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MünchnerUni Magazin

Die Krönung des Studiums

München, 06.08.2018

Wer eine Doktorarbeit schreibt, betritt Neuland. Statt in jemandes Fußstapfen zu treten, geht man neue Wege oder probiert sich an Forschungsthemen, an denen sich andere die Zähne ausgebissen haben. Durch die Arbeit entwickeln sich Persönlichkeit, kritisches Denken und praktische Fähigkeiten – davon profitieren Promovenden später auch im Berufsleben. Doch fast jeder Doktorand kennt Motivationslöcher und braucht dann vielleicht Unterstützung. Das GraduateCenter der LMU bietet deshalb seit zehn Jahren ein umfassendes Angebot an Services rund um das Thema Promotion und trägt dazu bei, die unterschiedlichen Herausforderungen im Promotionsgeschehen erfolgreich zu meistern.

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Dr. med.? Oder lieber Dr. jur., Dr. phil. oder Dr. rer. biol. hum.? Oder doch besser den Doktortitel der englischsprachigen Länder, Ph.D.? An der LMU gibt es eine Vielzahl an Promotionsmöglichkeiten in über 100 Fächern. 1.300 Promotionen werden jährlich erfolgreich abgeschlossen – darunter war auch Dr. Astrid Séville, Akademische Rätin auf Zeit am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft. „Schon während meines Studiums wurde mir klar, dass ich mit der Wissenschaft als Beruf liebäugele“, erzählt sie. Als studentische Hilfskraft hat sie dann das Innenleben der Universität noch besser kennengelernt und sich für eine Promotion entschieden. „Dafür sprach die große Lust und Neugierde, mich einem Thema über einen längeren Zeitraum zu widmen.“ Außerdem wollte Séville an wissenschaftlichen Debatten teilnehmen und selbstbestimmter als ihre Studienfreunde ins Berufsleben einsteigen. Doch dann kam das, wovor sich wohl alle Promotionsinteressierten fürchten: Motivationslöcher und die Zweifel an der eigenen Arbeit – auch bekannt als der Midterm-Blues.

In Deutschland meldet das Statistische Bundesamt aktuell rund 200.000 Doktoranden. 47 Prozent von ihnen haben laut einer Befragung des HIS-Instituts für Hochschulentwicklung schon mehrfach überlegt, alles hinzuschmeißen. Einer der Hauptgründe: Zeitmangel. Oft ist zu lesen: Eine Promotion dauert drei Jahre. Das Problem: Die Zahl ist ein Richtwert. Und sehr sportlich. Tatsächlich brauchen Doktoranden im Schnitt auch schon mal vier Jahre, bis sie ihren Doktortitel in der Tasche haben. Wer nebenher jobbt oder als Assistent an seiner Universität arbeitet, muss sogar noch einmal ein halbes Jahr draufschlagen. Promotionsinteressierte sollten sich davon aber nicht abschrecken lassen. Séville rät, sich immer wieder realistische Etappenziele zu setzen. „Außerdem sollte man sich vor Augen halten, dass noch kaum ein Forschungsprojekt nach Plan fertig geworden ist“, sagt sie und lacht. Ihr haben vor allem die Treffen mit anderen Doktoranden in der Bibliothek geholfen – und eine ganz besondere Einrichtung.

Im Laufe der Promotion hat Séville mehrmals das GraduateCenter der LMU besucht. „Deren Weiterbildungen haben mir in der wissenschaftlichen Lehre durchaus weitergeholfen“, versichert die Politologin. Kein Wunder: Das Center ist seit zehn Jahren die zentrale Koordinations-, Beratungs- und Serviceeinrichtung zum Thema Promotion. Jedes Jahr nehmen fast 1.500 Interessierte, Promovierende oder auch bereits Promovierte, an den verschiedenen Veranstaltungen teil. In Sévilles Fall waren es Weiterbildungen zu wissenschaftlicher Methodik und zur Hochschuldidaktik. Es gibt aber zum Beispiel auch die Veranstaltungsreihe „Kurz & bündig“. Zusätzlich laden rund 50 Workshops pro Jahr zur Vertiefung der dort vorgestellten Themen ein. Darüber hinaus werden Tagungen, Informationsveranstaltungen oder Weiterbildungen von anderen Institutionen innerhalb und außerhalb der LMU angeboten. Einer der bestbesuchten Vorträge ist „Einstieg in die Promotion“.

