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Ethnologie

Mittendrin am Rand der Welt

München, 09.03.2016

Pfade, die verbinden: Am Beispiel des asiatischen Hochlands erforscht der Ethnologe Martin Saxer die Rolle der abgelegenen Orte für die globale Entwicklung.

Chinesische Schiffcontainer wie diese sind in ganz Zentralasien zu sehen. Sie werden zu Häusern, Büros und Marktständen umgebaut. Foto: Martin Saxer

Nichts als Steppe um sie herum: Zwei Schiffcontainer, einer rot, einer blau, stehen wie aneinandergeschmiegt auf einer kargen kirgisischen Hochebene. Ein Blick auf die Landkarte bestätigt: Hier gibt es weder Schiff noch Anlegestelle. Wie sind die Container dort hingekommen? „Das ist eine direkte Konsequenz aus dem Handelsungleichgewicht zwischen China und seinen zentralasiatischen Nachbarländern“, sagt Martin Saxer. In den Containern werden vor allem Konsumgüter aus China importiert. Sie bleiben in Kirgisistan wie anderswo, weil es sich nicht lohnt, sie leer zurück zu schiffen. Sie bleiben ebenso wie die grünen Blechkeksdosen, die die Soldaten der chinesischen Armee in den 1960er-Jahren nach Tibet gebracht haben und die heute in den abgelegenen Dörfern des Himalayas als Blumentöpfe dienen.

„Archäologie des Gegenwärtigen“ nennt Saxer diese Überbleibsel wirtschaftlicher und politischer Verflechtungen, und es ist ihre Geschichte, die den Ethnologen interessiert: Sie sind für ihn Sinnbild dafür, wie verbunden das asiatische Hochland mit der Außenwelt ist und es immer schon war. „Es ist ja nicht so, dass die Weltgeschichte nicht vorgedrungen wäre bis ins letzte Hochtal Asiens. Im Gegenteil“, sagt Saxer. Der Europäische Forschungsrat hat an Martin Saxer einen seiner begehrten hochdotierten Starting Grants vergeben, mit dem innovative Projekte von Nachwuchswissenschaftlern unterstützt werden. Mit dem Fördergeld baut der 44-Jährige am Institut für Ethnologie der LMU eine Forschungsgruppe auf, um das Wechselspiel von Abgeschiedenheit und Verbundenheit in der Region und seine geopolitische Bedeutung näher zu erforschen.

„Die Menschen im Hochland Asiens denken und handeln sehr viel kosmopolitischer, als man gemeinhin denkt. Sie haben schon immer keine andere Wahl gehabt, als sich nach außen zu orientieren“, sagt Saxer. Zwei Fotoaufnahmen, die sich erstaunlich ähneln, obwohl 50 Jahre zwischen ihnen liegen, erzählen davon, welche Rolle der Handel für die Bevölkerung spielt. 1957 hat Christoph von Fürer-Haimendorf, einer der ersten Ethnologen, die Nepal bereisten, Kinder in dem abgelegenen Bergdorf Walung fotografiert. Sie sitzen, gut und warm gekleidet, auf einer massiven hölzernen Türschwelle und essen Mandarinen. 2012 hielt Saxer einen verblüffend ähnlichen Moment mit der Kamera fest.

Weltgeschichte von den Peripherien her denken
Saxer betont den Reichtum und die Möglichkeiten, die der Handel den Menschen in Walung und anderen Orten des Himalaya eröffnet. Die Bevölkerung in dieser Bergregion ist zwar größtenteils nicht selbstversorgend, weil Ackerbau und Viehwirtschaft nicht ausreichen, ihren Bedarf zu decken. Sie ist also darauf angewiesen, Nahrungsmittel und andere Güter einzuführen. Doch man würde die Situation dieser Menschen nicht wirklich erfassen, wenn man ihr Händlerdasein allein mit dem Zwang zum Überleben begründete. „Das wäre so, als würde man argumentieren, dass es an der Wall Street nur deswegen so viele Banken gibt, weil in Mannhatten keine Kartoffeln wachsen“, meint Saxer.

