Ludwig-Maximilians-Universität München
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Männlichkeit im Fußball: Wann ist ein Mann ein Mann?

Was ist überhaupt Männlichkeit im Fußball? In seiner Abschlussarbeit zeigt Sebastian Hauser: Fußballer konstruieren ihre Männlichkeit – durch Machtdemonstration gegenüber Spielern, die in der Hierarchie der Männlichkeit nicht ganz oben stehen.

 

fußball_2_535

Wer ist von den Spielern der aktuellen EM besonders männlich?
Bei dieser EM gibt es eine ganze Reihe von Spielern, die nach dem derzeit in der westlichen Welt vorherrschenden Ideal als besonders attraktiv und männlich gelten. Das sind dann meist diejenigen, die dem seit einiger Zeit anhaltenden Trend folgen und einen Bart tragen, wie etwa Olivier Giroud, Sergio Ramos oder Gerard Piqué. Was man in dieser EM ebenfalls gut beobachten kann, ist die wichtige Rolle der Spielerfrauen. Wenn die Spieler nach dem Spiel zu ihren Freundinnen gehen, gehört das natürlich ebenfalls zur Darstellung von Männlichkeit. Beim ersten Deutschlandspiel hat ja zum Beispiel Mats Hummels seine Frau am Spielfeldrand geküsst – eine sehr medienwirksame Szene, die man bisher bei der deutschen Mannschaft so noch nicht gesehen hatte.

Jetzt zu deiner Abschlussarbeit: Wie bist du auf das Thema „Männlichkeit im Fußball“ gekommen?
Durch ein Seminar, bei dem es um die Körperlichkeit im Sport ging. Ich fand es spannend zu analysieren, wie Fußballer ihre Männlichkeit demonstrieren. Auf die Frage, was eigentlich männlich ist, hört man oft: Männer haben einen Bart, viele Muskeln und schießen beim Fußball die Tore. Doch eigentlich ist Männlichkeit ein soziales Konstrukt: Männer lassen sich bewusst einen Bart wachsen und trainieren, um Muskeln auszubilden und Tore zu schießen. Sie sind also aktiv daran beteiligt, Männlichkeit herzustellen und zu demonstrieren. Und wichtig ist auch: Unsere Vorstellungen von Männlichkeit verändern sich. In den 90ern galten zum Beispiel die Backstreet Boys als männlich – das sehen wir heute zum Glück etwas anders.

Wie hast du für deine Masterarbeit recherchiert?
Ich habe Feldforschung betrieben: Das heißt, ich habe mich mit Amateurvereinen in Verbindung gesetzt, deren Training und Punktspiele beobachtet und diverse Spieler und Trainer zu deren Vereinsleben interviewt. Das war wichtig, um überhaupt Daten für dieses Forschungsgebiet zu bekommen. Anhand der Gespräche mit den Interviewpartnern und soziologischer Männlichkeitsmodelle habe ich dann ein quantitatives Forschungsdesign für meine Theorie entwickelt.

Welche Männlichkeitsmodelle kennt die Soziologie?
Bei meiner Masterarbeit habe ich mich primär an Raewyn Connell orientiert, die vier Männlichkeitstypen entwickelt hat: Die hegemoniale, die komplizenhafte, die untergeordnete und die marginalisierte Männlichkeit. Die hegemoniale Männlichkeit ist dabei die höchste Form der Männlichkeit, die vom Großteil der Männer angestrebt wird. Sie ist sozusagen die durchsetzungsfähigste, akzeptierteste Form von Männlichkeit und entspricht dem derzeit vorherrschenden Ideal von Männlichkeit am meisten. Die von Connell entworfenen vier Formen habe ich auf eine Fußballmannschaft übertragen und mich gefragt: warum gibt es in der Fußballmannschaft sogenannte Führungsspieler? Wer steht in der Hierarchie ganz unten? Und wer unterstützt die Führungsspieler?

Wie definiert sich Männlichkeit im Fußball?
Voraussetzung für Männlichkeit im Fußball ist, dass der Spieler Top-Leistungen erzielt: Er muss das Spiel beherrschen und richtig gut sein. Verstärkt wird die Männlichkeit im Fußball durch die eigene Inszenierung: Es gilt zum Beispiel zum Beispiel im höherklassigen Fußball seit einigen Jahren als sehr männlich, sich tätowieren zu lassen. Wenn man heute Profimannschaften beobachtet, sieht man: Nur noch wenige sind nicht tätowiert. Als männlich gilt auch aggressives Spielverhalten oder das Unterdrücken der Mitspieler und die eigene Profilierung als Platzhirsch. So etwas ist leider vor allem im Amateurbereich sichtbar. Bei meinen Feldstudien habe ich auch beobachtet, wie Spieler auf dem Platz ausgelacht und als Schwächling tituliert werden – zum Beispiel, wenn sie sich über Verletzungen beklagen. Als männlicher Spieler zeigst du Härte, beißt die Zähne zusammen. Bei den Profis ist das natürlich etwas anderes: Hier geht es beim theatralischen Rumgewälze nach Fouls darum, Karten zu schinden.

Wie funktioniert diese Inszenierung?
Die eigene Inszenierung als männlicher Spieler zeigt sich vor allem in diversen Posen. Im Profibereich gehört dazu zum Beispiel das Ausziehen des Trikots, um seinen gestählten Körper zu zeigen. Man denke zum Beispiel an den Jubel von Mario Balotelli, der bei der EM vor vier Jahren demonstrativ sein Trikot ausgezogen hat, um seine Muskeln zu zeigen. Fußballer spielen mit ihrem Körper und stellen ihn dar. Auch, wenn sie dafür die Gelbe Karte erhalten: In der Regel ist ihnen das egal, weil es darum geht, die eigene Männlichkeit zu zelebrieren.

Homosexualität und Fußball ist immer ein Thema: Können schwule Fußballer männlich sein?
In der Theorie Connells gilt schwule Männlichkeit als die unterste Hierarchieform der Männlichkeit. Wenn Homosexualität offen gelebt wird – was im Profifußball meines Wissens nach derzeit bei keinem aktiven Fußballer der Fall ist – wäre es demnach eine unterwürfige Form der Männlichkeit, da Heterosexualität die größte Rolle in der hegemonialen Männlichkeit spielt. Homosexualität wird deshalb im Fußball nicht ausgelebt, weil man damit automatisch in der Hierarchie der Spieler absteigt. Eine sehr traurige Situation: Wenn sich der Fußball in den nächsten Jahrzehnten in der Form nicht weiterentwickelt, vermute ich, dass Depressionen, Burnout oder vielleicht sogar der eine oder andere Selbstmord unausweichlich sind. Denn für Spieler ist es mit Sicherheit eine Qual, ihre Sexualität für sich zu behalten oder sich gar mit irgendwelchen Alibifrauen auszuhelfen.

Wird sich das in naher Zukunft ändern?
Meiner Ansicht nach wird sich daran in nächster Zeit nichts ändern. Im Zuge meiner Abschlussarbeit habe ich mir auch überlegt, wie man etwas an dieser Situation ändern könnte. Mein Vorschlag: ein Outing sollte nicht von einem einzigen Fußballspieler kommen, sondern als koordiniertes Outing mehrerer Spieler starten. Das mag utopisch klingen, doch damit würde die Last nicht mehr auf einer einzelnen Person liegen. Aber davon sind wir leider in Deutschland noch weit entfernt.
cdr

 

Verantwortlich für den Inhalt: Kommunikation und Presse