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EINSICHTEN. Das Forschungsmagazin

„Social Media steigern den Leistungsdruck“

München, 22.08.2016

Facebook, Xing und andere Plattformen stellen neue Anforderungen an die Beschäftigten: Sie mobilisieren eine neue Dynamik der Selbstorganisation, verstärken aber auch die Tendenz zur Selbstausbeutung. Und sie machen es erforderlich, sich digital zu präsentieren, sagt die Soziologin Tanja Carstensen.

Foto: Di-Studio / Fotolia.com

Sie haben Beschäftigte und Betriebsräte in Unternehmen interviewt, die soziale Medien bereits in größerem Umfang einsetzen. Welche Rolle spielen denn soziale Medien schon in beruflichen Zusammenhängen?
Tanja Carstensen
: Auch wenn die Digitalisierung längst noch nicht alle Berufe erreicht hat, werden soziale Online-Netzwerke für viele Beschäftigte immer wichtiger, um beruflich erfolgreich zu sein, teilweise werden darüber bereits Jobs vermittelt. Neben Xing und LinkedIn sind inzwischen branchenspezifische Angebote entstanden. Auch Unternehmen verwenden diese Technologien und binden die Mitarbeitenden ein – entweder aus Marketinggründen oder für firmeninterne Zwecke. Sie hoffen, dass sich das Engagement, mit dem soziale Medien wie Facebook und Blogs privat genutzt werden, auch auf den Job übertragen lässt und sich die Beschäftigten darüber genauso engagiert für die Arbeit einbringen.

Was bedeutet das für den Joballtag?
Soziale Netzwerke, Wikis und Google Docs sind die passende technologische Unterstützung für vernetztes, selbstorganisiertes und eigenverantwortliches Arbeiten. Damit dynamisieren sie den Wandel der Arbeitswelt, der seit vielen Jahren zu beobachten ist. Beschäftigte arbeiten immer selbstbestimmter. Sie müssen ihre Arbeitskraft so behandeln, als wären sie ein eigenes kleines Unternehmen, auch wenn sie festangestellt sind. Damit gehen neue Freiräume einher, gleichzeitig aber auch eine Tendenz zur Selbstausbeutung. Durch das Arbeiten in Projekten müssen Beschäftigte heute selbst steuern, wie sie ihr Ziel erreichen und ihr Arbeitspensum schaffen. Dadurch entsteht ein hoher Leistungsdruck, der sich durch die sozialen Medien noch steigert. Außerdem werden die Beschäftigten dazu aktiviert, sich mit all ihrer Leidenschaft, Kreativität und Motivation einzubringen und als ganze Persönlichkeit sichtbar zu sein.

Es reicht also nicht mehr, gut zu arbeiten, man muss das online anderen zeigen?
Ja, früher mussten Beschäftigte vielleicht nur in der Besprechung oder auf dem Flur überzeugen, jetzt müssen sie sich auch in der digitalen Öffentlichkeit präsentieren. Plattformen wie Xing, Twitter und Blogs tragen an uns heran: „Äußere Dich! Zeig, was du machst und weißt!“

Wie gehen die Beschäftigten damit um?
Manche machen das gern und freuen sich über Austausch und die Möglichkeit, sich zu profilieren – Anerkennung zu bekommen, ist ja ein sehr positiver Effekt der Web-2.0-Technologien. Andere überlegen sich sehr gut, was sie veröffentlichen, auch mit dem Hintergedanken, dass das in ein paar Jahren womöglich immer noch online steht und sie dafür verantwortlich gemacht werden können. Durch diesen unterschiedlichen Umgang entstehen digitale Spaltungen in den Firmen.

Erfordert das die Kompetenz, zu wissen, wie man sich in der digitalen Öffentlichkeit darstellt?
Es kommt eher auf die Fähigkeit an, zu entscheiden, wie ich mit der Öffentlichkeit umgehe und was in welche Öffentlichkeit gehört. Die meisten haben inzwischen das Bild der googelnden Führungskraft vor Augen. Bevor sie etwas ins Netz schreiben, haben sie die Schere im Kopf: Was gehört ins Private und was ist beruflich, was schreibe ich lieber per Mail oder WhatsApp und was geht viele an?

Verschieben die neuen Medien das Verhältnis von Beruf- und Privatleben?
Auf jeden Fall verschärfen sie noch einmal die Entgrenzung zwischen Beruflichem und Privatem. Da ist Facebook zentral, weil es beruflich und privat genutzt wird. Und weil es auch von Arbeitgeberseite teilweise die Aufforderung gibt, sich als Privatperson auf der Facebookseite der Firma positiv einzubringen, beispielsweise etwas Nettes über ein Produkt zu schreiben. Aus Unternehmenssicht ist das eine gute Marketingstrategie, um ein authentischeres Image zu haben. Manche identifizieren sich sehr stark mit ihrem Arbeitgeber und machen das gern. Viele empfinden das aber als Zumutung und grenzen sich ab, richten zum Beispiel unterschiedliche Gruppen bei Facebook ein. So trennen sie berufliche und private Kontakte, um ihre Bekannten von informellen Werbeaufträgen zu verschonen.