Walung liegt im Himalaya auf 3200 Metern Höhe im nordöstlichsten Zipfel Nepals an der Grenze zu Tibet. Es ist nicht gerade der Ort, an dem man als Städter frische Mandarinen vermuten würde, Bewohner, die fünf Sprachen sprechen, oder Kinder, die studieren. „Imperial gaze“, nennt Saxer diesen Blick der Zentren auf die Peripherie, der die Lebenswelt in der Bergregion nicht wirklich erfasst. Tatsächlich liegt Walung, so abgeschieden das Dorf von der Welt auch sein mag, an einem der zugänglichsten Wege durch den Himalaya und damit an einer seit Jahrhunderten wichtigen Handelsroute, die den Bewohnern nicht nur ihr Leben, sondern auch einen gewissen Wohlstand sichert. „In unseren Köpfen steckt eine Geschichte der Zentren und Imperien. Wir haben sehr wenig Ahnung davon, wie denn eine Weltgeschichte von den Peripherien her zu denken wäre“, sagt Saxer, dem es gelingt, mit wenigen Worten diese ferne Wirklichkeit in sein Büro am Englischen Garten zu holen und dem Zuhörer eine neuen Blick auf die Welt zu öffnen.

Martin Saxer forscht seit mehr als zwölf Jahren über das Hochland Asiens, würde er all seine Reisen vor Ort aneinanderhängen, käme er auf mindestens drei Jahre, die er in Russland, Tibet, Indien, Nepal und Zentralasien unterwegs war. 2013 kam er mit einem Marie-Curie-Stipendium, das von der EU vergeben wird, an die LMU. In den vergangenen zwei Jahren hat er im Projekt „Neighbouring China“ untersucht, was der Aufstieg Chinas für die Menschen bedeutet, die entlang der chinesischen Grenze wohnen. Aus seinen Beobachtungen hat er die Fragestellung entwickelt, wie sich Abgeschiedenheit und Verbundenheit gegenseitig bedingen.

Entlang der Pfade
Es scheint genau der richtige Moment zu sein, um mit dem Mythos aufzuräumen, dass regionale Abgeschiedenheit mit Provinzialität und Weltferne gleichzusetzen sei. „Die Menschen im Hochland beginnen, wieder nach China zu schauen und ihre Rolle und Position in der Welt neu zu denken“, sagt Saxer. 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges und mit der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas nehmen nicht nur die Handelsströme auf den alten und neuen Seidenstraßen in der Region zu. Touristen ziehen durch die Hochebene, immer mehr Nichtregierungsorganisationen (NGOs) mit wohltätigem Zweck siedeln sich an, Bergbauunternehmen und Investoren werden aktiv. Würde man ihre Bewegungen mit GPS erfassen, hätte man ein erstaunlich einheitliches Bild: „Sie orientieren sich alle an einem ähnlichen Netz von Pfaden“, sagt Martin Saxer.

Die Bedeutung dieser „Pathways“ ist wichtig für Saxers Forschungsansatz. 2007, damals recherchierte er die Industrialisierung der tibetischen Medizin für seine Doktorarbeit an der Universität Oxford, reiste er zum ersten Mal mit einem Pflanzenhändler von China nach Nepal solche Pfade entlang und sah, wie viel Handel über die alten abgelegenen Grenzübergänge nach China stattfand, obwohl sie damals als geschlossen galten. „Grenzen verschieben sich über die Jahrhunderte hinweg, aber die Wege, die die Menschen gehen, bleiben, weil sie durch die Täler definiert sind“, sagt Saxer. Wie Netze spannen sich die Pfade über die abgelegenen Regionen und machen ihre Bewohner zu Vermittlern zwischen Ländern und Gesellschaften.

