Ludwig-Maximilians-Universität München
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Alte Geschichte

Die Räson des Reichs

München, 13.05.2015

Harter Kämpfer, zugewandter König – so ließen sich die assyrischen Herrscher darstellen: Bildnis Salmanassars III. (Foto: Z. Radovan/Bible Land Pictures/akg-images)

Seite 2: Ein Verlust an Identität

Je größer das Reich wurde, umso mehr mussten die Herrscher auf Akzeptanz achten. Es gab eine Reihe von Integrationsmaßnahmen für Menschen mit Migrationshintergrund, wie man heute sagen würde. So führte man neben der assyrischen Sprache, geschrieben in Keilschrift, als zweite Amtssprache Aramäisch ein, das viele Menschen aus den eroberten Gebieten sprachen und als Alphabetschrift eine weite Verbreitung hatte. Zudem integrierte die Reichskunst, die Tempel und öffentliche Gebäuden zierte, immer häufiger Elemente der eroberten Völker.

Die Neuankömmlinge bekamen Felder und Häuser zur Verfügung gestellt. „Es gab sogar ein staatliches, mit viel Geld gefördertes Programm für die Eheanbahnung zwischen Einheimischen und Fremden.“ Auch an solchen Maßnahmen lasse sich erkennen, sagt Radner, was im Mittelpunkt des assyrischen Imperiums stand: „Es ging nicht um die Verbreitung einer Ideologie, es ging um den wirtschaftlichen Nutzen. Der Staat wollte die Menschen kontrollieren und für sich ausnutzen.“ Diese Dominante aller späteren Weltreiche, bilanziert die Historikerin, sei hier schon klar erkennbar.

Als Folge dieser Politik erlebte die ursprüngliche assyrische Gesellschaft im Lauf der Jahrhunderte einen dramatischen Wandel. „Solch einen Verlust an Identität im Kernland gab es in fast allen Weltreichen“, sagt Radner. „Schauen Sie nur ins heutige London, die Hauptstadt des Britischen Empire, auch hier wurden im Lauf der Jahrhunderte englische Traditionen durch eine viel breitere, britische Identität ersetzt.“ Radner lebte mehr als zehn Jahre in London, ehe sie jetzt nach München umzog. „Die aktuelle Diskussion um die Eigenständigkeit Schottlands hat die Engländer zum Nachdenken gebracht. Viele merken plötzlich, dass sie bei all ihrer Empire-Vergangenheit gar nicht mehr wissen, was England eigentlich ausmacht.“ Solche Aussagen sind für Karen Radner nicht untypisch, stets versucht sie, die Alte Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens nicht nur in Bezug zur Weltgeschichte zu setzen, sondern auch zu anderen Epochen.

Pragmatisch selbst in religiösen Fragen

Sie verliert dabei nicht den Blick für kleine, skurrile Geschichten. So erzählt sie von alten Tempelritualen für den Hauptgott, vom „Kochen für Assur“, wie sie es nennt. Der Gott bekam jeden Tag von einem umfangreichen Küchenteam seine Speisen zubereitet. „Bis zum 10. Jahrhundert war das wohl eher fad“, sagt Radner. „Es gab jeden Tag Gerstengerichte mit Schaffleisch und dazu Obst.“ Mit den Eroberungen wurden die Zutaten und die Speisen üppiger, das Büffet immer länger. Ägyptische, levantinische, anatolische, iranische und babylonische Vor-, Haupt- und Nachspeisen kamen hinzu, das ganze Reich in seiner kulinarischen Vielfalt. „Es war die Küche der Welt, gekocht mit Zutaten aus der gesamten assyrisch kontrollierten Welt.“ Nach der Zeremonie wurden die Speisen nach einem Schlüssel an den Königshof und die Beamten im ganzen Reich verteilt und von diesen verzehrt. So nahm nicht nur der König, sondern ganz Assyrien als Speisegemeinschaft am Mahl Assurs teil. Diese Anekdote zeige, sagt Radner, wie pragmatisch die Herrscher sich selbst in den so wichtigen religiösen Dingen verhielten. Die Gottheiten der integrierten Gebiete weilten als Gäste Assurs an dessen Tempel. Irgendwann fand sich im immer umfangreicheren Tempelkult von Assur plötzlich auch die ägyptische Gottheit Horus als Nebengott wieder.

So viel Nähe zu den neuen Bürgern des Reiches kam offenbar an. Das mächtige Zentrum im Norden des heutigen Iraks war insgesamt für die Neuankömmlinge durchaus attraktiv. Umfangreiche Briefwechsel dokumentieren dies. Interessierte konnte prinzipiell an den König schreiben und sich um eine Stellung am Hof bewerben. Radner erzählt vom Brief eines renommierten Astronomen aus Babylon, der sich und sein ganzes Team aus zwanzig Mitarbeitern an den Königshof bringen wollte.

Literatur zur Leberschau

Äußerst detailreich kann man aus diesen erhaltenen Tafeln die Alltagsgeschichte rekonstruieren. Neben Briefen und Urkunden sind gerade aus Ninive, dem heutigen Mossul im Irak, auch mehr als 25.000 Tontafelfragmente einer gewaltige Bibliothek erhalten, die im 7. Jahrhundert vor Christus der König Assurbanipal anlegen ließ. Es ist die größte Sammlung von Literatur- und Forschungstexten des Alten Orients – und das, obwohl Wachstafeln, Lederrollen und Papyrus, auf denen große Teile der Texte festgehalten wurden, beim Fall von Ninive im Jahr 612 zerstört wurden.

