Ludwig-Maximilians-Universität München
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Klimawandel und Wintersport

Der Schnee von morgen

München, 10.01.2014

Weihnachten im Klee, Ostern im Schnee? Der Geograph Jürgen Schmude untersucht den Einfluss des Klimawandels auf die Öffnungstage von Skigebieten und zeigt: Optimale Skitage werden langfristig seltener und kommen später im Jahr.

Schneekanone (Foto: Daniel Koell / Fotolia.com)
Schneekanone (Foto: Daniel Koell / Fotolia.com)

Sie untersuchen die Auswirkungen des Klimawandels auf den Tourismus. Beeinflusst der Klimawandel den Wintertourismus jetzt schon?

Ja, wenn wir eine ganze Klimaperiode betrachten, das heißt einen Zeitraum von 30 Jahren. Für unsere Modellierungen greifen wir auf verschiedene Klimaszenarien zurück und betrachten, was innerhalb bestimmter Perioden passiert. Man darf dabei aber kein Einzeljahr herausnehmen. Das Argument „Ihr immer mit eurem Klimawandel, der letzte Winter war doch ganz toll“, zieht genauso wenig wie „Das ist der Klimawandel, dieses Jahr haben wir keinen Schnee“.

Um die zukünftige Entwicklung von Skigebieten vor dem Hintergrund des weltweiten Klimawandels zu modellieren, haben Sie den Parameter des „optimalen Skitags“ eingeführt. Was macht einen optimalen Skitag aus?

Da muss ich vielleicht ganz kurz erklären, warum optimaler Skitag: In der Vergangenheit hat man mit der 100-Tage-Regel gearbeitet. Dabei gilt, wenn ein Skigebiet in sieben von zehn Jahren im Winter 100 Tage geöffnet hat, dann kann es wirtschaftlich erfolgreich sein. Als wir die Auswirkungen des Klimawandels für die Zukunft modelliert haben, saßen wir unter anderem mit Skigebietsbetreibern, Bergbahnbetreibern, Hoteliers, aber auch mit Vertretern der bayerischen Tourismusmarketingorganisationen zusammen und die sagten: Eigentlich ist die Frage nicht, wie viele Tage haben wir, sondern wie viele gute Tage haben wir, an denen die Kassen klingeln?

Für einen optimalen Skitag ist es beispielsweise wichtig, dass es keinen Niederschlag gibt, dass man mindestens fünf Stunden Sonnenscheindauer hat, dass die gefühlte Temperatur zwischen minus 5 und plus 5 Grad liegt, und dass der Wind nicht zu stark weht. Und, ein psychologischer Aspekt: Dass die Landschaft als solche weiß ist und die Skipiste kein weißes Band in grüner Landschaft. Der „optimale Skitag“ als Parameter berücksichtigt eine große Bandbreite von Variablen und erlaubt daher eine viel genauere und regional differenziertere Abschätzung, ob ein Skigebiet erfolgreich ist, als die 100-Tage-Regel.

Wie werden sich die optimalen Skitage in der Zukunft verändern?

Wir haben für einzelne Skigebiete berechnet, wie viele optimale Skitage in einer Wintersaison auftreten und wie sich deren Verteilung in den kommenden Jahrzehnten entwickelt. Wir haben dabei sechs verschiedene Klimamodelle einbezogen und in der Tendenz kommen alle zum selben Ergebnis: Zum einen wird die Zahl der optimalen Skitage generell abnehmen – besonders in den Mittelgebirgsregionen, hoch gelegene Skigebiete kommen in der Regel günstiger weg – und zum anderen wird eine jahreszeitliche Verschiebung stattfinden. Insgesamt wird es weniger schneien, und der Schnee wird insbesondere im Dezember öfter als Regen fallen. Im Augenblick haben wir noch das Maximum der optimalen Skitage im Dezember und Januar. Dies wird sich dann über die 2020er- bis 2030er-Jahre in Richtung Ostern verschieben. Wir haben das „Christmas-Easter-Shift“ genannt: Es gibt dann keine weißen Weihnachten mehr, sondern die optimalen Skitage treten eher im März, April auf.

Was bedeutet diese jahreszeitliche Verschiebung für den Tourismus?

