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Aus dem neuen MünchnerUni Magazin

Kampf dem leeren Blatt

München, 24.04.2015

Seite 2: Welcher Schreibtyp bin ich?

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Studierende auf der „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“

Cornelia Rémi erklärt, worum es dabei geht: „Schreibtypen sollen keine Schubladen sein, in die man sich einordnet und dann auf seinen Fehlern ausruht.“ Ganz im Gegenteil seien sie dazu da, die eigene Schreibstrategie mit allen Chancen und Risiken einzuschätzen und ihr zu begegnen. Der Schreibtyp der „Abenteurer und Entdecker“ sei beispielsweise ein intuitiver Schreiber, der aus dem Bauch heraus spontan darauf losschreibe. Sein Nachteil: Ihm fehlen die Orientierung und der Überblick über sein Schreibprojekt. Aber er sei immer neugierig und offen für Neues. „Der ‚Hüpfer und Puzzler‘ ist ebenfalls sehr affektiv und impulsiv“, so Rémi. Dieser Schreibtyp arbeite meist genau daran, wozu er gerade am meisten Lust habe: Vielleicht beginnt er mit einem Stück Text, dann konzipiert er die Gliederung und schließlich schreibt er die Einleitung. Sein Vorteil sei jedoch, dass er meist kein großes Problem damit habe, mit seiner Arbeit anzufangen. Schwierig werde es erst, wenn er die kleinen Textstücke zu einer Seminar- oder Abschlussarbeit zusammenfassen müsse. Zudem bleibe dieser Typ oft oberflächlich und arbeite nicht fundiert zu einem Thema.

Die Einteilung in Schreibtypen solle Studierenden zeigen, dass der ideale Schreibtyp aus der Schule nicht unbedingt der Beste ist, erklärt die Schreibberaterin: „Die sogenannten ‚Strategen und Architekten‘ sind die Planer, die Strukturfixierten, die von Anfang an versuchen, den Schreibprozess intellektuell zu durchdenken. Sie wissen zwar meist ganz genau, wo sie hinwollen, das heißt jedoch nicht, dass sie es auch schaffen.“

Martin hat es geholfen, seinen eigenen Schreibtyp zu identifizieren. „Und es stimmt leider: Ich bin extrem sprunghaft – und wenn mir das Thema keinen Spaß mehr macht, prokrastiniere ich gerne.“ Bis jetzt hätten an der LMU Hilfen zum wissenschaftlichen Schreiben gefehlt, findet der 27-Jährige. „Ich hoffe, dass es solche Aktionen wie den Schreibtag oder die Lange Nacht auch weiterhin gibt.“

Was ist eigentlich ein Plagiat?
Auch Janine Lünenborg sitzt im Schreibcafé der Langen Nacht und brütet über ihrer Hausarbeit. Ihr Problem ist es nicht, anzufangen – denn einige Seiten hat sie bereits zu Papier gebracht. Janine schreibt über „code switching“, den Sprachwechsel zwischen deutscher und türkischer Muttersprache. Die Lehramtsstudentin ist hier, weil sie im Schreibcafé, das neben Kaffee und Keksen auch eine Schreibberatung anbietet, sehr ernsthaft an ihrer Hausarbeit arbeiten könne, es aber trotzdem nicht so still sei wie in einer Bibliothek. Tatsächlich diskutieren einige intensiv mit ihrem Sitznachbarn über ihre Arbeit, während nebenan Studentinnen und Studenten Zeile um Zeile in ihre Tastatur hacken. „Die Motivation ist wirklich hoch“, findet auch Janine. Nur: Für sie ist es die erste Hausarbeit überhaupt. Deshalb ist sie sich unsicher, ob sie beim ersten Mal auch alles richtig macht. „Mir fehlt vor allem der Überblick darüber, wie man eigentlich eine Hausarbeit schreibt“, erzählt sie. „Ständig frage ich mich, ob ich das nun richtig formuliert oder zitiert habe. Da ist es natürlich gut, wenn man diese Fragen hier sofort mit einem Tutor klären kann.“

Und sie ist nicht die Einzige. Viele der Gespräche im Schreibcafé drehen sich um die richtige Zitierweise: Wie zitiere ich eine Internetquelle? Ist das überhaupt eine zitierwürdige Quelle? „Studenten wissen oft einfach nicht, was ein Plagiat ist“, erzählt die Leiterin des Schreibzentrums der LMU, Dr. Bärbel Harju. „Und da das Thema in den Medien gerade sehr präsent ist, haben viele Studierende Angst, aus Versehen zu plagiieren.“

Professor Volker Rieble vom Lehrstuhl für Arbeitsrecht und Bürgerliches Recht an der LMU, der sich seit Jahren mit Wissenschaftsplagiaten beschäftigt, rät den Studierenden zu Gelassenheit: Natürlich sollten sie ordentlich zitieren und nicht irgendwelche Internetquellen mit Copy-and-paste einfügen, ohne fremde Ideen und Gedanken zu kennzeichnen. Meist passiere das jedoch, weil es gerade mal wieder schnell gehen musste und man keine Zeit mehr hatte, eine Fußnote einzufügen. „Nicht nachvollziehen kann ich jedoch, wenn sich Professoren über Facebook-Gruppen von Studierenden aufregen, in denen sie sich zu einer Seminararbeit austauschen“, erklärt Rieble. „Ich finde, es gehört für einen Akademiker mit dazu, über das Thema seiner Hausarbeit zu sprechen. Früher fand das vielleicht in der Bibliothek oder im Seminarraum statt, und heute eben bei Facebook.“

30.000 Euro für ein „professionelles Plagiat“
Im Gegensatz zu Studierenden sollten sich dagegen Professoren und Dozenten viel mehr mit dem Thema Plagiat beschäftigen: „An vielen Lehrstühlen schreiben wissenschaftliche Mitarbeiter die Texte, unter die dann der Professor seinen Namen setzt. Und hier – nicht bei den Studierenden – müsste man ansetzen“, so Rieble. Junge Wissenschaftler würden in einem System groß, in dem es üblich ist, dass mehrseitige Textpassagen unter dem Namen des Professors publiziert werden. Workshops zum wissenschaftlichen Schreiben, wie sie auch die Lange Nacht anbietet, sollen genau hier ansetzen und bereits bei Studierenden ein größeres Bewusstsein für gutes wissenschaftliches Arbeiten wecken.