Die Tontafeln, die heute vorwiegend im British Museum in London lagern und noch längst nicht umfassend ausgewertet sind, bezeugen, wie wichtig es den Königen war, Wissen zu kontrollieren. Neben literarischen Texten wie dem Gilgamesch-Epos, Liedern und Gebeten waren vorwiegend wissenschaftliche Texte in der Bibliothek gespeichert, oft auch in mehreren Kopien, allen voran aus den Bereichen Astronomie, Medizin im weiteren Sinne und einem aus heutiger Sicht eigenwillig anmutenden Fachgebiet: der Leberschau. Für diese Form des Orakels, das wichtige Zukunftsfragen anhand einer Schafsleber beantwortete, gab es einen ausgefeilten Begutachtungsplan – und deswegen auch viel Literatur.

Einen Eindruck, der die Einschätzung Assyriens in der Weltgeschichte stark prägt, will Radner mit ihrer Arbeit korrigieren: „Die Assyrer werden oft als reine Militärmacht dargestellt“, sagt sie. Die Armee war aber nur Mittel zum Zweck, auch für Herrscher wie Assurnasirpal, der auf Reliefs gern als mächtiger Feldherr und unerbittlicher Kämpfer erscheint. „Die Herrscher erkannten durchaus, dass die Armee auch ein Problem darstellen kann, als schwer zu kontrollierender Machtfaktor“, sagt Radner.

Als die Loyalität schwand

Deshalb investierte das Königshaus zwar viel in militärische Techniken, führte etwa im 9. Jahrhundert die Kavallerie ein, eine berittene, gut trainierte Einheit. Auch die Streitwagen ließ es technisch weiterentwickeln, sie waren schließlich als eine Art Panzer mit bis zu vier Soldaten besetzt. Zudem wurden die Berufssoldaten aus den Heeren eroberter Staaten eingegliedert. Die assyrischen Königen achteten aber offenbar strikt darauf, dass sich mit der Armee keine parallelen Machtstrukturen etablieren konnten. Heere wurden jeweils eigens für einen Feldzug neu zusammengestellt.

Bei all der Kontrolle und Dominanz, mit der die Herrscher über die Bevölkerung wachten, waren die Möglichkeiten zum direkten Kontakt mit ihren Untertanen für den Zusammenhalt des Reiches unerlässlich. Die Herrscher des 7. Jahrhunderts vernachlässigten diesen Aspekt des Regierens zunehmend, anders als ihre Vorgänger, und die Loyalität zum assyrischen Königshaus schwand – nach mehr als 1000 Jahren Regentschaft einer einzigen Herrscherfamilie. So fehlte letztlich die Macht, das fragile Gefüge länger zusammenzuhalten. Das Assyrische Reich endete im Zuge der Angriffe der Babylonier und der Meder auf das Kernland. Der Fall von Ninive im Jahr 612 vor Christus hatte im Übrigen für die Geschichtsforschung einen nicht unerheblichen Nebeneffekt. Als die Stadt niederbrannte, sorgte dies für die Konservierung der Tontafeln aus Staatsarchiven und Königsbibliothek – und bewahrte damit einen außerordentlich reichen Quellenschatz. Es war das Ende des ersten Weltreichs. Es sollte nicht der letzte Untergang eines Imperiums sein.
(Hubert Filser) 

radner_260_webVon links nach rechts: Bernd Huber (Präsident Ludwig-Maximilians-Universität München), Karen Radner (Alexander von Humboldt-Professorin 2015), Johanna Wanka (Bundesministerin für Bildung und Forschung), Helmut Schwarz (Präsident der Humboldt-Stiftung); Foto: Humboldt-Stiftung/David Ausserhofer

Prof. Dr. Karen Radner
wird im August 2015 die Humboldt-Professur für die Alte Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens an der LMU antreten. Radner, Jahrgang 1972, studierte an der Universität Wien und der FU Berlin und promovierte in Altorientalischer Philologie und Orientalischer Archäologie in Wien. Anschließend forschte sie an der Universität Helsinki und an der LMU, wo sie sich im Fach Assyriologie habilitierte. Von 2005 an lehrte und forschte sie am University College London (UCL), seit 2010 als Professor of Ancient Near Eastern History. Im Jahr 2014 wurde sie mit einer Alexander von Humboldt-Professur, dem höchstdotierten Forschungspreis Deutschlands, ausgezeichnet. Nach Lehrstühlen für die Systembiologin Ulrike Gaul, den Astrophysiker Georgi Dvali, den Mathematischen Philosophen Hannes Leitgeb und den Wissenschaftstheoretiker Stephan Hartmann ist dies bereits die fünfte Humboldt-Professur, die die LMU besetzen kann.

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Lesen Sie mehr im Themen-Schwerpunkt „Die Geburt der Welt“. Er erscheint Ende Juni in der neuen Ausgabe der Einsichten. Sie können das LMU-Forschungsmagazin kostenlos abonnieren.

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