Man kann sich natürlich leicht vorstellen, dass das für touristische Einrichtungen eine ganz wichtige Information ist, die einen Paradigmenwechsel bedeutet: Man kann nicht mehr weiße Weihnachten vermarkten, sondern man muss sich darum kümmern, dass die Gäste an Ostern noch Lust haben zum Skifahren. Aus der sozialwissenschaftlichen Verhaltensforschung wissen wir, dass der Biorhythmus des Menschen im April eigentlich schon auf Sommer umgestellt hat und viele dann keine Lust mehr haben, zum Skifahren zu gehen. Man wird sehen, ob die Konsequenz auf der Seite der Touristen ein Ausweichen in andere Regionen ist, wo Skifahren zu den Zeiten möglich ist, zu denen man traditionell Ski fährt, also Weihnachten oder Fasching. Oder ob sich das Verhalten anpasst und eine zeitliche Verschiebung der Aktivität stattfindet.

Vermutlich wird es aufgrund des Klimawandels Gewinner und Verlierer unter den Skigebieten geben?

Richtig, wir gehen davon aus, dass die kleinen, niedrig gelegenen Skigebiete, die auch nicht in der Lage sind, die immensen finanziellen Investitionen zu tragen, die notwendig wären, um Naturschnee durch Kunstschnee komplett zu substituieren, vollständig aus dem Markt ausscheiden werden. Das betrifft leider auch sehr viele deutsche Skigebiete, während hochgelegene Skigebiete wie beispielsweise Silvretta Nova in Österreich oder viele Schweizer Skigebiete, die einfach 2500 Meter hoch liegen, eher zu den Gewinnern gehören werden.

Viele Skigebiete rüsten ja mit Schneekanonen auf, um fehlenden Schnee zu kompensieren. Ist dies ein erfolgversprechender Ansatz?

Das ist eine Frage der Fristigkeit. Wir haben ja auch einzelne Skigebiete beraten, zum Beispiel das Sudelfeld bei Bayerischzell, wo diskutiert wurde, ob noch einmal in die Modernisierung der Lifte und den Ausbau der Beschneiung investiert werden soll. Unsere Modelle sind zu dem Ergebnis gekommen, dass dies noch für eine Investitionsrunde - das heißt rund 15 Jahre - funktioniert. Eine zweite Investitionsrunde macht dort keinen Sinn mehr. Man muss diese 15 Jahre aber nutzen, um sich Gedanken zu machen, was danach kommt.

Kritiker halten große Investitionen in Gebieten, die langfristig zu tief liegen, für sinnlos und kritisieren zudem die Umweltbelastung durch Beschneiungsanlagen. Sollte man nicht besser jetzt schon auf andere Formen von Tourismus umstellen?

Das geht nicht so schnell. Es braucht lange Zeiträume, von einem Marktsegment des Tourismus in ein vollkommen anderes zu wechseln. Man muss ja unter Umständen eine völlig andere Infrastruktur aufbauen. Zumal vielen Touristikern einfach auch die Phantasie fehlt, was sie stattdessen machen könnten. Wo jeder darauf kommt, das ist salopp gesprochen, einen auf Wellness zu machen. Im Sommertourismus fällt den meisten auch nichts ein außer Golf. Aber das werden nicht die erfolgreichen Destinationen sein.

Welche weiteren Alternativen wären denkbar?

Es gibt kein Patentrezept. Wir haben ja ganz unterschiedliche Entwicklungen, die in den nächsten 20 bis 30 Jahren unsere Gesellschaft prägen werden. Wenn man etwa an den demographischen Wandel denkt, könnte es eine Chance sein, sich auf die Zielgruppe der älteren Touristen zu konzentrieren. Aber das bedeutet nicht, dass jeder Skiort auf Seniorentourismus umstellen kann. Man muss das immer von den regionalen und lokalen Rahmenbedingungen abhängig machen.

Gerade in Bayern bietet der Klimawandel durchaus auch Chancen in Richtung Saisonverlängerung, etwa eine Ausdehnung der Wandersaison im Herbst, wenn es länger warm bleibt. Das Marktsegment Wandern erlebt derzeit eine enorme Renaissance in Deutschland.

Hat der Wintersport in den bayerischen Alpen generell noch eine Zukunft?

Ich würde sagen, der Wintersport hat eine Zukunft, inwieweit in den bayerischen Alpen, wäre ich etwas vorsichtiger. Wenn wir eine Perspektive bis 2030/40/50 betrachten, dann würde ich sagen, 2050 werden wir noch ein bis zwei deutsche Skigebiete haben. Aber es ist nicht weit nach Österreich und in die Schweiz. In Deutschland werden wir uns weitgehend vom Wintersport verabschieden müssen.

Interview: göd

Professor Jürgen Schmude ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung an der LMU. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem die Folgen von Klimawandel und politischen Unruhen für den Tourismus.

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