Klar, für eine Lehrposition an der Universität ist die Promotion ein Muss. Ob aber ein Student oder eine Studentin für den Beruf promovieren möchte, ist eine ganz individuelle Entscheidung. Manche sind die ersten in der Familie und sehen es als eine Reise ins Unbekannte, andere kommen aus einem Umfeld, wo jeder einen Doktortitel trägt. „Das Entscheidende ist aber“, erklärt GraduateCenter-Leiterin Dr. Isolde von Bülow, „dass man mit der Entscheidung im Reinen ist.“ Schließlich müssen Promovierende über viele Jahre einen Großteil Ihrer Zeit und Energie in das Thema stecken. „Ich war mir nicht hundertprozentig sicher“, erinnert sich Peter Schwardmann, Ph.D., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Wirtschaftstheorie der Volkswirtschaftlichen Fakultät. „Am Ende war ausschlaggebend, dass mir die Promotion auf jeden Fall Spaß machen würde.“ Trotzdem sei es richtig viel Arbeit gewesen. Kein Wunder: Früher oder später fragt sich wohl fast jeder einmal: „Warum tue ich mir das an?“ Das sei aber ganz normal, beruhigt von Bülow. „Man arbeitet schließlich an einem Problem, das noch keiner behandelt hat – oder an dem sich andere vorher schon die Zähne ausgebissen haben.“ Finanzielle Gründe sollten also nicht die Hauptmotivation sein. Zwar verdienen Juristen mit Doktortitel laut Studien jährlich rund 33.000 Euro mehr. Der Gehaltssprung für zum Beispiel Geisteswissenschaftler ist aber mit 5.500 Euro pro Jahr vergleichsweise gering.

Wer sich für eine Promotion entschieden hat, hat die Wahl zwischen einer Individualpromotion und der Teilnahme an einem strukturierten Promotionsprogramm. Denn es muss nicht immer das frühere Studienfach sein – oftmals ergeben sich spannende Fragestellungen an Schnittpunkten mit andere Disziplinen: „Warum nicht als Politologe bei einem Interesse für Gesundheitspolitik den Kontakt zur Medizinischen Fakultät suchen?“, sagt von Bülow. Für die Diskussion, wie das Thema angelegt werden könnte, ob ein Auslandsaufenthalt eine gute Idee wäre und vieles mehr, ist der Dialog mit den Betreuern ein wichtiges Element. „Daher sollte man unbedingt darauf achten, dass hier die Chemie stimmt, und sich wechselseitig offen über die jeweiligen Erwartungen austauschen.“

Eine Alternative zur Individualpromotion sind die Promotionsprogramme. Das sind Graduiertenkollegs, die von Hochschullehrern mehrerer angrenzender Fachbereiche gemeinsam getragen werden und in der Regel Vernetzungsangebote und ein begleitendes Curriculum mit fachlichen und überfachlichen Veranstaltungen anbieten. Wer sich schon als Studierender oft allein gefühlt hat, sollte sich für diese Variante entscheiden. Es beugt gerade auch bei internationalen Promovierenden Heimweh vor. Die Auswahl ist so vielfältig wie die Fächerauswahl an der LMU. „Manche Promotionsprogramme sind klein und eher ideell, andere groß und finanziell gut ausgestattet“, verdeutlicht von Bülow. Das GraduateCenter berät Antragsteller bei der Konzeption und Beantragung von Promotionsprogrammen bei Drittmittelgebern wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Grundlagenforschung und den wissenschaftlichen Nachwuchs fördert.

