Ludwig-Maximilians-Universität München
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Anatomische Anstalt

Modernisierung der Moderne

München, 02.10.2014

Das Gebäude der Anatomie, der erste Eisenbetonbau Europas, wird derzeit saniert. In den Jahren von 1905 bis 1907 entstanden, hat er jüngst den Bayerischen Denkmalpflegepreis in Gold erhalten.

Der bereits sanierte Teil der Anatomischen Anstalt. Hinter den unteren Fenstern befindet sich die anatomische Sammlung, darüber der Präpariersaal. Unter der Kuppel ist der Mikroskopiersaal.

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Bei Stefan Milz im Büro dröhnen die Kernbohrer der Betonbauer durch die Wände. Immer wieder bebt der Boden und zittert das Mobiliar: Im Ostflügel der Anatomischen Anstalt laufen die Sanierungsarbeiten noch auf vollen Touren und könnten sich hier und da verzögern, denn die „Sektion“ eines über 100 Jahre alten Gebäudes birgt manche bauliche Überraschung.

Wie solche Überraschungen aussehen können, hat Stefan Milz selbst erlebt, als er einmal versuchte, in seinem alten Labor im Ostflügel einen Hängeschrank anzubringen. „Der war nicht zu befestigen, weil ein Wandstück mit Papier geflickt war“, sagt der Professor für Anatomie, der am Lehrstuhl für Neuroanatomie von Professor Christoph Schmitz forscht und lehrt. Offenbar hatte im Krieg ein Bombentreffer im Gebäude der Chirurgischen Klinik gegenüber auch die Wand der ansonsten unversehrt gebliebenen Anatomie beschädigt. Man hatte sich mit provisorischem Flickwerk begnügt, aus dem schließlich eine Dauerlösung wurde. Über die Jahrzehnte haben aber auch die chemischen Dämpfe, etwa von Formalin, das zur Leichenfixierung verwendet wird, dem Gebäude arg zugesetzt. Entsprechend musste die Belüftungsanlage komplett modernisiert werden. In dem der Pettenkoferstraße zugewandten Mittelbau der Anatomischen Anstalt mit seinen Rundungen und Kuppeln sind diese Arbeiten bereits abgeschlossen und auch die Fassade erstrahlt schon in neuem Glanz.

Denkmalschutz und Sicherheit
Auch im Innern hat sich hier viel getan. Wer die graue, bedrückend wirkende Anatomie vor der Sanierung kannte, ist jetzt von der wiederentdeckten Freundlichkeit und Helligkeit überrascht. Eingangsbereich, Präpariersaal, Hörsäle sowie Schausammlung wurden komplett erneuert und die technische Infrastruktur ertüchtigt; wo vorher Labore untergebracht waren, sind neue Seminar- sowie Technikräume entstanden. Dabei ist den Architekten und Ingenieuren unter der Ägide des Staatlichen Bauamts München II der Spagat gelungen, auf der einen Seite moderne Sicherheitsanforderungen hinsichtlich Brand- und Arbeitsschutz sowie Barrierefreiheit zu erfüllen. Auf der anderen Seite haben sie aber auch den zum Teil sehr anspruchsvollen Denkmalschutz entsprechend berücksichtigt.

So ist die alte Schreibschrift „Zum Mikrosk.-Saal“ an der Wand eine Reminiszenz an die Vergangenheit und kontrastiert geradezu mit der Innenausstattung des „neuen“ Mikroskopiersaals: Modernste Computer dominieren das Bild – hier lassen sich hochauflösende Bilder von Gewebeproben über ein Netzwerk auf jedem Platz sichtbar machen und untersuchen – Mikroskopie im 21. Jahrhundert. „Wir nutzen für die Lehre ein Softwaresystem, das meines Wissens in dieser Form nirgendwo sonst zum Einsatz kommt“, freut sich Milz.

Günstige Alternative zum „Schichtl“
Neben der Forschung zum Beispiel zu Metallimplantaten, die sich mit der Zeit im Körper auflösen – eines von Professor Milz‘ Spezialgebieten –, ist die Lehre natürlich die Hauptaufgabe der Anatomischen Anstalt.

Kein Medizinstudent kommt am Gebäudeensemble in der Pettenkoferstraße vorbei – schließlich brauchen die künftigen Ärzte drei Scheine in Makroskopie, Mikroskopie sowie Neuroanatomie, um überhaupt zum Physikum zugelassen zu werden. Rund 1.000 Studierende pro Jahrgang werden hier ausgebildet – mit modernsten didaktischen Möglichkeiten. Aber auch ganz klassisch mit der anatomischen Lehrsammlung, zu der eine Tür vom prächtig und würdevoll gestalteten Eingangsbereich aus führt.

Die Sammlung dient der Lehre, der öffentliche Zugang ist auf montags beschränkt. Nicht zuletzt, weil sie in der Vergangenheit immer wieder von bierseligen „Oktoberfestlern“ als Kuriositätensammlung und günstige Alternative zum „Schichtl“ auf der Wiesn besucht wurde. „Das Eintrittsgeld war hier niedriger“, erzählt Milz, „aber die Sammlung ist nicht fürs Amüsement, sondern für die Lehre und Ausbildung von Medizinern gedacht.“

Professor Reinhard Putz, dem ehemaligen Vorstand der Anatomischen Anstalt und Vizepräsidenten der LMU, war die stetige Erweiterung der Sammlung ein wichtiges Anliegen. Sie wird auch heute immer noch erweitert. Denn die Kenntnis unterschiedlicher Körperteile und -strukturen kann hier immer wieder aufgefrischt werden.

Das Gebäude der Anatomischen Anstalt wird als Hauptwerk der beginnenden Moderne in der Denkmalliste geführt. Mit der behutsamen „Modernisierung dieser Moderne“ wird nicht nur ein einzigartiges Denkmal in der zu Entstehungszeiten neuen Anmutung bewahrt, sondern zugleich den Herausforderungen modernster medizinischer Ausbildung und Forschung Rechnung getragen.