In Seminararbeiten seien Plagiate relativ einfach zu enttarnen, erklärt die Schreibberaterin Harju: „Wenn sich in wenigen Absätzen der Schreibstil grundsätzlich ändert oder die Arbeit nur in Teilen gut strukturiert und durchdacht ist, kann man davon ausgehen, dass es ein Plagiat ist. Und – falls nötig – bei Google oder mit Hilfe einer Plagiatssoftware danach suchen.“

Bei Arbeiten, die komplett von einem Ghostwriter geschrieben wurden, lassen sich solche Stilbrüche dagegen nicht aufzeigen. Vor allem Doktorarbeiten seien für ein solches Vorgehen anfällig, weiß Rieble. Denn hier lohne es sich, eine Arbeit in Auftrag zu geben. Rund 30.000 Euro koste so ein „professionelles Plagiat“, wie der Professor es nennt. „Und das Geld ist gut investiert, denn diese Plagiate fliegen in der Regel niemals auf.“

Literatur nicht über das Internet suchen!
Im Schreibcafé der Langen Nacht fragen sich viele Studenten dagegen eher, wie sie überhaupt Literatur zu ihrem Thema finden, wo sie suchen sollen und wo es spezielle Fachliteratur zum eigenen Thema gibt. Im Laufe der Langen Nacht haben die Schreibberater diese Frage schon oft gehört. Trotzdem lassen sie sich geduldig das jeweilige Thema erklären und erörtern dann gemeinsam mit den Studierenden die diversen Recherchemöglichkeiten – von der „klassischen“ Literatursuche in der Universitätsbibliothek, in wissenschaftlichen Datenbanken oder Online-Zeitschriften.

Professor Manuel René Theisen von der Fakultät für Betriebswirtschaft der LMU, der ein Standardwerk zum wissenschaftlichen Arbeiten verfasst hat, beobachtet, dass sich das Problem der Literatursuche in den letzten Jahren verstärkt hat: „Viele Studierende wissen einfach nicht, wie sie dabei vorgehen sollen." Die elektronische Informationsschwemme stelle sie von der Grundorientierung bis zur notwendigen Literaturauswahl vor große Probleme. Da gerade der Einstieg in ein wissenschaftliches Thema die Grundlagen für wissenschaftliches Arbeiten überhaupt schaffe, werde dies für Studierende immer mehr zu einer kaum überwindbaren Hürde. „Bis vor 15 Jahren bestand die größte Sorge der Studenten darin, etwas Richtiges zum Thema zu finden“, erklärt Theisen. „Heute geht es darum, das Richtige aus der Vielzahl von Informationen herauszufinden.“

Mit der Recherche im Internet zu beginnen, sei häufig kein guter erster Schritt. Theisen empfiehlt, zunächst das literarische Umfeld und das Forschungsgebiet des Themenstellers sowie die dazu einschlägige Literatur zu prüfen. Erst in einem zweiten Schritt solle man gegebenenfalls vertiefend einzelne Recherchen vornehmen. „Das Netz bietet dagegen selbst zu abwegigen Themen einen solchen Berg von Informationen, dass der durchschnittliche Studierende fast regelmäßig vor dem Einstieg schon scheitern muss“, sagt Theisen. Zudem fehlten ihm in der Regel die Kenntnisse, selbst eine kritische Erstauswahl aus der Informationsflut zu treffen.

„Bleibt neugierig!“
Trotzdem sei wissenschaftliches Arbeiten eigentlich sehr einfach, findet Theisen. „Meine Definition ist: Man muss neugierig sein und bleiben.“ Doch stattdessen glaubten immer mehr Studierende, mit Einstein auf Augenhöhe forschen zu müssen. Die Folgen seien Angst, Schreibblockaden, Einfallslosigkeit und im schlimmsten Fall der Studienabbruch. „Ich glaube, man muss jungen Studierenden, aber auch manchmal älteren Semestern, einfach öfter zurufen: ‚Bleibt neugierig!‘.“

In den Hörsälen des Lehrturms der LMU sitzen die Studentinnen und Studenten still und konzentriert vor ihren Rechnern. Noch immer ist viel los. Nur noch wenige unterhalten sich, die meisten Schreib-Coaches haben endlich eine Pause. Auch der Nordamerikanistik-Student Manuel Beck sitzt vor seinem Laptop: Die Schuhe hat er mittlerweile ausgezogen und eine Reihe von Büchern und Papieren über seinen Platz verteilt. Es scheint ganz gut zu laufen: Eifrig tippt er einen Satz zu Ende und notiert sich noch schnell eine Idee, bevor er von seiner Arbeit aufsieht: „Drei Seiten habe ich schon geschrieben“, flüstert er stolz. „Und die halbe Nacht habe ich ja noch vor mir!“ cdr

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Titel der neuen MUM: Kampf dem leeren BlattDie neue MUM liegt ab Donnerstag aus. Apropos MUM: Im neuen Heft kommt auch „Mama Bavaria“ Luise Kinseher kommt zu Wort. Darüber hinaus gibt es ein Treffen mit einer Meerjungfrau, den Simpsons und dem Chronobiologen Till Roenneberg.