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Sprachwissenschaften

Soundcheck

München, 01.06.2012

Der Phonetiker Jonathan Harrington vermisst mit naturwissenschaftlichen Methoden, auf welche Weise Menschen Laute formen und sie wahrnehmen. Das bringt ihn auf Erklärungen, wie sich die Sprache im Laufe der Zeit verändert.

„Ihre Aussprache ist volksnäher geworden“, sagt Jonathan Harrington über die Queen. Foto: AP/Alastair Grant/PA

„Spricht die Queen Cockney?“, titelt der berüchtigte englische Boulevard Weihnachten 2006 – eine für Briten unerhörte Schlagzeile. Das seit sechzig Jahren unangefochten regierende Oberhaupt des Commonwealth soll einen Arbeiterakzent haben? Urheber des Rauschens im Blätterwald, das alle wichtigen englischen Medien wie die Times und die BBC erfasste, ist ein Forscher, der britischer nicht sein könnte: freundlich, witzig und voller „understatement“. Was ist da passiert?

Aus dem Südosten Englands stammt Jonathan Harrington, einige Vorfahren waren deutsch. Doch nach dem Studium im renommierten Cambridge zieht es den Sprachwissenschaftler zunächst nach Australien. Dort beginnt er über ein Thema zu forschen, das Generationen von Philologen an ihr Grundstudium denken lässt: den Lautwandel. Nach dem Schema „biegen, biuge, bouc, bugen, gebogen“ werden im Mittelhochdeutschen die starken Verben der zweiten Ablautreihe gebildet, sie leitet sich vom Althochdeutschen „biogan“, biugu, boug, bugum, gibogan“ ab. Der Lateinunterricht lässt grüßen! Doch hinter diesen banalen Verbreihen verbirgt sich eine ungemein spannende Frage, die dem Europäischen Forschungsrat einen mit 2,5 Millionen Euro dotierten ERC Grant wert ist: Wie verändert sich Sprache im Laufe der Zeit und warum?

Ganze Generationen von Philologen haben sich in den letzten zwei Jahrhunderten an dieser Frage abgearbeitet, Jonathan Harrington aber geht einen ganz neuen Weg. Der Professor für Phonetik und digitale Sprachverarbeitung an der LMU will den Lautwandel mit naturwissenschaftlichen Methoden erforschen. Mit Hilfe von Apparaten misst er die verschiedenen Prozesse der Sprachproduktion und der Wahrnehmung gesprochener Sprache. Der Vorteil: Seine Theorien lassen sich mit Hilfe empirisch gewonnener Daten verifizieren – oder eben falsifizieren.

Aus dem Archiv der BBC
Lautwandel ist ein sehr langsamer Prozess. Ein signifikanter Wechsel in den einzelnen Vokalen, zum Beispiel vom althochdeutschen „bugum“ zum mittelhochdeutschen „bugen“ zum neuhochdeutschen „bogen“ (des Verbes „biegen“), braucht in der Regel Jahrhunderte. Harringtons Idee ist nun, einen vermuteten Zusammenhang zwischen Sprachevolution und Spracherwerb in der gesprochenen Sprache empirisch zu untersuchen: Fehler, die Kinder sowohl beim Aussprechen als auch beim Hören machen, manifestieren sich in der Alltagssprache. Spuren dieses Prozesses lassen sich auch anhand eines einzigen Sprechers untersuchen. Dazu braucht Harrington einen Sprecher, der aus einem Gebiet kommt, in dem bekanntermaßen ein Lautwandel stattgefunden hat und dessen Reden über einen langen Zeitraum aufgezeichnet wurden. Da gibt es nicht allzu viele.

Aus Forschungsberichten war bekannt, dass es im Englischen in den letzten 50 Jahren zu einer Lautverschiebung gekommen ist. So ist Harrington schnell auf die Weihnachtsansprachen der Queen gekommen, die traditionell von der BBC aufgezeichnet werden und im Archiv verfügbar sind. Harrington hat allerdings nicht wirklich damit gerechnet, die Erlaubnis zur phonetischen Nutzung zu bekommen. Doch schon drei Wochen nach der Anfrage kommt aus dem Buckingham Palace grünes Licht.

Zunächst isoliert der Phonetiker Vokale aus den aufgezeichneten Ansprachen und prüft sie akustisch. Ihn interessiert besonders das „u“. Im aristokratischen Vorkriegs-England wurde der Satz Lucy threw the ballon to Sue mit lauter u ausgesprochen. Heute hört er sich eher so an: Lücy thrü the ballün to Sü. Das u hat sich Richtung ü verschoben. Dann vergleicht Harrington die Vokale der jungen Queen mit denjenigen der heutigen Queen und mit Vokalen zeitgenössischer Nachrichtensprecherinnen. Das Ergebnis: Die Sprache der heutigen Queen ähnelt mehr der Sprache der Nachrichtensprecherin als der Queen in jungen Jahren. Die Queen hat also die Lautverschiebung mitgemacht, sie hört sich heute nicht mehr so aristokratisch an. „Ihre Aussprache ist volksnäher geworden“, erklärt Harrington. Spricht die Queen also Cockney? „Die Schlagzeile ist natürlich Unsinn“, sagt der Phonetiker, aber der Lautwandel der Queen liefert wichtige Hinweise, um die Sprachentwicklung zu verstehen.