Wer es bis hierher geschafft hat, steht vor dem nächsten Problem: Wie finanziere ich meine Promotion? Zwar zahlen auch Doktoranden keine Studiengebühren, aber schließlich muss im teuren München Geld für den Lebensunterhalt her. Wirtschaftstheoretiker Schwardmann hatte das Glück, sich über ein Promotionsstipendium finanzieren zu können. Politologin Séville hatte zusätzlich noch eine Lehrstuhlstelle, um über die Runden zu kommen. Andere Doktoranden verdienen sich ihren Lebensunterhalt bei außeruniversitären Forschungseinrichtungen oder finanzieren sich über eine fachfremde Beschäftigung außerhalb der Universität. Des Weiteren versucht das GraduateCenter immer, drittmittelgeförderte Programme an Land zu ziehen. Dabei geht es nicht etwa um Auftragsforschung, sondern um Gelder von Einrichtungen wie der DFG oder dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Teilnehmer von Promotionsprogrammen erhalten oft eine Finanzierung durch das jeweilige Programm – wenn die entsprechenden Mittel vorhanden sind.

Auch die Europäische Union fördert Netzwerke zur Doktorandenausbildung. Im Rahmen des Programms „Horizont 2020“ werden sogenannte Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen (MSCA) angeboten. Sie richten sich an „Early-stage researchers“, also Doktoranden ohne Promotion und weniger als vier Jahre Forschungserfahrung nach der Graduierung. Laut den MSCA-Leitlinien sollen den Forschenden durch eine exzellente Erstausbildung neue Fähigkeiten vermittelt werden. Eine Bewerbung für individuelle Promotionsprojekte ist zwar nicht möglich. Promovierende können sich aber auf Stellen bei MSC-geförderten Einrichtungen bewerben. An der LMU ist das zum Beispiel Immutrain. Die EU fördert das Projekt am Klinikum noch bis 2019 mit insgesamt 3,6 Millionen Euro. Dadurch können 15 PhD-Studierende zu Spezialisten auf dem Gebiet der Krebsimmuntherapie ausgebildet werden. Krebs ist in Europa nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Ursache für einen vorzeitigen Tod. Zentrales Ziel des Projekts ist es daher, körpereigene Abwehrmechanismen gegen Tumoren nutzbar zu machen – mit Erfolg. 2013 konnte mit ersten klinischen Studien bereits ein Durchbruch erzielt werden. Während ihrer Ausbildung sollen die Doktoranden an verschiedenen Immutrain-Standorten das komplexe Zusammenspiel von Tumorzellen, Immunzellen und Signalwegen jetzt weiter erforschen.

Was sagt ein Medizinstudent, dem man drei Telefonbücher hinlegt? „Bis wann?“ So wie in diesem Witz ergeht es auch den Doktoranden: Für viele Forschungsarbeiten ist ein Berg von Literatur zu bearbeiten. Die Veranstaltungen des GraduateCenters helfen hier bei Quellenrecherche, Literaturverwaltung und den richtigen Lesestrategien, aber auch zu Urheber- und Bildrechten werden spezielle Kenntnisse vermittelt. In den Veranstaltungen wird immer wieder das Thema „Gute wissenschaftliche Praxis“ thematisiert, um die Teilnehmer für den richtigen Umgang mit Quellen und Daten zu sensibilisieren (siehe auch MUM-Ausgabe 4/2017). „Das ist oftmals ein Prozess des Abwägens“, erläutert von Bülow. Daher sei es für alle Pflicht, die korrekten Rahmenbedingungen zu kennen. Eine besondere Initiative ist in diesem Zusammenhang die Veranstaltung „Responsible Research“, die das GraduateCenter gemeinsam mit den Promotionsprogrammen in den Lebenswissenschaften entwi-ckelt hat und die 2017 bereits zum zweiten Mal durchgeführt wurde. Dabei halten Experten von über 15 Münchener Promotionsprogrammen sowie eingeladene Referenten Fachvorträge und informieren in Intensivworkshops zu Themen wie Plagiat, Open Science und Ombudswesen – das ist in dieser Form und mit über 300 Teilnehmern bundesweit einmalig.