Durch mobile Geräte und Apps sind wir fast immer erreichbar. Sind wir immer im Job?
Ein Effekt ist, dass Beschäftigte neue Abgrenzungsstrategien entwickeln. Es wird zunehmend über ein Recht auf Unerreichbarkeit diskutiert. Das haben ja auch einige Firmen bereits implementiert. Auch Präsenzanzeigen in Sozialen Netzwerken, durch die alle sehen, wann und wie lange man da ist, können ausgeschaltet werden, sodass der Stress, ständig erreichbar zu sein, und die Arbeitsunterbrechungen, die sich dadurch ergeben und die sehr unproduktiv sein können, nicht auftreten. Das zeigt, dass die digitalen Technologien durchaus gestaltbar sind und an unsere Bedürfnisse angepasst werden können.

Ändert sich der Job, wenn Firmen ihre eigenen Sozialen Medien einführen?
Die Hoffnungen auf eine offenere transparentere Kultur, in der sich alle locker austauschen, und auf mehr Effizienz, die Unternehmen mit sozialen Netzwerken verbinden, haben sich bislang nicht erfüllt. Das Ziel ist zwar, die E-Mail-Massen abzuschaffen und den Beschäftigten zu ermöglichen, sich auf diesen Plattformen standort-unabhängig, sogar global, auszutauschen. Auch wenn das teilweise gut klappt, ist doch klar, dass man in einer Organisation, die nach bestimmten Hierarchien funktioniert, nicht einfach drauflosschreibt. Das ist schon bei Facebook im Privaten längst nicht so unbeschwert, wie es scheint, aber im Unternehmenskontext ist das noch viel komplizierter. Da überlegen die Beschäftigten viel strategischer: Was bringe ich ein und was behalte ich lieber für mich? Was denken die Führungskräfte und was die Kolleginnen und Kollegen?

Bringt das noch mehr Arbeit mit sich?
Ja, im Moment auf jeden Fall. Es gibt natürlich Bereiche, Start-ups etwa, in denen Soziale Medien zur Firmenkultur passen und Arbeit deutlich erleichtern. Aber gerade in großen Unternehmen arbeiten auch viele, die diese Technologien privat nicht nutzen, und für diese ist es umständlich und führt zu noch mehr Arbeit, weil die neuen Kommunikationsformen noch obendrauf kommen zu allem, was man sowieso schon zu tun hat. Da die Arbeit bereits so verdichtet ist, werden Belastung und Erschöpfung durch den zusätzlichen Aufwand für die neuen Technologien vermutlich noch steigen. Auch die Angst, dass die Daten ausgewertet werden und die Vorgesetzten die Likes zählen, belastet. In einigen Unternehmen hat der Betriebsrat zwar Betriebsvereinbarungen ausgehandelt, in denen die Auswertung der digitalen Spuren, die Mitarbeitende im Unternehmensnetzwerk hinterlassen, ausgeschlossen wird. Aber die Frage ist, inwieweit sich das überhaupt noch einfangen lässt.

Wie wird sich der Umgang mit Sozialen Medien im Jobkontext weiter entwickeln?
Ich gehe davon aus, dass sich die sozialen Medien und vernetztes Arbeiten noch stärker durchsetzen werden. Dazu gehört auch der Wechsel von einer Bring- zur Holschuld. Man bekommt keine E-Mails mehr geschickt, sondern ist selbst dafür verantwortlich, sich zu informieren. Das verschärft noch einmal die Aufforderung zur Selbstorganisation und die Eigenverantwortung. Manchen wird dies entgegenkommen und Spaß machen, andere werden es eher als Druck wahrnehmen. Auch wird es immer weniger darum gehen, dass es ein internes Netzwerk gibt, sondern alle, die an einem Projekt arbeiten, egal, ob festangestellt oder nicht, und von wo aus sie arbeiten, haben darauf Zugriff. Das erleichtert es Unternehmen, Arbeit auch an Crowdworker auszulagern und ihre Unternehmensgrenzen weiter aufzulösen. Und es erhöht den Leistungsdruck, wenn die Festangestellten mit den Externen konkurrieren.

Interview: Nicola Holzapfel

Dr. Tanja Carstensen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Soziologie und Gender Studies der LMU.

  

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Die neue Einsichten-Ausgabe ist ein Heft über Globalisierung und Migration. Wie die Welt zusammenrückt, untersuchen LMU-Forscher aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Der Soziologe Stephan Lessenich und der Volkswirt Uwe Sunde debattieren im LMU-Forschungsmagazin über den Zusammenhang von Weltwirtschaft und Wohlstandsgefälle. Der Volkswirt Gabriel Felbermayr simuliert mit komplexen Modellrechnungen die potenziellen Auswirkungen internationaler Handelsabkommen wie des heiß umkämpften TTIP. Die Mathematikerin Francesca Biagini versucht mithilfe von Modellen, Spekulationsblasen an den internationalen Finanzmärkten zu entdecken. Der Soziologe Armin Nassehi betrachtet das Einwanderungsland Deutschland und die aktuelle Stimmungslage, die zwischen „Willkommenskultur“ und Ressentiment schwankt. Die Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci analysiert, wie Künstler das Thema Migration aufgreifen und der Literaturwissenschaftler Robert Stockhammer reflektiert am Beispiel Afrikas, welche Funktion das Literarische in Prozessen der Globalisierung hat.

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