Ludwig-Maximilians-Universität München
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Schwerpunkt am CAS

Die Kehrseite des Konsums

München, 06.12.2013

Was machen wir mit dem Müll? Umwelthistoriker Christof Mauch und Jurist Jens Kersten über Recycling und Rhetorik, über die Grenzen der Gesetzgebung und den Einfluss der Zivilgesellschaft.
 

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Foto: airArt - Fotolia.com

In Deutschland fallen jährlich etwa 45 Millionen Tonnen Haushaltsabfälle an. Ein Großteil wird nach dem Prinzip der sogenannten Kreislaufwirtschaft verwertet. Was ist dann überhaupt noch Müll?

Mauch: 500 Kilo Abfall pro Kopf im Jahr, dieser Wert ist über Jahre einigermaßen stabil geblieben, bei leichten Steigerungen. Deutschland liegt im europäischen Vergleich deutlich über dem Durchschnitt, in Ländern wie Dänemark und der Schweiz fällt allerdings erheblich mehr an, in Polen etwa dagegen sehr viel weniger. Allein daran sieht man, wie sehr die Müllproduktion auch ein Spiegel von Wohlstand und Konsum ist. In Deutschland werden knapp zwei Drittel der kommunalen Abfälle recycelt oder kompostiert. Dieser Wert ist über die Jahre kontinuierlich gestiegen und europaweit der höchste. Das verbleibende Drittel, der Restmüll, geht in Deutschland mittlerweile nahezu vollständig in die Verbrennung, nicht mehr auf die Deponie.

Kersten: Der Begriff „Kreislauf“ klingt ungemein beruhigend: Was Kreislauf ist, wird wieder eingespeist. Es gibt keine Verluste, alles ist Ressource. So schön funktioniert das natürlich nicht. Wir recyceln einen Großteil, aber wir verschieben auch Tonnen über Tonnen, etwa Elektroschrott, ins Ausland. Dass Kleingeräte wie Handys aber zuhause in der Schublade rumliegen, obwohl sie doch ins Recycling gehen könnten, daran haben wir uns längst gewöhnt. Und Problemabfälle wie der Atommüll sind schon per definitionem im Kreislaufgedanken gar nicht erfasst. Der steht zum Großteil einfach so herum, von Wiederverwertung kann keine Rede sein: Da haben wir es mit einer „Metaphysik der Endlagerung“ zu tun, wie der Philosoph Peter Sloterdijk sagt.

Viel Wortkosmetik also, eher eine Kreislauf-Rhetorik?

Kersten: Ja, mittlerweile ist aus dem Titel des entsprechenden Gesetzes der Begriff „Abfall“ herausgefallen, es heißt jetzt in der Kurzbezeichnung nur noch Kreislaufwirtschaftsgesetz. Da wird eine politische Botschaft ausgesandt, die sich faktisch überhaupt nicht einhalten lässt. Man tut gut daran, die Metaphern zu entzaubern.

Mauch: In der Geschichte gab es Zeiten, in denen schon aus schierer Not der Grad der Wiederverwertung deutlich höher war als heute. Früher wurde nahezu alles verwertet, von Lumpen, Knochen und Blut bis hin zum Hundekot, den man für das Gerben brauchen konnte. Erst als die Heimproduktion, etwa von Textilien, in industrielle Fertigungsmethoden überging, kam es zu einer großen Transformation und zur Entstehung der Müllberge. Aber letztendlich gab es zu allen Zeiten vier Arten, mit Müll umzugehen: wegwerfen, verbrennen, verwerten und vermeiden. Das zieht sich durch die Geschichte aller Gesellschaften – bei den Mayas und in der Antike genauso wie heute –, nur unterschiedlicher Ausprägung und Gewichtung. In Deutschland hat sich Anfang der 1980er Jahre niemand um die wachsenden Müllberge geschert. Zehn Jahre später waren sie ein zentrales Umweltthema, als die Mülldeponien aus allen Nähten platzten. Heute hat sich die Aufregung gelegt. Das viel drängendere Problem sind die Risikoabfälle, der Nuklearmüll, der Giftmüll.