Ist die Dissertation fertig, müssen sie die Doktoranden kostenpflichtig bei einem Verlag abgeben. Oder etwa nicht? Je nach Promotionsordnung ist es auch möglich, die Arbeit in elektronischer Form zu veröffentlichen – Stichwort „Open Access“. Die Universitätsbibliothek betreibt zum Beispiel vier Server, sogenannte Repositorien, um das elektronische Publizieren von wissenschaftlichen Veröffentlichungen kostenlos zu ermöglichen. Jeder sollte sich also gut überlegen, ob ein gedrucktes Buch in einem Verlag oder der Abruf der Arbeit von überall auf der Welt von Vorteil ist. Generell gibt es derzeit eine große Dynamik im Bereich Publizieren. „Blogs, Twitter und Co. dringen auch in die Universitäten“, bestätigt von Bülow – Beratung hierzu gibt es in Veranstaltungen, die gemeinsam mit der Universitätsbibliothek oder auch der Bayerischen Staatsbibliothek organisiert werden. Nach der Abgabe der Doktorarbeit folgt die rund 40-minütige Disputation, die Verteidigung der Dissertation in Form einer Präsentation und Fragerunde.

Zusammenfassend wird Doktoranden während ihrer Promotion also einiges abverlangt. Umso wichtiger ist es, auch mal loszulassen. „Ich musste lernen, die Promotion nicht zu ernst zu nehmen und das Leben außerhalb der Uni nicht zu vernachlässigen“, erinnert sich Wirtschaftstheoretiker Schwardmann. Tatsächlich stärken regelmäßiges Abschalten und eine gesunde Distanz die Resilienz. Promovenden sollen schon ausgeflippt sein, weil ihre Socken nach dem Waschen nicht mehr zusammengepasst haben. Im Falle des Sockenproblems: Nur noch schwarze Socken kaufen! Ansonsten hilft das GraduateCenter, persönliche Stressoren zu finden und abzuschalten. Im zweiten oder dritten Jahr folgt trotzdem der sogenannte Midterm-Blues. „Dann ist die Luft raus“, erklärt von Bülow. Promovierende fühlten sich, als würden sie vor dem Himalaya-Gebirge stehen. In solchen Fällen rät sie, alles auf kleinstmögliche Einheiten runterzubrechen und sich einen festen Zeitplan zu machen. Denn Zeitmanagement ist Selbstmanagement. Prokrastination und Perfektionismus gehen oft Hand in Hand. Die Promovenden haben Angst, sich mit ihrer bisherigen Leistung vor dem Betreuer zu blamieren oder ihn zu enttäuschen. Die Folge: Die Arbeit gerät ins Stocken.

Von Bülow empfiehlt Promovierenden, sich immer wieder an die eigene Selbstwirksamkeit zu erinnern: „Ja, ich kann.“ Und sie sollen sich daran erinnern, wie sie beim letzten Mal ein solches Problem gelöst haben – zum Beispiel bei der Masterarbeit. „Teilweise können auch schon ganz banale Dinge helfen, wieder Freude an der Arbeit zu haben“, erklärt sie. Politologin Séville haben zum Beispiel immer die Pausen in den Cafés der Maxvorstadt wieder motiviert. Kurz vor der Abgabe war sie dennoch frustriert. „Ich musste ein ganzes Kapitel umstrukturieren und dabei rund 80 Seiten, die ich mühevoll verfasst hatte, rausstreichen“, erinnert sie sich. Doch der Schmerz wurde belohnt: Ihre Dissertation Sachzwang und Alternativlosigkeit. Eine politische Anamnese wurde beim Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung wegen ihrer herausragenden gesellschaftlichen Bedeutung auf den ersten Platz gewählt. Seit März dieses Jahres ist sie wie Wirtschaftstheoretiker Schwardmann Mitglied des Jungen Kollegs der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, einem Forum für hervorragende Wissenschaftler aus Bayern unter 34 Jahren. Und was Séville während ihrer Doktorarbeit noch nicht geahnt hat: Aus den gestrichenen 80 Seiten konnte sie inzwischen viele weitere Publikationen basteln. „Die Arbeit“, frohlockt Séville, „hat sich also dennoch gelohnt!“

 

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