Ludwig-Maximilians-Universität München
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Zum Weltfrauentag

„Wir verzichten auf sehr viel Potenzial“

München, 07.03.2013

Der LMU-Wissenschaftler Dieter Frey über die generellen Anforderungen an Führungskräfte, den steinigen Weg nach oben und Chef-Qualitäten von Frauen.

 

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Foto: Sergey Nivens / fotolia.de

Umfragen zeigen, dass viele Beschäftigte mit ihren Chefs unzufrieden sind. Was könnten die Vorgesetzten besser machen?
Dieter Frey: Mitarbeiter brauchen ethikorientierte Führungspersönlichkeiten, die Vorbild sind, integer und glaubwürdig, und die für zwei Kulturen einstehen: für eine Kultur von Exzellenz, die für Leistung und Innovation steht, sowie für eine Kultur von Menschenwürde, die sich durch Wertschätzung, Fairness und Vertrauen auszeichnet. Aufgabe der Chefs ist es, Leute um sich zu scharen, die diese Kultur zum Leben bringen. Dafür müssen Vorgesetzte eine hierarchiefreie Kommunikation ermöglichen, die es zulässt, über Positives wie Negatives zu sprechen, und die an permanenter Verbesserung orientiert ist.

Leider fehlt bei vielen Chefs schon die erste Voraussetzung: Statt um ethikorientierte Führungspersönlichkeiten handelt es sich um Narzissten, Machiavellisten oder Egoisten. Diese sind weder bestrebt, eine Kultur von Exzellenz noch eine Kultur von Menschenwürde zu schaffen.

Sind Frauen durch Eigenschaften, die als typisch weiblich gelten, dann nicht für Führungsaufgaben prädestiniert?
Natürlich wäre es der Wunsch, dass Frauen eine größere Sensibilität im Umgang mit sozialen Themen haben, dass sie die sogenannten Soft Skills wie zuhören können und Fragen stellen besser beherrschen, aber „den“ weiblichen Führungsstil gibt es nicht. Die Erfahrung zeigt, dass Frauen keine besseren Führungskräfte sind als Männer, aber auch keine schlechteren. Frauen haben dann eine Chance, erfolgreich zu sein, wenn sie authentisch sind.

Hat es dann für die Unternehmen überhaupt Konsequenzen, wenn Frauen in Führungsjobs unterrepräsentiert sind?
Die Forschung zeigt, dass heterogene Teams, zu denen Frauen und Männer mit unterschiedlichem Hintergrund zählen, was etwa die Disziplinen und das Alter angeht, im Durchschnitt kreativer und innovativer sind. Frauen bei Führungspositionen nicht zu berücksichtigen, heißt, dass wir auf viel, sehr viel Potenzial verzichten. Denn die Besetzung mit Männern ist keineswegs immer die optimale Lösung. Wichtig ist es, geeignete Frauen zu finden und sie mit Führungsaufgaben zu betreuen.

Die Facebook-Managerin Sheryl Sandberg stellt in ihrem neuen Buch Führungsetagen als Minenfeld dar und glaubt, dass es für Frauen schwieriger ist als für Männer, sich zwischen Familie und Job zu entscheiden. Hat sie Recht?
Es ist in der Tat so: Wer die Karriereleiter aufsteigt, muss auf sehr viel Freizeit verzichten. Die vielfältigen Aufgaben, insbesondere auch die Verpflichtung, sichtbar zu sein und sein Netzwerk zu pflegen, geht oft auch zu Lasten von Familie. Das ist zunächst für Männer und Frauen gleich. Nur haben Männer im Schnitt eher eine Partnerin, die dieses auffängt.

Der Weg nach oben ist keineswegs nur eine Erfolgsstory, sondern bedeutet oft den Umgang mit Misserfolgen und Belastungen, mitunter auch mit Intrigen und Rufmord. Der Spruch, dass man sich „den Erfolg teuer erkaufen muss“, kann durchaus der Wirklichkeit entsprechen.

Warum müssen Führungskräfte denn so viel und lange arbeiten? Kann man mit einer 30-Stunden-Woche nicht führen?
Mit Führungsaufgaben ist oft das implizite Anforderungsprofil verbunden, dass die Führungsperson omnipräsent sein soll. Zu ihren vielfältigen Aufgaben gehört in der Tat nicht nur die Präsenz bei den Mitarbeitern, sondern auch beim Kunden und bei öffentlichen Veranstaltungen. Ich bin der Überzeugung, dass wenn man all die Phantasie der Welt zusammennimmt, dies auch mit der 20-, 30- oder 40-Stunden-Woche möglich sein muss. Es ist nötig, sich da von alten Klischees zu lösen. Gott sei Dank gibt es ja schon genügend Firmen, in denen dies Realität ist.

Sie waren zehn Jahre Leiter der Bayerischen Eliteakademie und haben die Studierenden auf Führungsaufgaben vorbereitet. Was hat Ihnen diese Erfahrung über Frauenkarrieren gezeigt?
Alle Frauen, die bei uns in der Eliteakademie waren, haben hervorragende Voraussetzungen, um gute Führungskräfte zu sein. In der Tat zeigt sich bei unseren Absolventen, dass Frauen ähnlich wie Männer national und international Karriere machen.

Sie haben erst kürzlich Studienergebnisse veröffentlicht, wonach Frauen auch ihr Aussehen bei der Karriere schaden kann. Warum ist das so?
Attraktive Frauen tun sich besonders schwer, Führungspositionen zu erreichen – insbesondere, wenn diese von Frauen verteilt werden. Klingt makaber, ist aber so: Frauen lehnen Frauen ab, insbesondere, wenn die Konkurrentinnen attraktiv sind. Es liegt also keineswegs nur an den Männern, dass zu wenige Frauen in Führungspositionen sind. Die Frauen haben leider auch ihren eigenen Anteil daran, weil sie ihre Geschlechtsgenossinnen oft sogar noch blockieren.

Und welchen Anteil haben die Männer daran, dass Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert sind?
Die Männer haben schon den größeren Anteil. Sie fühlen sich von kompetenten Frauen bedroht und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Im Umgang mit Männern sind sie erfahren. Sie haben ein gutes Gefühl entwickelt, wie man sowohl mit statushöheren wie mit statusniedrigeren Männern umgeht. Unter Männern herrscht nach wie vor eine viel größere Verunsicherung darüber, wie sich Frauen wohl in der Hierarchieebene verhalten. Diese Unsicherheit bewirkt dann oft sehr subtile Abwertungen der Qualifikation von Frauen.

Interview: nh

frey_webProfessor Dr. Dieter Frey leitet den Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der LMU. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Führung, Teamarbeit und Entscheidungsverhalten in Gruppen sowie die innere Kündigung von Mitarbeitenden. Er setzt sich für die Verbindung von Theorie und Praxis und einen Transfer von Wissenschaft in die Wirtschaft ein. Das personalmagazin hat Dieter Frey unter die 40 führenden Köpfe des deutschen Personalmanagements gewählt.

Verantwortlich für den Inhalt: Kommunikation und Presse