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MünchnerUni Magazin

Ein Leben durchs Display

München, 07.11.2016

Posten, sharen, liken: Die Generation Smartphone will Glück konservieren – und hat dabei verlernt, es direkt zu erleben, meint LMU-Professorin Sarah Diefenbach. Gemeinsam mit Dr. Daniel Ullrich widmet sie sich der Frage, wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern. Davon war selbst Markus Lanz in seiner Sendung beeindruckt. Denn die zwei Mitdreißiger kritisieren nicht den Fortschritt, sondern zeigen unsere skurrilen Gewohnheiten auf, um dadurch zur Reflexion anzuregen.

Sinnbildlich für ein Leben durchs Display? Die Filmpremiere eines Hollywood-Blockbusters (Foto: John Blanding/The Boston Globe via Getty Images)

Ein romantischer Palmenstrand. Klick. Die sanften Wogen des Meeres. Klick. Und eine verglühende Sonne, die am Horizont verschwindet. Klick, klick, klick. Viele Menschen zerstören perfekte Glücksmomente, weil sie stattdessen damit beschäftigt sind, mit dem Smartphone das perfekte Foto zu schießen – um es anschließend in den sozialen Netzwerken zu posten. Das Ziel: „Möglichst viele Likes und damit Selbstbestätigung“, erklärt die LMU-Wirtschaftspsychologin Professor Sarah Diefenbach. Sie glaubt: „Beim Versuch, das Glück zu tracken, zu posten und zu teilen verlernen wir, es direkt zu erleben.“ Um den Grund dafür zu verstehen, machte sich die heute erst 34-Jährige daran, die dahinterstehenden psychologischen Mechanismen in Zusammenhang zu bringen.

Auf die Problematik aufmerksam wurden Diefenbach und Dr. Daniel Ullrich, der an der LMU im Bereich Medieninformatik forscht, unter anderem während der Urlaubszeit. Auf Teneriffa beispielsweise wollten sie mit einer Reisegruppe den sternenbehangenen Nachthimmel anschauen – bis einige mit der Kamera in ihren beleuchteten iPads draufhielten und das Erlebnis für alle zerstörten. Nachdem bei einer Schifffahrt rund um La Gomera die Passagiere die plötzlich aus dem Wasser springenden Delphine zu Fotozwecken nur noch durch das Display ihres Handys betrachtet haben, reichte es den Beiden. Gemeinsam schrieben sie daher das Buch Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern. Auf 240 Seiten beschäftigen sich Diefenbach und Ullrich mit dem Seelenleben der Generation Smartphone. Zum Beispiel beim Frühstück: Wenn früher ein Familienmitglied beim Kaffee immer wieder aufgestanden, zur Wohnungstür gegangen und den Briefkasten gecheckt hätte, wäre er wohl für verrückt erklärt worden, erzählt die Wirtschaftspsychologin und lacht. „Findet so ein groteskes Verhalten aber im Kontext neuer Medien statt, finden es plötzlich alle ganz normal.“ Natürlich sei der Vater früher klassischerweise am Frühstückstisch auch hinter der Zeitung verschwunden – was nicht weniger unhöflich gewesen sei. „Damals war dann allerdings klar, dass die Person nicht mehr anwesend ist“, unterstreicht sie. Bei den neuen Medien hingegen schiele man dauernd aufs Handy, ohne dass man es selber merke.

Soziale Netzwerke sind wie Glückspielautomaten
Diefenbach vergleicht die sozialen Netzwerke mit Glückspielautomaten: Man ärgere sich meist über die vergeudete Zeit, aber unregelmäßige Belohnung – bei Facebook in Form von Likes oder hin und wieder auch tatsächlich interessanten Nachrichten von Freunden – brächten einen dazu, kurze Zeit später doch wieder vor dem Bildschirm zu sitzen. Aus Lerntheorien ist bekannt, dass gerade unregelmäßige Verstärkung, besonders effektiv ist. Fatal ist auch, dass die Anerkennung immer größer werden muss, um das gleiche positive Gefühl zu erzeugen. „Menschen posten Dinge, weil sie eine positive Resonanz haben wollen“, erklärt sie. „Und irgendwann sind zwei Likes eben nicht mehr genug.“ Überhaupt werde heutzutage vieles erst bedeutsam, wenn es in sozialen Netzwerken mit Freunden geteilt wurde – direkte Gesprächspartner würden hingegen vernachlässigt. Gleichzeitig fragten sich die Betrachter der Posts, wieso das eigene Leben so viel langweiliger scheint – was natürlich ein Trugschluss ist, da sie nur die „Schokoladenseiten“ zu Gesicht bekommen.

