Ludwig-Maximilians-Universität München
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Recherche im NS-Kunst-Depot

LMU-Studentin Sofie wollte in ihrer Abschlussarbeitet etwas Neues herausfinden: Für ihre Masterarbeit analysierte sie unzählige Dokumente, die zuvor noch kaum jemand untersucht hatte.

Sofie Eikenkötter

„Haus der Kunst in klein“: In ihrer Masterbeit beschäftigte sich Sofie Eikenkötter mit der Städtischen Galerie in Rosenheim, die auch nach 1945 Bilder bekannter NS-Künstler zeigte.

Wo kann man etwas erforschen, das nicht bereits in zahlreichen Abschluss- oder Doktorarbeiten beschrieben und untersucht wurde? Sofie Eikenkötter beschäftigte sich in ihrer Masterarbeit mit NS-Kunst – und suchte dabei vor allem ein Thema bei dem sie selbst aktiv werden konnte. „Bei meiner Recherche musste ich die Informationen im Archiv erst einmal ausgraben. Und konnte Dokumente einsehen, mit denen sich zuvor kaum jemand wissenschaftlich auseinandergesetzt hat“, erklärt sie.

Ihr Thema: NS-Künstler in der städtischen Galerie in Rosenheim. Denn was kaum jemand weiß: Die Region rund um Rosenheim fungierte nach dem Zweiten Weltkrieg als Rückzugsort für einige NS-Künstler. Schon während des „Dritten Reichs“ stellten viele Künstler ihre Werke in der Städtischen Galerie Rosenheim aus. „Teilweise sind NS-Künstler nach Ende des Zweiten Weltkriegs sogar in die Umgebung Rosenheims gezogen. Und in der städtischen Galerie wurden auch nach 1945 die Bilder gezeigt, die man bereits während der NS-Zeit für gut befunden hatte“, berichtet Sofie.

Die Kunstgeschichtsstudentin Sofie stieß dabei auch auf unvorhergesehene Parallelen: Denn die Künstler, die in der Städtischen Galerie Rosenheim ausgestellt haben, waren auch im Haus der Kunst zu sehen. Ihr Betreuer, PD Dr. Christian Fuhrmeister vom Institut für Kunstgeschichte der LMU, beschreibt die Galerie als „Haus der Kunst in klein“: Denn die Künstler, die auf der Großen Deutschen Kunstausstellungen 1937-1944 in München gezeigt wurden, waren auch in der Städtischen Galerie Rosenheim, deren Schirmherr Hermann Göring war, zu sehen.

Der gravierende Unterschied: Während im Haus der Kunst in München NS-Kunst ins Depot wanderte, bleiben die Künstler in Rosenheim weiterhin populär. Viele verschwiegen ihren Erfolg während der NS-Zeit, andere drehten ihre Biografie sogar komplett um und verkauften sich als von Nazis verfolgte Vertreter der „entarteten Kunst“, berichtet Sofie.

Was ist überhaupt NS-Kunst?
Die Arbeit in Rosenheim habe sich angeboten, da dort eine unkomplizierte Zusammenarbeit möglich gewesen sei. „Im Stadtarchiv Rosenheim muss man – im Vergleich zu vielen anderen Kunstarchiven nicht unzählige E-Mails hin- und herschreiben, um Zugang zu wichtigen Dokumenten zu erhalten.“ Anfangs habe sie sich einfach ganz unvoreingenommen kreuz und quer durch das Archivmaterial gewühlt – und blieb unter anderem bei der Korrespondenz des Rosenheimer Kunstvereins hängen. Vor allem die unprätentiösen Protokolle des Kunstvereins, die viel über die Arbeit der Galerie preisgeben, weckten ihr Interesse. Man merkt, dass diese einfach lax runtergeschrieben wurden. „Mir gefällt es, wenn Sachen einfach formuliert sind. Das merkt man wahrscheinlich auch an meiner Masterarbeit.“

Was nach dem Abschluss ihrer Masterarbeit noch fehle, sei die Frage, ob das Beispiel Rosenheim eine Ausnahmeerscheinung war. Dem will Sofie nun in einer Doktorarbeit an der LMU nachgehen und den Umgang mit der NS-Kunst nach 1945 untersuchen. „Viele Fragen in diesem Bereich sind noch äußerst schlecht erforscht: Welches Bild von NS-Kunst haben wir? Und was wird überhaupt als NS-Kunst deklariert?“

2016 schloss Sofie Eikenkötter ihre Masterarbeit ab, die die Grundlage für die studentische Ausstellung "vermacht.verfallen.verdrängt. Kunst im Nationalsozialismus", an der auch Sofie maßgeblich beteiligt war, schuf. Die Studentin koordinierte über drei Semester hinweg die Arbeit der Studierenden, die neben der Ausstellung und einem Katalog auch ein Kolloquium am Zentralinstitut für Kunstgeschichte organisieren. Die Ausstellung ist vom 24. September bis 19. November 2017 in der Städtischen Galerie Rosenheim zu sehen.

Onlinepublikation Eikenkötter, Sofie: Die Städtische Galerie in Rosenheim. Zwischen Tradition und Propaganda von 1935 bis in die frühen Nachkriegsjahre. https://epub.ub.uni-muenchen.de/28166/