Ludwig-Maximilians-Universität München
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Vorlesungsreihe im Wintersemester

„Es gibt nicht 'den' Islam“

München, 10.10.2016

Der Islam sieht sich hierzulande oft Vorurteilen gegenüber, wobei es vielen an Kenntnissen über diese Religion fehlt. Der Islamwissenschaftler Professor Andreas Kaplony von der LMU hat im Rahmen einer Vorlesungsreihe im Wintersemester Expertinnen und Experten eingeladen, die mit ihren Vorträgen die größten Fehleinschätzungen und Irrtümer über den Islam thematisieren.

Foto: VanderWolf-Images / Fotolia.com

MUM: Häufig ist von dem Islam die Rede. Lässt sich das überhaupt so sagen?
Kaplony:
Es gibt nicht „den“ Islam im Sinne einer homogenen Religion. Im Gegenteil haben wir es mit einer sehr komplexen Struktur zu tun. Es gibt die Hauptgruppen der Sunniten und Schiiten, die sich durch ihr jeweiliges Glaubensbekenntnis unterscheiden und dadurch, wie sie auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen reagieren können. Da zeigen sich die Schiiten sehr viel flexibler, was unter anderem zur Folge hat, dass sie bei aktuellen Entwicklungen schneller Anpassungen durchführen können. Ein gutes Beispiel dafür, das in den westlichen Ländern für Erstaunen sorgt, ist das Thema Drogen. Hier verfolgt der schiitische Iran eine relative liberale Politik, die sich innerhalb von zehn Jahren von strikt konservativ bis liberal gewandelt hat.

MUM: Warum können die Schiiten flexibler reagieren?
Kaplony:
Das liegt in der Tradition: Im Glauben der Schiiten im Iran gibt es zwölf Imame, von denen der zwölfte nicht gestorben ist, sondern in Verborgenheit lebt. Die Schiiten glauben, dass er einst wiederkommt, das Werk des Propheten vollendet und das letztgültige Urteil trifft. Die iranische Geistlichkeit fällt deswegen ihre Entscheidungen in Vertretung für diesen Imam, die natürlich immer nur vorläufig, aber an den aktuellen Gegebenheiten ausgerichtet sind. Die traditionellen Sunniten hingegen orientieren sich viel stärker an Überlieferungen und sind bei aktuellen Herausforderungen auch weniger flexibel.

MUM: Warum wird häufig eine Unvereinbarkeit der drei monotheistischen Religionen Islam, Juden- und Christentum postuliert?
Kaplony: Der Fehler, der meines Erachtens häufig gemacht wird, ist, den historischen Kontext auszublenden, vor dem die Religionen und ihre zentralen Werke entstanden sind. So haben das Judentum (im Tanakh) und das Christentum (im Alten Testament) die gleiche Schrift – dazu kommt bei den Christen das Neue Testament. Der Koran ist aber nochmal mehr als 500 Jahre nach dem Neuen Testament entstanden. Er gehört zu einer Gruppe von Schriften, die heute fast vergessen ist und zwar zu den christlichen und jüdischen Apokryphen – Schriften, die nicht Eingang in den biblischen Kanon gefunden haben. In den Bereich dieser Apokryphen und ihrer späteren Auslegung gehört der Koran. Er grenzt sich ab von Auslegungen der Bibel und ist einer anderen Zeit und einem anderen Weltbild zuzuordnen. Der Vergleich mit der Bibel, wie er gern gezogen wird, ist daher methodisch falsch. Man muss ihn mit den jüdischen und christlichen Apokryphen, auf die er sich bezieht, vergleichen und die Religionen historisch in den richtigen Kontext setzen.

Weiter mit Seite 2: Wie erleben Sie als Islamwissenschaftler die Wahrnehmung des Islam in der Öffentlichkeit?

 

Das Interview ist aus der neuen MUM, die Ende Oktober erscheint. Darin geht es unter anderem um die "Helfer im Hintergrund" - Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bauen, reparieren und die LMU instandhalten. Zudem geht es um einen studentischen Fotowettbewerb oder Studentinnen an der LMU während des NS-Regimes.

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