Ludwig-Maximilians-Universität München
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Stipendiatinnen vorgestellt - Clara Klug

Die Ludwig-Maximilians-Universität München fördert im Rahmen des Deutschlandstipendiums Studierende, die im sozialen Umfeld, in der Familie, im Verein oder in einer sozialen Einrichtung besondere Verantwortung übernehmen. Unterstützt werden ebenso Studentinnen und Studenten, die erfolgreich Hindernisse im eigenen Lebens- und Bildungsweg gemeistert haben oder durch ihr Talent auffallen. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen einige der Deutschlandstipendiaten der LMU vor.

Clara Klug,
Computerlinguistik-Studentin

Mit 50 Stundenkilometern brettert Clara Klug die steilste Abfahrt im Tiroler Langlaufgebiet Seefeld hinunter. Das ist schnell – vor allem, wenn man nichts sieht. Die Langläuferin und Biathletin ist seit ihrer Geburt sehbehindert und mittlerweile fast blind. Die größte Herausforderung daher: nicht zu stürzen. Damit das nicht passiert, führt sie ihr Guide und Trainer Martin Härtl auch beim Langlauf verbal über die Strecke. Ständig ruft er „Hopp, hopp, hopp", damit sie auf ihn zulaufen kann. Für Richtungsangaben nutzen sie Uhrzeitangaben: "Rechts auf drei" ist beispielsweise eine starke Rechtskurve, "Links auf elf" eine relativ flache Linkskurve.

Die zwei sind routiniert: „Selbst ein Sturz kann unser Vertrauen nicht erschüttern“, versichert Clara Klug. Härtl weiß, wie wichtig es ist, sich aufeinander verlassen zu können: Mit 17 Jahren stürzte er in einer Kletterhalle aus neun Metern Höhe und zog sich neben inneren Blutungen zahlreiche komplizierte Brüche zu. Beim Schießen vertrauen sie dennoch lieber auf die Technik: Geschossen wird mit einem elektronischen Gewehr. Über einen Kopfhörer bekommt die 21-Jährige ein akustisches Signal: Je höher der Ton, desto wahrscheinlicher wird ihr Schuss ein Treffer. Bei sogenannten Fahrkarten, also Fehlschüssen, gibt es wie bei Nichtbehinderten Strafrunden oder Strafminuten.

Auf Skiern stand Clara Klug zum ersten Mal, als sie fünf Jahre alt war. „Meine Eltern haben mich behandelt wie jedes andere sehende Kind auch“, erklärt sie rückblickend. Als Neunjährige hat sie das Langlaufen für sich entdeckt – ohne jegliche Ambitionen auf eine Profikarriere. Doch als Härtl Landestrainer des bayerischen Behinderten- und Rehabilitationssportverband (BVS) wurde, erinnerte er sich an die talentierte Münchnerin. „Du sahst mit 14 Jahren aus, als hättest Du Potenzial“, sagte Härtl damals. Zwei Tage gab er ihr Zeit, über eine Profikarriere in der Nationalmannschaft nachzudenken – und sie sagte „Ja“. Seitdem hat die Biathletin ein festes Ziel vor Augen: die Winter-Paralympics 2018 im südkoreanischen Pyeongchang.

Mittlerweile wurde Clara Klug unter anderem 2014 Siebte im Sprint Freistil beim Weltcup in Oberstdorf und 2015 Vierte bei der Weltmeisterschaft im amerikanischen Cable über fünf Kilometer klassisch. In der letzten Saison holte sie in Russland gleich Mal Bronze im Biathlon und erreichte die B-Kader Norm. Und das ausgerechnet im Freistilrennen über 15 Kilometer, bei dem sie sich bisher immer schwer getan hatte. Diesen Winter machte ihr allerdings die schlechte Schneesituation und eine heftige Erkältung zu schaffen, weshalb sie nicht bei der Deutschen Meisterschaft starten konnte. Umso mehr freut sie sich auf die Heim-Weltmeisterschaft in Deutschland in der kommenden Saison.

Trainiert wird in der Zwischenzeit natürlich trotzdem: Im warmen Halbjahr geht's zur Grundlagenausdauer aufs Tandem, zum Joggen in die Natur oder in die Skihalle. Auch mit dem Skirollertraining lassen sich im Sommer biathletische Verhältnisse simulieren. „In den nächsten Monaten ist jetzt aber erst mal wieder konzentriertes Studieren angesagt – die Klausuren rücken schließlich wieder in beunruhigende Nähe“, sagt Clara Klug und lacht. Denn neben dem Spitzensport studiert sie mittlerweile im sechsten Semester Computerlinguistik. Unterstützung für die Dreifachbelastung aus Sport, Studium und Behinderung erhält sie von ihren Eltern, Freunden – und dem Deutschlandstipendium.

Aufmerksam auf die finanzielle Unterstützung für besonders begabte und engagierte Studierende wurde Clara Klug durch den Stipendiumsnewsletter der LMU. Von dem Geld ihrer Förderer, dem Bund und der Erzdiözese München und Freising, kann sie jetzt ihren Arbeitsassistenten bezahlen: „Davor hatte ich das Gefühl, mehr zu organisieren als zu studieren“, erinnert sie sich. Dozenten müssen regelmäßig über ihre Behinderung und ihre Wettkämpfe informiert, der Stoff nachgearbeitet und Nachteilsausgleiche beantragt sowie Lehrmaterialien in digitaler Form beschafft oder aufbereitet werden. „Für zwei Skripte musste ich früher zirka 400 Euro zahlen“, verdeutlicht die Stipendiatin. Dank ihrer Disziplin und dem Deutschlandstipendium hat sie bisher alle Klausuren bestanden.

Anderen behinderten Menschen rät Clara Klug ebenfalls zum Sport: „Eine Behinderung ist noch lange kein Grund, sich nicht zu bewegen.“ Sorgen bereitet ihr nur die nachlassende Sehfähigkeit. „Wenn ich müde bin, kann ich auf einem Auge nicht mal mehr erkennen, ob das Licht jetzt an oder aus ist“, klagt sie. Am meisten nervt sie der Gedanke, dass Alltagssituationen wie Einkaufen und Kochen mit sinkendem Sehvermögen immer noch umständlicher werden. An manchen Tagen fühle sie sich daher „richtig beschissen“. „Aber Rumjammern hilft nichts“, sagt die Studentin mit kräftiger Stimme. Und lacht plötzlich wieder: „Für den Sport hätte auch eine Erblindung keine Auswirkungen – ich bin nämlich sowieso schon in der schlechtesten Behinderungsklasse für Blinde.“

Unterstützen Sie jetzt auch besonders begabte und engagierte Studierende mit 150 Euro im Monat! Der Bund verdoppelt Ihre steuerlich absetzbare Spende, damit jungen Menschen während ihres Studiums mehr Zeit zum Denken bleibt. Jetzt Förderer werden!