Lautwandel ist nicht nur langsam, sondern geschieht auch unbewusst und unkontrolliert. Und er ist sehr kontextabhängig. Zum einen unterliegt er dem Kontext der Sprecher. Dass die Queen heute weniger aristokratisch klingt, liegt sicher auch am gesellschaftlichen Wandel im 20. Jahrhundert, erklärt Harrington. Gemeint ist zum anderen aber auch, der Kontext des jeweiligen Vokals: „Nimmt man zum Beispiel das a im deutschen Wort Mann, so stellen die meisten Hörer fest: Das a in Mann ist derselbe Laut wie das a in Pfad. Jedoch handelt es sich akustisch um völlig verschiedene Laute: In dem a in Mann senkt sich im Gegensatz zum a in Pfad das Gaumensegel, so dass ein Teil der Luft durch die Nase entweicht. Das a in Mann ist nasalisiert schon aufgrund des zeitlichen Bewegungsablaufes des Sprechapparats, also von Lippen, Zunge und Gaumensegel beim Aussprechen.“ Harrington ist sich da vollkommen sicher, denn er verlässt sich bei der Aussage nicht auf seine Ohren, sondern auf den Artikulographen. Der Apparat misst mittels Ultraschall, einem magnetischen Feld und durch Sensoren auf Zunge, Lippen und Kiefer die exakten Bewegungen des Sprechapparats bei der Bildung von Lauten. Gleichzeitig unterzieht Harrington seine Probanden Wahrnehmungstests.

Der Fehler als Ursache
Wir hören das nasalisierte a in Mann nicht, erklärt Harrington, weil wir gelernt haben, dass die Nasalierung nicht Bestandteil des Vokals ist, sondern aufgrund der Nasal-Konsonanten zustande kommt. Wir subtrahieren also die Nasalierung vom Vokal, und dadurch hören wir meistens nicht den Unterschied zwischen den a-Lauten in Mann und Pfad, obwohl die Vokale akustisch ganz unterschiedlich sind. Oder, etwas abstrakter: „Wie kann man überhaupt noch verstehen, angesichts der unendlich vielen Laute? Bedenkt man die Vielfalt an Lauten, die zusätzlich nach Alter, Geschlecht, Dialekt, sozialem Stand oder anderen Einflussgrößen differieren, versteht man leicht die Schwierigkeiten von Spracherkennungs-Software. Anders als der Computer schafft es das menschliche Hirn, unterschiedliche akustische Stimuli, zum Beispiel die beiden a-Laute im Kontext von Mann und Pfad als dieselben wahrzunehmen. „Es rechnet die zeitlichen Überlappungen der Nasallaute m und n mit dem a quasi raus“, erläutert Harrington, „und deswegen wird auch das a in Mann und Pfad als gleicher Laut erkannt, obwohl es sich einmal um einen nasalen Laut handelt und das andere Mal um einen oralen.“

Sprechen ist also ein sehr komplexer Prozess – und Verstehen ebenfalls. Kein Wunder, dass es da schnell zu Fehlern kommt. Und genau diese Fehler, das vermutet Jonathan Harrington, sind die Ursache für den Lautwandel und damit für die Entwicklung von Sprache. Manus, das lateinische Wort für Hand, hat trotz seiner nasalen Umgebung ein orales a. Doch irgendwann haben die Sprecher diesen Kontext einfach vergessen. „Sie haben ihn nicht mehr perzeptiv gefiltert“, erklärt Harrington. Und weil die Lautorgane träge sind und Laute daher gerne verschleifen, wurde aus manus das französische main, das a wurde nasalisiert und das n am Wortende nicht mehr artikuliert. Daraus allerdings die These abzuleiten, dass jedes a in der Umgebung eines Nasals wie m oder n nasalisiert wird, wäre falsch. Denn dann müsste die Form der Variabilität in allen Sprachen gleich sein – und das ist sie nicht, erklärt Harrington.

Lautwandel geschieht zum Teil willkürlich, zum Teil wird er durch den Umgang mit anderen Sprechern und Fremdsprachen gesteuert. Der Lautwandel ist organisch und kognitiv bestimmt und nicht vorhersagbar, betont Harrington, aber er unterliegt beschreibbaren Gesetzen. Um diese Prozesse zu verstehen, forscht Harrington gewissermaßen direkt an der Fehlerquelle, beim kindlichen Spracherwerb. „Kinder müssen das Kompensieren erst erlernen. Deswegen sind die Lautüberlappungen bei Kindern viel größer als bei Erwachsenen – und zwar so viel größer, dass sie perzeptiv nicht gefiltert werden können, einfach weil Sprache unendlich variabel ist.“ Eine Quelle des Lautwandels vermutet Harrington daher im Spracherwerb. Wir können Sprache nur erlernen, weil wir diese Fehler machen. Aber deswegen ändert sie sich auch.
Maximilian G. Burkhart (Forschungsmagazin Einsichten 1/2012)

 

Prof. Dr. Jonathan Harrington ist Inhaber des Lehrstuhls für Phonetik und digitale Sprachverarbeitung sowie Direktor des Instituts für Phonetik und Sprachverarbeitung an der LMU. Harrington, Jahrgang 1958, studierte am Downing College der University of Cambridge, wo er 1986 im Fachgebiet Linguistik auch promovierte. Er lehrte und forschte an der University of Edinburgh und an der Macquarie University in Sydney, Australien. 2002 übernahm er den Lehrstuhl für Phonetik und digitale Sprachverarbeitung an der Universität Kiel, bevor er 2006 nach München wechselte. Ende 2011 wurde Harrington mit einem Advanced Investigators Grant des Europäischen Forschungsrates (ERC) ausgezeichnet.

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