Kersten: Die Stadt München wirbt gerade mit „Ihr Müll – unsere Verantwortung“. Das ist letzten Endes auch ein Ausdruck davon, dass Abfallbeseitigung zu einem Riesengeschäft geworden ist. Die Kommunen garnieren das mit dem Begriff der „Daseinsvorsorge“: Der Staat soll sich um den Müll kümmern und nicht private Firmen. Im Hintergrund tobt seit Jahren eine Privatisierungsdebatte. Und der Slogan transportiert auch, dass es den Einzelnen gar nicht so genau kümmern muss, wo der Abfall hinkommt.

Mauch: Es geht um Narrative: Welche Geschichte vom Müll erzählen wir? Was Müll ist, ist eine kulturelle Konstruktion, die für jede Gesellschaft anders ausfallen kann. Er existiert nicht so unbestreitbar wie Holz oder Eisen. Vor 150 Jahren war Benzin noch das Abfallprodukt der Paraffinproduktion, längst ist es umgekehrt, heute werden um das Rohöl für die Treibstoffproduktion Kriege geführt. Die britische Soziologin und Anthropologin Mary Douglas hat mal gesagt: „Waste is matter out of place.“ Müll ist, je nachdem, an welchem Ort er ist, jeweils etwas völlig Anderes. Im Extremfall wandern die Stiefel, die ich heute anhabe und morgen abgetragen an die Straße stelle, irgendwann einmal als arte povera ins Museum.

Das Problem von allen Seiten zu beleuchten, ist ja auch Ziel des Schwerpunktes am Center for Advanced Studies (CAS).

Mauch: Ja, da kommen Fachleute aus ganz unterschiedlichen Disziplinen zusammen: Geologen und Theologen, Juristen und Geografen, Kulturwissenschaftler und Bioarchäologen, aber auch Vertretern von Münchens Abfallwirtschaftsbetrieben, Praktiker und Politiker. Einen Versuch, das Phänomen aus so vielen verschiedenen Perspektiven zu begreifen, hat es meines Wissens bislang noch nirgends gegeben.

Kersten: Wir haben unsere Begriffskategorien und Erzählungen auch übertragen, sogar auf das Phänomen von Spam und Datenmüll im Internet.

Mauch: Um sich mit unterschiedlichen Perspektiven einem Phänomen zu nähern, sind Geschichten zentral. Geschichten haben ein politisches Potenzial.

Aber noch einmal: Ist es denn so, dass wir uns die Wegwerfgesellschaft schönreden?

Kersten: Unsere schöne Vorstellung vom Recycling führt jedenfalls nicht dazu, dass wir die Produkte anders machen, langlebiger. Und ich würde nicht von einer Wegwerf-, sondern einer Konsumgesellschaft sprechen, in der möglichst alles billig und frei ist. Das verführt natürlich dazu, unachtsam gegenüber den Produkten zu sein, etwa lax mit Lebensmitteln umzugehen, sie zu einem Drittel, wie wir es tun, schlicht wegzuwerfen, oft nur, weil sie nicht mehr taufrisch sind.

Moderation: Nicola Holzapfel und Martin Thurau

 

Das vollständige Gespräch mit Christof Mauch und Jens Kersten zum Thema Müll lesen Sie in der neuen Ausgabe des Forschungsmagazins Einsichten.

Sie können Einsichten – das Forschungsmagazin kostenlos abonnieren.

Die Vortragsreihe „Was machen wir mit dem Müll?“ am Center for Advanced Studies“ (CAS) wird am 12. Dezember fortgesetzt: „Wer kann’s am besten? Wie westliche Industriestaaten mit Müll umgehen“ lautet das Thema des Abends.

Die Vortragsreihe findet im Rahmen des Forschungsschwerpunktes „Abfall in Umwelt und Gesellschaft“ statt.

Verantwortlich für den Inhalt: Kommunikation und Presse