Und sie sich neue Ziele gesteckt: Bei den Europameisterschaften gut abschneiden und das Physikum im Sommer bestehen. Und schon widmet sie sich wieder konzentriert ihren Lernkarten.

 

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