Ludwig-Maximilians-Universität München
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Barrierefreiheit an der LMU

„Kämpfen um jedes gesprochene Wort“

München, 16.11.2015

Vielen Behinderten sieht man ihr Handicap direkt an – etwa durch Blindenbinde, Rollstuhl... Bei Lara ist das anders. Sie muss sich in jeder neuen Vorlesung „outen“.

Lara hat auf beiden Ohren eine hochgradige Schwerhörigkeit. Wie ihr fast tauber Unialltag aussieht…

Eine gewisse Unsicherheit ist da – funktioniert ein Gespräch so ohne weiteres? Kaum an die Tür der Behindertenberatung geklopft, öffnet Lara die Tür. Die Studentin macht gerade ihren Master in Prävention, Inklusion und Rehabilitation bei Hörschädigung und arbeitet als Hilfskraft in der Behindertenberatung der LMU. Und sie ist fast gehörlos. Ohne Hilfsmittel ist Laras Welt still. Sie lacht und bittet herein. Dass sie ohne Hilfsmittel kaum hören kann, merkt man ihrer Stimme nicht an. Ärzte seien darüber auch immer wieder erstaunt, wenn sie ihre Hörkurven sehen. Das erzählt sie aber erst ganz am Ende des Gesprächs. Beiläufig.

Barrieren in den Köpfen
Im Alltag und persönlichen Kontakt kommt Lara mit Lippenlesen und ihren Hörgeräten weiter. „Auch wenn ich manchmal in Fettnäpfchen trete, weil ich was falsch verstehe. Oder ich mache – wenn ich was nicht mitbekommen habe – den gleichen Witz wie jemand anderer innerhalb von einer Minute“, schmunzelt die 25-Jährige. In Vorlesungen und Seminaren ist Lara auf Hilfsmittel angewiesen. Auch wenn manche Hörsäle mittlerweile mit Infrarot-Hörsystemen ausgestattet sind, muss Lara dann meist auf eine mobile Funkhöranlage zurückgreifen. „Man will als Hörgeschädigter sowieso immer alles mitbekommen.“ Das liegt nicht nur daran, dass sie so neugierig ist und interessiert an dem Themen ihres Studiums. Gerade für Menschen mit Hörbehinderung ist das Leben geprägt von einem „Kampf um jedes gesprochene Wort“, erzählt sie. Zuhören ist für Lara sehr anstrengend und es kostet sie mehr Konzentration als andere. „Ich bin schneller müde, schneller angestrengt und muss mich deshalb mehr ausruhen.“ Für Ruhepausen „stöpselt“ sie sich ab. Dann ist es still.

Trotz Technik stößt Lara manchmal auf Barrieren – dann jedoch meist auf Barrieren in den Köpfen. Es kam zum Beispiel schon vor, dass sich ein Dozent geweigert hat, die mobile Hörfunkanlage zu tragen. Sie holt eine Anlage aus dem Schrank: Nicht größer als ein MP3-Player, nur wenige Gramm schwer, mit einer Schlaufe zum Umhängen. Meist jedoch trifft sie auf Verständnis und sogar auf sehr engagierte Lehrende. „In Seminaren habe ich neben der Anlage ein Handmikrofon für Wortmeldungen. Ich habe Dozenten, die sich immer sehr Mühe geben, dass ich alles mitbekommen und selbst mit dem Mikrofon ‚Kilometer machen‘. Darüber freue ich mich sehr.“ „An das Mikrofon gewöhnt man sich schnell. Wenn Lara mal nicht da ist, schaut sich jeder im Seminar erstmal um und sucht das Mikrofon“, sagt Anna, die zusammen mit Lara studiert und in der Behindertenberatung arbeitet.

Zwischen Hörsaal, Ruheraum und Schule
Lara und Anna arbeiten im Ruheraum der Behindertenberatung der LMU. Unter dem Bildschirm des Arbeitsplatzes hängt ein großer Zettel: Statistik nicht vergessen! Lara nimmt jeden Anruf und jede Mail, die eingeht, auf – insgesamt sind es etwa 1.000 Anfragen von behinderten Studenten im Jahr, die in der Beratung eingehen. „Sehr viele davon sind von Studenten mit chronischen und psychischen Erkrankungen. Diese haben wegen der Nicht-Sichtbarkeit ihrer Behinderung besonders mit Barrieren zu kämpfen“, sagt Lara, die sich selbst immer wieder „outen“ muss, weil ihre Behinderung nicht direkt sichtbar ist. Lara macht ihre Tätigkeiten als Hilfskraft in der Behindertenberatung gerne. Sie verleiht dort Hilfen für Studenten wie Hörfunkanlagen, Hilfsmittel für Blinde und anderes. Außerdem unterstützt sie ihre Kommilitonen bei Prüfungen, Mitschriften oder der Einübung von Wegen zu Hörsälen. Eine Hauptaufgabe ist, Studienmaterialien barrierefrei zu machen: zum Beispiel für blinde Studenten, damit diese sich die Inhalte durch ein Sprachausgabeprogramm vorlesen lassen können.

An ihrem Studium – dem Master in Prävention, Inklusion und Rehabilitation und ergänzend dazu Grundschuldidaktik – gefällt Lara die Praxisorientierung. Vom ersten Semester an arbeitete sie immer wieder an Schulen, entweder im Block oder studienbegleitend. Es gibt nicht viele Hörgeschädigte, die als Lehrer für hörgeschädigte Kinder arbeiten. Es ist es auch mehr ihre kontaktfreudige und kommunikative Art als ihre Hörbehinderung, die sie als Grundschullehrerin für gehörlose Kinder prädestiniert. „Das Schulsystem macht es Hörgeschädigten nicht leicht, man muss da einiges an Kämpfergeist mitbringen.“ Oft fehle gehörlosen Kindern an Selbstbewusstsein. Deshalb schlüpft sie gerne mal in die Vorbildrolle für die jungen Schüler, „Die meisten Kinder finden es immer total cool, dass ich auch Hörgeräte habe. Und dass ich studiere.“

mum_130Eine Hochschule für alle

Die Titelgeschichte "Eine Hochschule für alle" des neuen MünchnerUni Magazins setzt sich mit Barrierefreiheit an der LMU auseinander. Weitere Themen in der neuen MUM:

  • Praxisbüro für Sprachwissenschaftler: Eintrittskarte in Berufsleben
  • Dr. Max Hadersbeck: Computerlinguist und Jodler
  • Care-for-Rare-Foundation: Erforschung seltener Krankheiten

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