Es sind nicht nur Güter, die darüber ausgetauscht werden. Durch Handel, Religion, persönliche Beziehung oder Tourismus entstehen Netzwerke, die sich gegenseitig überlagern. Manch gut gemeinte Entwicklungsarbeit internationaler Hilfsorganisationen in der Region scheitert daran, dass diese Beziehungen außer Acht gelassen werden. Als die WHO etwa in den 1970er-Jahren den Jodmangel der Bevölkerung bekämpfte und industriell mit Jod angereichertes Salz aus Indien importiere, zerstörte sie den lokalen Salzhandel und damit die Lebensgrundlage der Orte, die davon lebten. „Mich interessieren diese Reibungsflächen zwischen der Welt der Händler, Mining Companies, NGOs und Touristen. Es ist spannend zu sehen, wie wenig das zusammengedacht wird.“

Eine Dynamik zwischen Zentrum und Peripherie
Im Himalaya liegen diese Pfade im rechten Winkel zu den Grenzen und strukturieren die Grenzgebiete in Handelsorte wie Walung und Dörfer im Hinterland, deren Bewohner sich seit je eher für die wichtigen Handelsrouten interessieren als für den Grenzverlauf oder urbane Zentren im Landesinnern. So entsteht in der Abgeschiedenheit entlang der Pfade eine Dynamik zwischen Zentrum und Peripherie. „Im 20. und 21. Jahrhundert haben die Länder stärker versucht, ihr staatliches Territorium an den Grenzen zu kontrollieren. Das hat ein Bedürfnis geschaffen für einen Austausch, der auch abseits der offiziellen Routen funktioniert. Die Idee der Pfade ist eine Möglichkeit, darüber nachzudenken, wie diese Pathways und die Menschen, die sie nutzen, miteinander in Verbindung stehen“, sagt Saxer. Als die Grenze zu Tibet ab den 1960er-Jahren geschlossen war, florierte beispielsweise der Handel mit tibetischen Antiquitäten. Eine zeitgleiche Omnipräsenz und Abwesenheit von Staat nimmt Saxer in der Region wahr. „Abgeschiedenheit macht es einfacher, sich dem Einfluss eines Staates zu entziehen.“

Ausgehend vom Hochland Asiens will der Ethnologe eine neue Perspektive auf die abgelegenen Gebiete der Welt entwickeln. „Nur wenn man ihre Verbundenheit mit der Welt versteht, kann man die Rolle verstehen, die sie für die Welt haben.“ Das gilt für den Himalaya genauso wie für die afrikanische Wüste. „Ich denke, es ist nicht zufällig, dass es so viele Konfliktregionen in abgeschiedenen Gegenden gibt – das Grenzland von Pakistan und Afghanistan, Teile Nordburmas oder auch Teile der Sahara, die nicht wirklich in staatlicher Hand sind und es vielleicht auch nie waren“, sagt Saxer. „Wenn man den Migrationsstrom und den Drogenhandel durch die Sahara verstehen will, muss man zurückzugehen in die Geschichte regionaler Austauschbeziehungen.“

In den kommenden Jahren wird Martin Saxer mit seinem Team in vier Feldstudien beispielhaft untersuchen, wie diese abgelegenen Orte mit der Welt in Bezug stehen und umgekehrt. Das Team wird unter anderem im Wakhantal an der Grenze zwischen Afghanistan und Tajikistan arbeiten, wo gerade große Hoffnung auf den Handel mit China gesetzt wird, das aber auch für den Opiumschmuggel bekannt ist. Außerdem erkundet es das indische Ladhak, das durch den Kaschmirkonflikt ins Abseits und in die Abhängigkeit von Nichtregierungsorganisationen geraten ist. Und schließlich geht es in das Gebiet des 8000ers Kanchenjungas in Nepal und ins Dreieck Burma-Tibet-China, wo in den vergangenen Jahren neue Straßen gebaut wurden und vor allem mit tropischen Edelhölzern und Wildtieren gehandelt wird.

Findige Jungunternehmer
Die Ethnologen werden mit Händlern unterwegs sein, Kinder und Erwachsene auf ihren Wegen in die Schule oder zur Arbeit begleiten. „Von dieser Ethnografie entlang der Linien verspreche ich mir sehr viel“, sagt Saxer. Zusammen sprechen die Ethnologen acht Sprachen, darunter chinesisch, russisch und tibetisch, und damit doch nicht genug, denn dass Hochland Asiens zeichnet sich nicht nur durch eine enorme Vielfalt an Sprachen aus, auch die Dialekte variieren sehr stark. „Die Menschen sind multilingual unterwegs, man findet kaum jemanden, der nicht drei, vier oder fünf Sprachen spricht. Das zeigt auch die Verflechtung ihrer Geschichten und Leben.“

