Ludwig-Maximilians-Universität München
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Interview zum Speerträger

„Unglaublich prominent“

München, 14.08.2015

Rolf Michael Schneider, Professor für Klassische Archäologie an der LMU, hatte den Verleih des Speerträgers eingefädelt. Er war bei der Eröffnungsfeier der Ausstellung „Defining Beauty“ im British Museum - und will nun ein Buch schreiben über den Speerträger.

Foto: British Museum

Wie haben Sie den Speerträger im British Museum erlebt?
Professor Rolf Michael Schneider: Als ich ihn gleich in der Mitte des ersten Raumes gesehen habe, war es, als hätte ich ein Glas Champagner getrunken. Diese Position ist unglaublich prominent! Das ist eine große Auszeichnung und markiert die besondere Relevanz dieser Statue für das Ausstellungsthema. Unser Blick darauf, was wir unter der Schönheit verlorener griechischer Skulpturen verstehen, nimmt notwendigerweise den Umweg über römische Kopien. Und unsere Bronzerekonstruktion eines verlorenen griechischen Originals ist ein Musterbeispiel dafür.

Wie fanden Sie den Ausstellungsentwurf?
Die Darstellung des schwierigen Themas antiker Schönheit ist sehr gelungen.

Die direkten Nachbarn des Doryphoros sind ein Flussgott und ein Diskuswerfer.
Der Flussgott ist ein griechisches Original des Parthenon in Athen: Viel höher kann man im 5. Jahrhundert vor Christus nicht greifen. Dann eine römische Kopie des berühmten Diskuswerfers des Myron mit bewusst falsch ergänztem Kopf aus dem 18. Jahrhundert. Und daneben, als einzige Bronze, unser Speerträger von 1921, der aus drei römischen Marmorkopien rekonstruiert wurde. Die drei ausgestellten Statuen zeigen grundsätzliche Möglichkeiten, wie wir uns über römische Kopien an griechische Originale aus Bronze heranzutasten versuchen, ohne sie je wiedergewinnen zu können. Unser Speerträger hat die wissenschaftliche Diskussion darüber nachhaltig befruchtet.

Inwiefern?
Das mit dem Doryphoros verfolgte Ziel − die seit der Antike hochgelobte, später wahrscheinlich eingeschmolzene Bronzestatue des Polyklet (um 440 v.Chr.) möglichst genau wiederzugewinnen − kann nicht erreicht werden, wohl aber eine konstruktive Debatte über das Problem: Wie kommen wir an die verlorenen griechischen Originale heran und deren eigene Schönheit? Darauf gibt es jedoch keine verbindliche Antwort.

Sie wollen nun ein Buch über den Doryphoros schreiben.
Über unseren Speerträger und seinen älteren „Zwilling“ von 1912 aus Warschau, der gerade auf der Ausstellung „Serial Classic“ in Mailand zum ersten Mal aus dem Dornröschenschlaf geweckt wurde. Wann gibt es das schon, dass zwei Bronze-Rekonstruktionen, die aus derselben – Münchner – Form stammen, gleichzeitig in so großen internationalen Ausstellungen wie in London und Mailand gezeigt werden? Die Geschichte der beiden Figuren ist für unser Fach hermeneutisch bezeichnend − und stimmt nachdenklich. Das politische Denkmal − unser Doryphoros, der ursprünglich als Erinnerungsmal für die gefallenen Mitglieder der LMU im Ersten Weltkrieg aufgestellt war (1921-1944) − hat einen Siegeszug in der Wissenschaft erlebt, während sein älterer wissenschaftlicher „Bruder“ bis zum Jahr 2015 buchstäblich vergessen war!

Wie wird die Londonreise das Image des Speerträgers verändern?
Unsere Bronze, die vielen als zerstört galt, dürfte international seine Wahrnehmung und die Diskussion um die Rekonstruktion verlorener griechischer Originale neu beflügeln. Einmal im British Museum − das macht den Unterschied!

 

 

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