Der Schluss, dass Menschen mit vielen gesammelten Likes ein glücklicheres Leben führen, täuscht. Es ist wohl eher so, dass vor allem Menschen, die sich besonders nach Bestätigung sehnen, vermeintlich glückliche Momente posten. „Die, die es besonders nötig haben, nutzen den Kanal dafür“, erklärt Diefenbach. Studien zeigten aber, dass dies auf Dauer nicht funktioniere. Zudem seien Menschen mit geringerem Selbstwertgefühl meist nicht so geschickt in der Selbstvermarktung – ein Teufelskreis. Einige Nutzer verändern laut der Buchautoren sogar ihre Gewohnheiten, weil beispielsweise manche Fotos bei den Mitgliedern von Instagram besser ankommen als andere. „Man kann sich nicht ganz davon frei machen“, erläutert die 34-Jährige. Sie befürchtet, dass sich zukünftig auch immer weniger Menschen trauen, online ihre Meinung zu sagen. Grund: „Jeder hat das Gefühl, alles kommentieren zu müssen.“ Dadurch werde der Ton rauer und die Gefahr von Shitstorms größer.

Gestreichelt wird das Display, nicht der Partner
Laut Diefenbach hat die „digitale Depression“ ebenso Auswirkungen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Küsschen zum Einschlafen sei in Gefahr: „Viele Studien zeigen, dass für viele Menschen das Smartphone das letzte ist, mit dem sie interagieren“, weiß die Wirtschaftspsychologin. In Südkorea ist die Situation sogar noch  schlimmer: Dort sei weltweit der größte Anteil von Handy- und Internetsüchtigen. So kommt es vor, dass dem Fotografieren des Essens mehr Zeit gewidmet wird als dem Partner. Gut, auch früher schon gab es Paare, die sich beim Essen anschwiegen. Heute allerdings ist der Griff zum Smartphone für viele einfach so naheliegend, dass gar nicht erst die Chance auf ein tiefgründiges Gespräch entsteht. In Asien gibt es daher bereits Apps, die einen dazu bringen sollen, sich wieder direkt mit seinen Freunden zu unterhalten. Smartphone-Verweigerer sind dennoch nicht per se die glücklicheren Menschen. Und natürlich können soziale Netzwerke auch Verbindungen zu alten und neuen Freunden stärken.

Ullrichs und Diefenbachs Buch soll daher kein Plädoyer gegen neue Medien sein. „Wir wollen unterhaltsam und nicht belehrend zur Reflexion anzuregen“, erläutern sie. Die Beiden sprechen von einer „Einladung“, zu überlegen, ob einem das eigene Handeln gut tue oder eben nicht. „Wer bei jeder freien Minute das Handy rausholt, der verpasst die Natur oder untergräbt beim Arbeiten seine Fähigkeiten“, resümieren die Zwei. Ist also selbst wenn der Gesprächspartner im Restaurant auf Toilette muss der schnelle Blick aufs Handy verboten? „Nein“, meint Diefenbach und grinst. „In dem Fall kann man ruhig mal kurz gucken, ohne den Gesprächspartner zu verletzen.“ David Lohmann

diefenbach_130Professor Sarah Diefenbach beschäftigt sich mit der Erforschung des Konsumentenerlebens und der Gestaltung interaktiver Produkte unter psychologischen Gesichtspunkten. Dr. Daniel Ulrich wurde an der LMU promoviert und forscht im Bereich Medieninformatik der LMU.


 

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