Martin Saxer hält seine Beobachtungen mit der Kamera fest und veröffentlicht auf seinem Blog The Other Image Fotos, die Einsichten in seine Arbeit geben. Diese visuelle Ethnografie ist ihm wichtig. „Bilder eröffnen die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, die sich mit Texten nicht vermitteln lassen“, sagt Saxer. In der kirgisischen Hochebene, wo Martin Saxer im März letzten Jahres die beiden verlorenen Schiffscontainer fotografiert hatte, steht inzwischen ein Hotel. Zwei findige Jungunternehmer aus der Region haben die Container gekauft und umgebaut. Nun ist es eine Anlaufstation für den wachsenden Strom an Touristen, die mit dem Fahrrad von Europa nach Thailand fahren. Es ist nur ein Beispiel für den Unternehmergeist der Menschen in den Bergregionen Asiens und für die Dynamik, die die Öffnung Chinas in der Region auslöst. „Die lokalen Konfliktlinien laufen oft entlang der Frage, was gut und schlecht an der Globalisierung ist“, sagt Saxer. Es gibt auch die Ängste davor, dass die Moderne den Zusammenhalt und das traditionelle Leben aufbrechen könnte, und Dörfer, die darauf besonnen sind, Widerstandskraft gegen schlechte Einflüsse von außen zu entwickeln.

Zu den negativen Entwicklungen zählt der Raubbau an natürlichen Ressourcen. „Es passiert vieles, das nicht nachhaltig ist“, sagt Saxer. Tropenholz aus Burma wird etwa in einem Ausmaß abgeholzt, das nicht mehr wiedergutzumachen sein wird, und nach China verschifft. Aber nicht nur natürliche Ressourcen gelangen aus dem asiatischen Hochland in die dicht besiedelten Länder und Städte. Saxer interessiert sich generell für diese „Globalisierung von den Rändern her“, wie er es nennt: „Es ist spannend zu sehen, in welcher Hinsicht Materialien, aber auch Themen, die aus diesen abgelegenen Regionen stammen, wirkmächtig werden in der großen Welt.“

Der Erfolg der tibetischen Medizin in den westlichen Ländern ist ein Beispiel dafür. Dabei basiert sie nicht nur, wie von den meisten angenommen wird, auf Hochlandkräutern. Stattdessen spielt der grenzüberschreitende Kräuterhandel traditionell für ihre Herstellung eine wichtige Rolle. „Viele Zutaten wachsen gar nicht im tibetischen Hochland. Sie kommen aus Südasien und tropischen Ländern“, sagt Saxer, der auch einen Dokumentarfilm über die tibetische Medizin in Sibirien gedreht hat. Der Ethnologe glaubt, dass die Sehnsucht nach all den Dingen, die aus der Abgelegenheit kommen, zeigt, wie wichtig die Idee „von dem letzten bisschen Welt, die es noch irgendwo weit abgeschieden gibt, dafür ist, wie wir unser Hier und Jetzt denken“. Auch die Menschen im Hochland Asiens haben eine Vorstellung von einem solchen Zufluchtsort. Sie zeugt zugleich davon, wie zugewandt sie der Welt sind. Martin Saxer hat ihren Blick auf die heile Welt in einem Foto aufgefangen. Es zeigt ein Lokal in Pamir, dessen Wände mit großen Poster behängt sind. Darauf zu sehen sind weiße Strände mit Palmen.
Nicola Holzapfel (Forschungsmagazin Einsichten 2/2015)

 

Dr. Martin Saxer
ist Leiter der Forschungsgruppe „Remoteness and Connectivity: Highland Asia in the World“ am Institut für Ethnologie der LMU. Der Europäische Forschungsrat (ERC) fördert das Projekt mit einem Starting Grant. Saxer, Jahrgang 1971, studierte Ethnologie an der Universität Zürich und promovierte an der Oxford University, Großbritannien. Er war Postdoktorand in Oxford und am Asia Research Institute in Singapur. 2013 wechselte Martin Saxer mit einem Marie-Curie-Stipendium der EU an die LMU.

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